Museum für Kommunikation

Herlinde Koelbl und ihre geflüsterten Geheimnisse

| Lesedauer: 3 Minuten
Maria Bidian
Für die Ausstellung „Stille Post“ fotografierte Herlinde Koelbl Menschen, die sich Geheimnisse ins Ohr flüstern

Für die Ausstellung „Stille Post“ fotografierte Herlinde Koelbl Menschen, die sich Geheimnisse ins Ohr flüstern

Foto: Herlinde Koelbl

Herlinde Koelbl zeigt im Museum für Kommunikation, was passiert, wenn fremde Menschen sich plötzlich näherkommen.

Die junge Frau lacht laut, als ihr ein Mann leise etwas ins Ohr flüstert. Was er da sagt, weiß der Betrachter nicht, und es ist auch unwichtig, denn bei dieser Bilderserie kommt es auf die Reaktionen der Fotografierten an. Fremde Menschen, die sich plötzlich nahekommen, miteinander in Kontakt treten, eine Beziehung aufbauen und sich trotz Alters- und Kulturunterschied verstehen.

Die 28 Fotos der Ausstellung „Stille Post“ der vielfach ausgezeichneten Fotografin und Dokumentarfilmerin Herlinde Koelbl hängen im Museum für Kommunikation über zwei Stockwerke verteilt. Gleich nachdem der Besucher das Museum betritt, sieht er bereits die ersten Schwarz-Weiß-Fotografien, die ihm aus dem Lichthof entgegenblicken. Ein idealer Ausstellungsort, um der Bewegung zu folgen, die durch die Bilder verläuft. Jede Person ist dabei doppelt abgebildet. Als Zuhörer und als Flüsternder.

„Die Bilder beschäftigen sich mit der Frage, was das Fremde für uns ist“, sagt Herlinde Koelbl. Sie habe die Vernetzung der Menschen zeigen wollen und versucht einzufangen, was passiert, wenn Menschen Nähe zulassen und wirklich zuhören. Für Ihre Fotos brachte die Fotografin Frauen, Männer und Kinder aus 16 Nationen in ihrem Studio zusammen. Darunter auch Prominente wie die Schauspielerin Sunnyi Melles, den Barbesitzer Charles Schumann oder die Moderatorin Amelie Fried. Entstanden ist die Serie 2004 als Beitrag gegen Fremdenfeindlichkeit für den Verein Lichterkette e. V. München.

Um die Fotos betrachten zu können, muss der Besucher aufblicken und im Lichthof spazieren gehen. Schnell wird er von den Emotionen der abgebildeten Menschen ergriffen, so wie sie, öffnet er sich, beginnt zu lächeln, wird nachdenklich, lacht. Nicht nur zwischen den Fremden auf den Fotos entsteht eine Verbindung, sondern auch zwischen Abgebildeten und Betrachter. Auffallend ist, dass das Fremde in der Ausstellung ausschließlich positiv dargestellt ist. Trotz vereinzelter kritischer Blicke lassen alle fotografierten Paare die Nähe zu.

Es sei ihre Absicht gewesen, nur die positiven Seiten des Aufeinandertreffens unterschiedlicher Kulturen zu zeigen, so die Fotografin. Sie sehe „Stille Post“ als Erweiterung Ihrer „Refugees“-Fotoausstellung, die bis Anfang März im Auswärtigen Amt zu sehen war. Dort dokumentieren die Fotos das Elend und die Hilflosigkeit der Flüchtlinge und Helfer. So ist „Stille Post“ weniger eine Reflexion darüber, was das Fremde ist, als ein gelungener Versuch, den kurzen magischen Moment einzufangen, der entsteht, wenn Menschen direkt auf einander reagieren, ihre eigene Angst überwinden und versuchen, den anderen zu verstehen.

Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16, Mitte. Tel.: 202 94 0. Di. 9–20 Uhr, Mi.–Fr. 9–17 Uhr, Sbd/So. 10–18 Uhr. Bis zum 11. Juni