Laurie Anderson

Einer großen Künstlerin beim Denken zuschauen

Laurie Anderson präsentiert bei der Transmediale eine politische und persönliche Performance.

Laurie Anderson (Archivbild)

Laurie Anderson (Archivbild)

Foto: Pascal Le Segretain / Getty Images

Ein Sessel steht auf der Bühne des Haus der Kulturen der Welt, fast wie von Oma, nur ein wenig stylischer. Zum Sichreinsetzen und Geschichtenerzählen. Ein Standmikro, etwas weiter vorne, rechts davon ein kleines Pult mit ein bisschen Technik. Eine auf den Steg reduzierte elektrische Violine. Dahinter eine große Leinwand. Das wars. Diesen fast leeren Raum füllt Laurie Anderson mit nicht viel mehr als ihrer Stimme, einen paar Strichen auf der effektverstärkten Geige, hin und wieder Pluckern aus dem Laptop.

Was genau sie da macht, ist nicht leicht zu entscheiden: Lesung, Vortrag, Performance, Konzert? Oder, wie sie eingangs halb im Scherz sagt: Eigentlich habe sie angesichts des Zustands der Welt ihr sich seit Jahren immer weiter entwickelndes Programm „The Language of the Future“ in eine Stand Up Comedy Show verwandeln wollen. Vielleicht aber muss man auch nicht entscheiden, was sie da macht. Seit den späten 70er Jahren bewegt sich Laurie Anderson zwischen Avantgarde und Pop, zwischen Musik, bildender Kunst, Theater und Literatur – lang bevor solche Gleichzeitigkeiten in Künstlerbiografien hip wurden.

Sehr persönliche Episoden über sich und Freunde in New York, wie im Moment frei gesprochen, die jeden Tag aufwachen in einem „lebendigen Alptraum“, treffen auf Kindheitserinnerungen und Randbemerkungen zu Henry David Thoreau und Naomi Klein, verwoben mit kleinen, surrealen, im besten Sinn pointenlosen Texten, für die Anderson berühmt ist. Irgendetwas zwischen Essays, Traumprotokollen und Songtexten, vorgelesen aus einem Ausstellungskatalog, den niemand außer ihr je aufgeschlagen hat.

Anderson steht in konzentrierten Lichtkegeln

Die Bühne des großen Saals im HKW ist offen und weit: ein Amphitheater, eingelassen in eine Muschel. Keine Barriere zwischen den Zuschauerreihen und Anderson, die in konzentrierten Lichtkegeln steht wie ein dünner, weißer Kobold, der zäh gewillt ist, sich von Tod und Tragik nicht die Laune verderben zu lassen. Gar nicht so einfach, wenn man den Mann – Sänger und Dichter Lou Reed – verloren hat und kurz danach auch noch Donald Trump Präsident der USA wird.

Und natürlich hängt Trump wie die schlechte Comicversion eines antiken Gottes über diesem Abend. Sie erkenne ihre Heimat, ihr Land nicht mehr wieder, sagt Anderson, während im Hintergrund ein Violinen-Loop vor sich hin kreist. Überhaupt sei ihr immer weniger klar, was „Heimat“, was „Zuhause“ überhaupt bedeute. Dabei handle es sich nicht bloß um eine politische Situation, das sei existentiell.

Wie wenig sich in 2400 Jahren verändert hat

Und sie setzt sich tatsächlich in den Ohrensessel und erzählt dem ausverkauften Saal die Geschichte von Aristophanes' Komödie „Die Vögel“ (414 vor Christus): denen wird von Athener Exilanten vorgeschlagen, sie sollten doch, um Durchgangszölle von Menschen und Göttern zu erheben, eine Mauer bauen zwischen Himmel und Erde. Da wird gelacht: Wie genau das passt, wie wenig sich verändert hat seit 2400 Jahren. Absurd ist die Gegenwart, wie eine antike Satire. Ein wenig aber auch getrickst: bei Aristophanes wird gleich eine ganze erdumspannende Stadt in der Luft gebaut, nicht die Trump'sche Mauer.

Die künstlerische Kraft von Laurie Anderson ist es, die solche Zitate ganz leicht biegt, sie in Spannung setzt zu all dem anderen Material der Show. Etwa der Geschichte, wie Senator Jack Kennedy der Schülerin Anderson auf ihre Bitte unerwartet einen Brief schickte mit Tipps, wie man eine Wahlkampagne gewinne. Einer davon: Höre den Leuten zu und verspreche ihnen genau das, was sie sich wünschen. Als sie ihre Wahl in die Schülervertretung gewonnen hat – und er seine – schickte er eine Gratulationsnote mit roten Rosen. Viel besser kann man das fragile Verhältnis von Aufrichtigkeit und ihrem strategischen Einsatz in der Politik kaum in ein Bild fassen.

Das Lachen bleibt vor Erkenntnis im Halse stecken

Andersons Show ist voll mit solch lakonisch-komischen Momenten. Doch es bleibt einem, wie bei jedem guten politischen Witz, das Lachen vor Erkenntnis im Hals stecken. Und nie kann man sich sicher sein, was Tatsache ist, was Fake News. Mit dem Unterschied, dass Trump die Zerstörung der Kategorien von Glaubwürdigkeit und Stringenz betreibt, Laurie Anderson hingegen die Wiederverzauberung der geschredderten Gegenwart. Stellenweise geschieht das erstaunlich unperfekt, mit Texthängern und unsauberen Bögenstrichen. Gerade das aber macht den Abend so interessant: Man kann einer großen Künstlerin beim Denken zuschauen – bei dem Versuch, das schwer Begreifliche der Welt in Kunst zu überführen.