Eröffnungskonzert

Daniel Barenboim und die Magie des Pierre Boulez Saals

Psychologie eines Raumes: Die Eröffnung des Pierre Boulez Saals in Berlin verrät viel über Trends im Konzertbetrieb.

Das Publikum sitzt um die Musiker herum: Daniel Barenboim dirigiert zur Eröffnung des Pierre Boulez Saals

Das Publikum sitzt um die Musiker herum: Daniel Barenboim dirigiert zur Eröffnung des Pierre Boulez Saals

Foto: Peter Adamik

Fast dreieinhalb Stunden dauert das Eröffnungskonzert. Im Schlussjubel holt Hausherr Daniel Barenboim den US-amerikanischen Architekten Frank Gehry und den japanischen Akustiker Yasuhisa Toyota in die Bühnenmitte. Beide werden ebenfalls bejubelt. Damit ist der Pierre Boulez Saal endgültig eröffnet und vom Publikum angenommen. Erstes Fazit: Berlin hat einen neuen wunderbaren Kammermusiksaal bekommen. Es ist ein Ort der Nähe und vor allem zum Wohlfühlen.

Das Gefühl der Geborgenheit gehört zur Psychologie des Saales. Das Eröffnungskonzert verrät viel über die Trends, ja die Zukunft des Klassikbetriebs. Moderne Konzertsäle werden künftig weniger mit architektonischen Vorzeigesälen in anderen Städten, sondern vor allem mit digitalen Welten konkurrieren müssen. Es geht um die Perfektion des Klanges, die akustischen Qualitäten werden wichtiger, aber es geht auch um das soziale Miteinander, das durch die Musik ermöglicht wird. Was die Klangperfektion angeht, ist das Digitale im Vorteil, die Säle können hingegen Begegnungen schaffen. Das ist ein Pfund, mit dem der Boulez Saal wuchern wird. Hier lässt es sich leicht flirten mit und zur Musik.

Architekt Gehry hat den länglichen Raum in der Barenboim-Said Akademie in eine Art Schwebezustand versetzt. Der Rang ist sanft geschwungen, er durchbricht eindrucksvoll die Stabilität der Ecken und Kanten und sorgt zugleich für Harmonie. Der Saal ist holzgetäfelt, die Eleganz ist zurückhaltend. Die Sitzplätze sind mit rot-blauem, wild gemustertem Stoff überzogen. Ein interessanter Trick: Selbst wenn ein Platz leer bleibt, wirkt er wie besetzt. Der Boulez Saal verströmt in seiner ovalen Anmutung viel Offenheit.

Instinktiv sucht man als Besucher nach einer Bühne

Die Künstler sitzen in der Mitte wie in einer Arena. Barenboim lässt es sich natürlich nicht nehmen, im Programm die Vielseitigkeit seines Saal in verschiedenen Musikerbesetzungen und damit Aufstellungen vorzuführen. Mal dirigiert er von oben, dann von rechts und von links. Oder er sitzt selber am Klavier. Die verblüffendste Erkenntnis an diesem Abend ist wohl, dass man als Besucher instinktiv immer nach einer Bühne, nach einem Halt im musikalischen Betrieb sucht. Im Eröffnungskonzert will Barenboim das nicht recht zulassen. Aber der Raum selbst wird es künftig erzwingen. Vermutlich wird die Saalseite mit den Eingangstüren eine Art Hauptbesucherraum werden.

