Kultur

Immer auf Reisen

Die koreanische Dirigentin Eun Sun Kim leitet Orchester weltweit. Derzeit arbeitet sie in Berlin

Eun Sun Kim wirft den Kopf in den Nacken und lacht hell. Ihre langen schwarzen Haare fallen über die weite Seidenbluse, und ihre Hände schwingen leicht durch die Luft. Die gebürtige Südkoreanerin hat es geschafft. Sie darf gleich drei Stücke an der Staatsoper im Schiller Theater dirigieren, "Ariadne auf Naxos", "Madame Butterfly" und "La Traviata". Als Frau am Dirigentenpult noch immer eine Seltenheit zu sein, nimmt sie gelassen.

Der Lehrer entdeckteihr Talent zum Dirigieren

Dass sie heute in Häusern wie der Königlichen Oper Stockholm, der Semperoper Dresden und der English National Opera in London dirigiert, hat sie vor allem ihrem Universitätsprofessor zu verdanken, der während ihres Kompositionsstudiums in Seoul ihr Talent entdeckte. "Dass mein Lehrer damals in mir eine Dirigentin sah, ist ein Wunder", sagt sie heute. Sie könne es sich immer noch nicht erklären. Irgendwann fragte sie ihn einmal, warum er aus den vielen Studenten ausgerechnet sie als einzige Schülerin annahm. "Wegen Ihrer Bescheidenheit", habe er gesagt.

Bescheiden wirkt Eun Sun Kim auch jetzt noch. Höflich und lebendig, aber auch zurückhaltend und vorsichtig, antwortet sie in einem fast perfekten Deutsch auf die Fragen. Sie sei glücklich, sagt sie immer wieder. Wenn sie lachend vor dem Flügel in der Staatsoper sitzt, glaubt man es ihr.

Leicht ist das Leben als Dirigentin nicht. Oft tritt Eun Sun Kim jeden Tag in einem anderen Land auf. In ihrer Wohnung in Wien ist sie nur selten. Auch in der vergangenen Woche war die Musikerin für eine "Carmen"-Aufführung in Oslo, dann für "Ariadne auf Naxos" in Berlin, dann wieder in Oslo, dann wieder in Berlin. Und dann sind da noch die Konzerte selbst. "Als Dirigent braucht man viel Kraft und Ausdauer. Es ist körperlich sehr anstrengend", sagt Eun Sun Kim. Bis zu fünf Stunden steht sie bei Aufführungen vor dem Orchester.

In ihrem Heimatland ist sie höchstens einmal im Jahr. Dafür kommen ihre Eltern sie besuchen. Da, wo sie gerade ist, ob in Madrid, London oder Berlin. Dass sie tatsächlich nach ihrem Kompositionsstudium in Seoul alleine ins Flugzeug stieg und nach Berlin flog, sei eine große Überraschung für ihre Eltern gewesen. Und obwohl Eun Sun Kim die einzige professionelle Musi­kerin in der Familie ist, hätten die Eltern sie immer bestärkt.

"Ich wollte nach Deutschland kommen, weil die westliche Musik hier entstanden ist", sagt Eun Sun Kim. In Berlin lernte sie Deutsch und verbrachte ihre Abende in den Konzertsälen. Eine Beethoven-Symphonie mit einem deutschen Orchester zu hören, sei ein großer Glücksmoment für sie gewesen. Ihre Ausbildung habe sie dann aber in einer weniger internationalen Stadt fortsetzen wollen. In Berlin seien einfach zu viele nette Koreaner gewesen, da sei es ihr schwergefallen, ganz in die deutsche Kultur einzutauchen. Also zog Eun Sun Kim nach Stuttgart.

Ihrer Sonderrolle ist sich die Dirigentin noch heute bewusst. Am Anfang ihrer Karriere habe ihr ein Agent gesagt, dass sie als Frau und Asiatin besser als alle anderen sein müsse, um erfolgreich zu sein. Ein hartes Urteil? So sei das eben, meint die Dirigentin. Wenn ein Europäer nach Korea käme, um koreanische Musik zu machen, sei sie genauso skeptisch, ob er Sprache und Kultur kenne. Und die Abwertung der Frau als Dirigentin? Sie habe mit den Orchestern immer nur positive Erfahrungen gemacht, sagt Eun Sun Kim. "Die Musiker sehen mich als Dirigentin und nicht als Frau."

Mehr junge Frauen strebenin ihren Beruf

Als Dirigentin sei die gute Kommunikation mit dem Orchester entscheidend, nicht das Geschlecht, sagt Eun Sun Kim. "Ich versuche, ein Vertreter des Komponisten zu sein und gemeinsam mit dem Orchester Musik entstehen zu lassen." Frauen in Führungspositionen seien eben noch immer nicht selbstverständlich. Egal ob in der Musik oder in Unternehmen. Doch das ändere sich langsam. "In meiner Generation gibt es viele Dirigentinnen, ich glaube, das wird normaler." Eine Entwicklung, die vor allem Vorreitern wie Simone Young zu verdanken ist. Die australische Dirigentin kennt Eun Sun Kim gut. In Hamburg und Lissabon arbeiteten die beiden Frauen zusammen. Am gestrigen Sonntag trat Young ebenfalls in der Staatsoper im Schiller-Theater auf. Sie stand für die Wagner-Gala am Dirigentenpult. Auch wenn es Frauen in Europa schwerer als Männer haben, im Vergleich zu Korea sei die Situation für junge Dirigenten in Deutschland besser, findet Eun Sun Kim. In Deutschland könne sie als Frau Mitte 30 auf gleicher Augenhöhe mit den Musikern sprechen. In Korea ordne sich die Hierarchie nach Alter, Erfahrung und den richtigen Freunden. Da sei es schwerer, einen Zugang zu den Musikern zu finden.

Einen Zugang, den Eun Sun Kim bei jedem neuen Orchester aufs Neue finden muss. Sie liebe die erwartungsvollen Gesichter, wenn sie zum ersten Mal vor einem Orchester stehe, sagt die Dirigentin. Für ein festes Engagement würde sie aber auf das viele Reisen verzichten. Einen festen Chefposten zu besetzen, sei im Gegensatz zu ihrer Tätigkeit als freie Dirigentin eine andere Welt. Dann könne sie eine feste Beziehung zu einem Orchester aufbauen. Darauf sei sie sehr neugierig.

Nicht nur ein festes Engagement reizt die Dirigentin. Auch ein weiterer Wunsch lässt sie seit nicht mehr los. "Ich träume davon, eines Tages wieder zu komponieren", sagt Eun Sun Kim. Aber dafür sei es ja noch lange nicht zu spät. Denn, wie ihr Universitätsprofessor damals in Seoul zu ihr sagte, als sie zögerte, sich ganz auf das Dirigieren zu konzentrieren: Komponieren können Musiker noch mit 90 Jahren, aber Dirigieren, dafür braucht man viel Kraft.

Staatsoper im Schiller Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg, Tel.: 203 545 55. "Ariadne auf Naxos", 18./20. März, "Madame Butterfly", 20./23./25. April, "La Traviata", 29. April, 3./5./7. Mai

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