Kultur

Fünf Premieren an einem Tag

Mehrere Theater in Berlin und Potsdam zeigen am Freitag ihre neuen Stücke. Jedes einzelne ist äußerst vielversprechend

Da muss auch der ausdauerndste Theaterfan klein beigeben: Wer in Berlin und Potsdam am Freitag auf eine Premiere will, muss sich zwischen fünf Terminen entscheiden. Das Deutsche Theater (DT) zeigt Bastian Krafts Version von Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" mit Ulrich Matthes, das Gorki Sebastian Nüblings Uraufführung von Sasha Marianna Salzmanns "Zucken" mit jugendlichen Darstellern. Das Renaissance-Theater bringt "Konstellationen" des britischen Nachwuchsdramatikers Nick Payne in äußerst prominenter Besetzung: Suzanne von Borsody und Guntbert Warns spielen die vielen Begegnungen eines Paars in Parallelwelten. In "The Great Pretender" zelebriert der US-amerikanische Performer Zachary Oberzan den Wunsch, immer wieder ein anderer zu sein – als Deutschlandpremiere im Hebbel am Ufer (HAU). Und in Potsdam erzählen zeitgleich Autorin Maxi Obexer und Regisseur Clemens Bechtel in ihrem Rechercheprojekt "Gehen und Bleiben" von Migration.

Wer alle Produktionen sehen will, muss sich organisieren

Jede dieser Premieren ist äußerst vielversprechend. Und alle werden mehr als einmal gespielt. Bei "The Great Pretender" (läuft nur Freitag und Sonnabend) und "Gehen und Bleiben" (wird wegen der vielen Gäste nur achtmal im April gezeigt, bevor es wieder verschwindet) muss man sich zwar beeilen. Aber wer alle Produktionen unbedingt sehen will, kann das mit ein bisschen Organisationstalent schaffen. Dennoch stellt sich die Frage, gerade im Hinblick darauf, dass die Theater auch von medialer Aufmerksamkeit leben: Kann das gut sein, dass sich die Premieren so ballen?

Kann es nicht. Deshalb koordiniert für die Berliner Theater der Berliner Landesverband des Deutschen Bühnenvereins die Premierendaten – jedenfalls der Häuser, die Mitglied sind. Das HAU zum Beispiel und das Berliner Ensemble sind es nicht. Das Hans Otto Theater auch nicht, weil es nicht zu Berlin gehört. Die anderen melden ihre Premierendaten bei Petra Welke-Lehmann, die sie für mehrere Spielzeiten im Voraus entgegennimmt – ihr aktueller Kalender reicht bis 2019. Sie sagt den Theatern auch, ob es für die entsprechenden Tage schon Anmeldungen gibt und an welcher Stelle sie in der Anmeldungsreihenfolge stehen. Handlungsspielraum hat Welke-Lehmann aber nicht: "Ich bestimme nicht, wer wann Premiere feiern darf", sagt sie. "Ich führe die Daten zusammen. Wenn es zu Überschneidungen kommt, müssen das die Theater untereinander ausmachen."

Das tun sie auch. Das Gorki Theater zum Beispiel hat mit dem Deutschen Theater darüber gesprochen, ob es nicht eine Möglichkeit gibt, die Überschneidung am Freitag zu verhindern. Aber es gibt eben auch hausinterne Zwänge. "Wir haben ein kleines Ensemble, das mit vielen Gästen bei Regie und Besetzung arbeitet", sagt Gorki-Pressesprecherin Xenia Sircar. "Zucken" ist zudem eine Koproduktion mit dem Jungen Theater Basel mit jungen, nicht professionellen Darstellern, die sowohl aus Berlin als auch aus der Schweiz kommen. Gerade ist das Team nach zwei Wochen Proben in Basel in Berlin angekommen, um hier den Endspurt bis zur Premiere zu gestalten. Nach drei Terminen im Gorki geht die Inszenierung nach Basel und ist erst wieder im Mai in Berlin zu sehen.

Eine komplexe Situation, gerade weil die vielen Jugendlichen koordiniert werden müssen und die Abstimmung zwischen zwei Häusern und Ländern große Herausforderungen mit sich bringt. Klar, dass da die Berliner Premierenabstimmung nicht mehr ganz so wichtig erscheint. "Natürlich ist das nicht ideal", sagt Sircar. "Wir haben mit dem DT gesprochen, aber es hat leider nicht funktioniert." Allerdings wendet sich "Zucken" insbesondere an ein junges Publikum, das sich – gerade zur Premiere – nicht unbedingt mit dem DT-Publikum überschneidet. Auch Katharina Wenzel, Pressesprecherin des Deutschen Theaters, bestätigt, dass es Gespräche über den 17. März gegeben hat. "Das hat in diesem Fall leider nicht geklappt", sagt sie. Das Deutsche Theater feiert seine Premieren schon seit Langem entweder am Freitag oder am Sonntag: "Das hat sich über die Jahre ergeben", sagt Wenzel. "Freitag ist ohnehin der ideale Theatertag. Und das Publikum hat sich längst darauf eingestellt." Bestimmt werden die Premierentermine übrigens in den künstlerischen Betriebsbüros der Häuser, den organisatorischen Herzkammern der Theater.

Für Potsdam ist "diese Überschneidung total schade"

Vermutlich überschneidet sich das Publikum des Renaissance Theaters nicht ganz so stark mit dem der anderen Häuser. Auch das HAU hat sein eigenes Publikum und Journalisten, die sich besonders für sein außergewöhnliches Profil interessieren, wie HAU-Sprecherin Annika Frahm sagt. Dramatischer sieht es für das Hans Otto Theater in Potsdam aus, das in solchen Fällen in der Berichterstattung meist leer ausgeht. "Für uns ist diese Überschneidung total schade", sagt Pressereferentin Stefanie Eue. Potsdam gehört nicht zu Berlin, kann deshalb die eigenen Premieren nicht beim Bühnenverein-Landesverband melden, wird aber von Teilen des Publikums wie von der Berliner Presse durchaus als Berlins sechstes Staatstheater wahrgenommen. Gerade eine so spannende Rechercheproduktion wie "Gehen und Bleiben" wirft ja auch Fragen auf, die für Berlin relevant sind.

"Dass wir so wahrgenommen werden, ist für uns eine Krux", sagt Eue. "Einerseits wollen wir einen Spielplan für die Stadt machen und das Brandenburger Umland, andererseits wissen wir, dass wir von Berlin aus beachtet und besucht werden." Gerade zu populären Produktionen wie Yasmina Rezas "Kunst" kämen Berliner, vor allem aus Steglitz, Wilmersdorf und Zehlendorf. Deshalb habe es auch Diskussionen gegeben, ob es nicht doch eine Möglichkeit gäbe, beim Berliner Landesverband anzudocken. Allerdings kann ein Haus wie Potsdam auch darauf nur bedingt reagieren – oft geben die Produktionsrhythmen und Abonnements vor, wann Premieren stattfinden müssen: "Donnerstagspremieren zum Beispiel kriegen wir nicht mit unserer Produktionstaktung vereinbart", sagt Eue.

So wird es also vermutlich auch in Zukunft zu solchen krassen Premierenballungen in Berlin und Umgebung kommen. Am Ende zeigen solche Zufälle aber vor allem, wie reich die Theaterlandschaft von Berlin und Umgebung ist. Denn die Qual der Wahl ist nicht zuletzt ein Luxus, der die Stadt ziemlich einzigartig macht.

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