Das Modell, in dem das Publikum um die Bühne herum sitzt, ist natürlich nicht neu. Es ist hier aber in größter Konsequenz umgesetzt. In einer Musikstadt wie Berlin sind alle Saalmodelle mit ihren Vor- und Nachteilen zu erleben. Der Kleine Saal des Konzerthauses am Gendarmenmarkt, dem Schinkelschen Schauspielhaus, ist die alte Guckkastenbühne. Das Publikum sitzt inmitten der klassizistischen Prächtigkeit vor der Bühne und hat je nach Kartenpreis die bessere oder schlechtere Sicht auf die Künstler. Diese Säle werden heute gern als Schuhkarton diskreditiert. Architekt Hans Scharoun hat hingegen mit der Berliner Philharmonie, den Publikumsterrassen rund um die Bühne herum, ein Erfolgsmodell für große Konzertsäle weltweit geschaffen. Auch sein Kammermusiksaal lebt von dieser Anordnung. Aber auch hier gibt es eine erkennbare Bühne im Zentrum. Der philharmonische Kammermusiksaal und der Boulez-Saal sind ab jetzt die Konkurrenten in der Stadt. In der Akustik sind sie gleichrangig, aber die Atmosphären sind grundverschieden. Im Kammermusiksaal fühlt man sich wie in einem Auditorium, in dem man in sicherer Distanz einer musikalischen Operation am offenen Herzen beiwohnen kann. Es ist möglich, sich zurückzulehnen und zu gähnen. Das ist im Boulez Saal unmöglich. Jeder kann es sehen. Der Saal erinnert eher an eine belebte Basketballhalle, in der das Publikum am Spielfeldrand sitzt und mitfiebern muss.

Beliebtes Pausenthema am Eröffnungsabend war die Akustik des Saales. Bei aller Zustimmung ist es natürlich so, dass fünf Paar Ohren sechs verschiedene Meinungen haben. Dem einen Zuhörer mutet der Nachhall fast sakral an, dem nächsten sind die vokalen Spitzentöne sehr direkt. Der Dritte findet es perfekt in der Klangmischung, aber manchmal nicht durchsichtig genug. Das Thema Akustik ist in neuen Sälen so beliebt wie das Schwadronieren bei einer Weinverkostung. Jeder schmeckt und favorisiert etwas anderes und redet gerne darüber. Auch das gehört zum Wohlfühlprogramm. Die Plätze im Rang, Block H, Reihe 1 sind jedenfalls zu empfehlen. Die Akustik ist vor allem eines: warmherzig.

Der Raum hat auch eine melancholische Seite

Bei Pierre Boulez’ Initiale zum Auftakt sind die sieben Blechbläser auf zwei Seiten im Rang verteilt. Die Wirkungen der wechselnden und abstürzenden Klänge sind ebenso faszinierend wie die Fantasie für Klarinette solo von Jörg Widmann. Der ist ein Virtuose und zugleich Kompositionsprofessor an Barenboims Akademie. Sein Solo der gespaltenen Klänge und Persönlichkeiten irrlichtert durch den Raum. Es ist atemberaubend. Bei Franz Schuberts „Der Hirt auf dem Felsen“ mit Barenboim am Klavier, Klarinettist Widmann und Sopranistin Anna Prohaska wird deutlich, dass der Raum auch eine melancholische Seite hat. Es ist der klangsinnliche Höhepunkt. Bei dem aber auch deutlich wird, dass Sänger darauf trainiert sind, in eine Richtung zu wirken. Auch im Boulez Saal gilt: Instrumente können ihre Töne zwar um 360 Grad abstrahlen, aber jeder Künstler hat nur eine Vorderseite.

Symbolisch wichtig bei Alban Bergs Kammerkonzert ist die Besetzung mit dem Geiger Michael Barenboim und dem Pianisten Karim Said – womit sich die nächste Generation in der Barenboim-Said Akademie vorstellt. Bei Boulez’ Großwerk „sur Incises“ wird der Saal an seine Kraftgrenzen geführt. Das neue Boulez-Ensemble will erklärtermaßen in seinen Programmen Klassiker, Werke des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart mischen. Bemerkenswert daran ist, dass das 20. Jahrhundert nicht mehr als zeitgenössisch, sondern als musikhistorisch abgeschlossen gilt. Eine klare Ansage von Barenboim für die Zukunft des Konzertrepertoires. Wir werden uns langsam daran gewöhnen müssen.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.