Kultur

Das bringt das Jubiläum

Vor 70 Jahren öffnete sich in der Komischen Oper wieder der Vorhang. Intendant Barrie Kosky blickt zurück ­– und voraus

Die Komische Oper hat den Rahmen für ihre Jubiläumsspielzeit 2017/18 abgesteckt: Angefangen wird am 15. Oktober mit Debussys „Pelléas et Mélisande“ in französischer Sprache in einer Inszenierung des Hausherrn Barrie Kosky. Daneben gibt es drei weitere große Opernpremieren sowie Operetten- und Musicalinszenierungen. 70 Jahre alt wird die Komische Oper in diesem Jahr.

Im Dezember 1947 öffnete sich im einstigen Metropol-Theater erstmals nach dem Krieg der Vorhang. Der aus Österreich stammende Intendant Walter Felsenstein hatte dem Haus einen neuen Namen gegeben. Es seien mehrere Themen gewesen, so Barrie Kosky, mit denen Felsenstein die Komische Oper legendär gemacht habe: „Felsenstein ließ in einem Opernhaus konsequent unterschiedliche Theatersprachen und Ästhetiken zu.“ Und höchst unterschiedliches Repertoire. Neben den üblichen deutschen oder italienischen Stücken fand man plötzlich das damals höchst exotische „Schlaue Füchslein“ des Tschechen Janáček oder Operetten von Jacques Offenbach. Der dritte Aspekt des Felsensteinschen Erbes sei die Spielfreudigkeit des Ensembles gewesen. „Felsenstein begriff den Darsteller als körperlich-stimmliches Instrument seines Theaters.“ Er sei, so Kosky, „unser Großpapa“.

„Anatevka“ ist ein echter Kosky-Coup

Felsenstein blieb bis zu seinem Tod 1975 Chefregisseur des Hauses. Trotz der Zulassung von anderen Opernsprachen als Deutsch und trotz des Bruches mit verschiedenen anderen Gewohnheiten an der Komischen Oper kehrt Kosky doch, das wird in der kommenden Jubiläumssaison deutlich werden, viel stärker als seine unmittelbaren Intendanten-Vorgänger zu künstlerischen Grundpfeilern der berühmten Felsenstein-Tradition zurück.

Gewiss: Im Zuge der Programm-Präsentation für die Spielzeit 2017/18 macht Barrie Kosky keinen Hehl daraus, dass er sich die alten DVDs mit Felsensteins legendären Operetten-Inszenierungen „Hoffmanns Erzählungen“ oder „Ritter Blaubart“ normalerweise nicht anschaut. Dass das Jubiläum des Hauses indes nach fünf Jahren seiner Arbeit und der erfolgreichen Etablierung seiner eigenen ästhetischen Vorstellungen erfolgt, kommt Kosky bestens zupass.

Denn nun kann er seine eigene Vorliebe für alte französische und jüdisch-berlinische Operetten noch besser mit der Tradition des Hauses kurzschließen als zuvor – und zu Recht. Wenn man etwa mit den Weihnachtsaufführungen der Operetten Paul Abrahams weitermache (in diesem Jahr mit „Märchen im Grand-Hotel“ von 1934), werde die Komische Oper noch „der Grüne Hügel der Berliner Jazz-Operetten“, scherzt Kosky. Die Verpflichtung des gefragten norwegischen Regie-Stars Stefan Herheim für eine Neuinszenierung der Felsenstein-Operette par excellence im März 2018, des „Blaubart“ von Jacques Offenbach knüpft noch expliziter an die Felsenstein-Tradition an.

Ein echter Kosky-Coup ist die Idee des Intendanten, das Evergreen-Stück „Anatevka“ ziemlich genau zum Geburtstag der Komischen Oper Anfang Dezember 2017 selbst zu inszenieren. Das 1964 für den Broadway komponierte Musical sei, so Kosky, ein „natürlicher Nachkomme der alten europäischen Operettenformate“: kein Kammerstück, sondern ein großformatiges Musiktheaterwerk mit Chor und Orchester. Kosky sieht es in der Reihe seiner eigenen Arbeiten an der Komischen Oper, in einer organischen Nachfolge seiner höchst erfolgreichen Inszenierungen der Musicals „Kiss me Kate“ und „West Side Story“.

Kosky betont, dass er die „Anatevka“-Welt des ostjüdischen Schtetls, aus der seine Vorfahren 1904 nach Australien auswanderten, keineswegs als heimeligen Ort mit Kitsch und Nostalgie darstellen wolle. „Diese Welt war ein furchtbares kulturelles Gefängnis.“

Bis 2022 möchte Barrie Kosky der Komischen Oper erhalten bleiben – nach fünf Jahren ist für den Intendanten somit Halbzeit, und Kosky kann ein von Grund auf gesundes und ideenreiches Haus mit einer Auslastung von durchschnittlich 88 Prozent präsentieren. Vorstellungen wie die Erfolgs-„Zauberflöte“ sind regelmäßig ausverkauft. Sie spielt zudem auf Tourneen in weltweit bisher 15 Städten Geld ein – beträchtliche Summen, die nach den Worten der Geschäftsführenden Direktorin Susanne Moser für vier Neuproduktionen im Berliner Stammhaus reichen. Sonst wäre vielleicht die erste Berliner Produktion einer großen Philip-Glass-Oper („Satyagra“ von 1980 im Oktober 2017) sowie der Schostakowitsch-Skandal-Oper „Die Nase“ (Regie: Kosky, in deutscher Sprache) mit insgesamt 35 Solisten für 77 Rollen finanziell nicht zu stemmen.

Gesamteinnahmen erreichen einen Höchststand

Mit elf Millionen Euro haben die Gesamteinnahmen der Komischen Oper in der vergangenen Spielzeit einen geschichtlichen Höchststand erreicht. Teile fließen in eine Tariferhöhung für die Mitarbeiter, und auch für die anstehende Generalsanierung des Hauses ab 2022 bei laufendem Betrieb will gespart werden. Im kommenden Jahr werden mit der aufwendigen Erneuerung des Brandschutzes bereits Vorkehrungen dafür getroffen, dass der äußerst marode Theaterbau die Zeit bis 2022 noch durchhält.

Ein Opernhaus als Forum für unterschiedliche Genres, unterschiedliche Publika: Kein Musiktheater in Berlin verfolgt diesen ebenfalls auf den Volkstheater-Mann Walter Felsenstein zurückgehenden Spagat derzeit so konsequent wie Koskys Komische Oper.