Kultur

Ensemble saust mit angelegten Ohren durchs Finale

Dirigent Teodor Currentzis mit MusicaAeterna im Konzerthaus

Genie oder Plagiator, Poser oder Prophet? Wenn vom Dirigenten Teodor Currentzis die Rede ist, gehen die Meinungen weit auseinander. Eines allerdings steht fest: Der Grieche, Jahrgang 1972, passt perfekt in die gegenwärtige Klassik-Branche. Eine Branche, in der die sensationelle Lebensgeschichte eines Interpreten so wichtig geworden ist wie sein musikalisches Vermögen.

Im Falle von Currentzis funktioniert diese Lebensgeschichte folgendermaßen: Junger begabter Grieche, ausgebildet vom legendären russischen Dirigenten-Macher Ilya Musin, wandert nach Sibirien aus – frustriert von einer in seinen Augen musealen europäischen Opern- und Orchester-Szene. Sechs Jahre lang krempelt er das dortige Nowosibirsker Opernhaus radikal um, scharrt Gleichgesinnte um sich, gründet das Originalklang-Ensemble MusicaAeterna. Er gilt als Musikbesessener, als kompromissloser Perfektionist, dem sich seine Musiker wie Mitglieder einer Sekte unterwerfen. Den internationalen Durchbruch erreicht er spätestens 2011 mit seinem Wechsel ans Opernhaus Perm, seine Aufführungen von Mozart-Opern werden von Publikum und Kritik größtenteils als Sensationen gefeiert.

Kaum verwunderlich also, dass im ausverkauften Konzerthaus die Erwartungen entsprechend hoch sind – zumal der griechische Dirigent auch an diesem Abend Mozart aufs Programm gesetzt hat. Doch gleich Mozarts g-Moll-Sinfonie KV 183 zu Beginn sorgt für Irritationen: Spielen dort wirklich Currentzis und sein Ensemble MusicaAeterna? Von Musikbesessenheit und Perfektion, von Spielfreude und Leidenschaft ist jedenfalls noch wenig zu spüren.

Erstaunliches ereignet sich auch in Mozarts D-Dur-Violinkonzert KV 218. Die moldawische Geigerin Patricia Kopatchinskaja scheint das Werk als lautmalerische Auseinandersetzung zwischen Katze und Vogel anlegen zu wollen. Sie lässt ihre Geige kratzen und maunzen, piepsen und flattern. Und das MusicaAeterna-Ensemble? Es klingt der Solistin zum Verwechseln ähnlich. Und dann, nach der Pause, endlich der große Niveau-Sprung: Beethovens' Dritte, sehr flott und riskant von Currentzis vorangetrieben. Der Kopfsatz wirkt wie ein grandioser Gewittersturm, der Trauermarsch wie ein leichtgewichtiger Tanz. Plötzlich ist es da, das eingeschworene Ensemble, das seinem Dirigenten auf Gedeih und Verderb folgt – und mit angelegten Ohren durch ein ruppiges Beethoven-Finale saust.

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