Kultur

Das Leben hinter den Bildern

Blick in die Vergangenheit: Fotograf Christian Schulz zeigt „West-Berlin 1981–1989“ in der Collection Regard

Ein jugendlicher Johnny Depp, die Hand lässig in Richtung Kamera ausgestreckt, kühl und trotzdem irgendwie nahbar: Mit der Serie „21 Jump Street“ ist ihm gerade der Durchbruch gelungen. Geschossen hat das Foto Christian Schulz auf der Berlinale 1990. Seine Arbeiten sind Gegenstand der Ausstellung „West-Berlin 1981–1989“, die jetzt in der Collection Regard gezeigt wird. Die „Collection“ des Sammlers Marc Barbey, spezialisiert auf deutsche Schwarz-Weiß-Fotografie in Berlin, soll trotz Verkaufstätigkeit nicht als reine Galerie verstanden werden: „Eigentlich machen wir hier museale Arbeit“, erklärt Barbey, der seine Sammlung seit 2011 als „Collection Regard“ der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Unter diesem Aspekt verzeiht sich auch der Bruch mit dem Ausstellungs­titel, immerhin sind die Porträts, die einen von drei gemütlich möblierten Ausstellungsräumen einnehmen, aus den 90er-Jahren. Für die Entscheidung, die Porträts dennoch zu zeigen, muss man Kurator Antonio Panetta dankbar sein. Der Besucher wird dadurch mit beeindruckenden Nahaufnahmen von Emmanuelle Béart und Jane Birkin belohnt; wird gefesselt vom jugendlichen Blick einer 19-jährigen Penélope Cruz, noch weit entfernt von der oscarprämierten Weltberühmtheit, die sich eine Absage an den roten Teppich der diesjährigen Berlinale auch mal leisten kann. Die zwei anderen Räume sind ganz den 80er-Jahren gewidmet. Diese erlebt Fotograf Christian Schulz als junger Mensch, mit zwanzig kommt er nach Berlin. Wie so viele treibt ihn die Wehrpflichtbefreiung dorthin und der Wunsch, dem bürgerlichen Leben einer Kleinstadt zu entkommen. Die Isolation einer eingemauerten Stadt macht Berlin in den 70er- und 80er-Jahren zum Kultort und Biotop für alternative Lebensentwürfe.

„Heute konsumiert man nur. Früher war man Teil davon“

„Da gibt es einen Mythos um diese Zeit“, sagt der Fotograf. „Heute gibt es keine Punkbewegung mehr, kein New Wave, Hausbesetzerbewegung, Aufbruch. Was hast du denn als junger Mensch heute für ne Chance irgendeiner Jugendkultur anzugehören?“. Sofort denkt man an die Hipster, die heutzutage mit ihrer Spiegelreflex durch Friedrichshain tingeln und Street-Art ablichten. Über diese kann Schulz nur schmunzeln: „Heute konsumiert man das. Früher war man ein Teil davon.“

Christian Schulz selbst hält sich in den 80er-Jahren keinesfalls für einen begnadeten Fotografen: Der Autodidakt, der aus Fotobüchern Richard Avedons und Filmen Michelangelo Antonionis lernt, beneidet die DPA-Fotografen um ihre Bilder. Mittlerweile sieht er das anders: „Heute merke ich, das denen was fehlt, was ich habe: Das Leben, während die nur Nachrichtenfotografie machen.“ Wer die Fotografien sieht, weiß, was Schulz meint. Den Bildern, geschossen mit einer Nikomat und einer Nikon F2, haftet etwas Unmittelbares an. Es mag daran liegen, dass Schulz nicht immer das Hauptereignis ablichtet, sondern sich oft für die Nebenschauplätze interessiert, gerade bei Demonstrationen: „Wie reagieren die Leute? Das fand ich immer spannend. Ich war ja auch Teil der Bewegung.“ So fühlt sich der Betrachter vom wütenden Passanten angesprungen, spürt den Schlag, zu dem er ausholt. Ihm klingt die meckernde Stimme der bürgerlichen Dame im Ohr, die, ein Magazin in der Hand, den Mund in Richtung der Kamera verzieht.

Schnell wird klar, dass Christan Schulz’ Fotografien sich nicht eignen, die Achtziger zu entzaubern. Jedes Foto zementiert den Mythos eines Alltags im Ausnahmezustand: Eine Punkerin mit weit aufgerissenen Augen, gefletschten Zähnen und hochgerissenem Stinkefinger. Oder eine dünne, junge Frau mit nach oben verdrehten Augen, die Zigarette im halb geöffneten Mund fällt beinahe heraus: Dagmar Stenschke, genannt „Sunshine“, Stammgast im legendären Kreuzberger Club SO36. Und bekannt dafür, unvermittelt auf Besucher einzuprügeln. Prügel kann man auch auf anderen Bildern erahnen – wenn Schulz’ Kamera Demonstranten folgt, die auf einen Wasserwerfer zustürmen. Ob Szenekiez, politischer Aktivismus oder Alltag: Christian Schulz’ Fotografien sind stets „echt“ – sie dokumentieren nicht nur ein historisches Faktum, sondern spüren darüber hinaus und nebenbei dem Individuum nach, das einen vermeintlichen Zeitgeist verkörpert. Die Zuschreibung desselben verblasst: Stattdessen ist ein Mensch im Bild und nicht nur die Abbildung eines Körpers.

Kein Zweifel: Christian Schulz nimmt seine Motive, seine Menschen, ganz in Besitz. „Die Straße muss mir nur den Raum schaffen, in den sich die Person stellen lässt“, sagt der Fotograf. Spielt es eine Rolle, dass Schulz’ Motive in Berlin spielen? Natürlich, er war als Straßenfotograf unterwegs. Aber porträtiert er nicht auch durch seine Straßenfotografie? Plötzlich wirken die Berlinale-Porträts nicht mehr als Fremdkörper, sondern als zwingender Bestandteil des Schaffens eines Menschenmalers. Dieser ist Christian Schulz noch immer. Seine Berliner haben sich allerdings verändert: „Wenn ich heute eigene Fotos machen will, dann gehe ich nach Bangkok, nach Chinatown, und mache meine Menschenbilder. In Berlin gelingt mir das schon lange nicht mehr. Die Leute wollen nicht mehr fotografiert werden.“

Collection Regard, Steinstr. 12, Mitte.
Tel.: 84 71 19 47. Fr 14–18 Uhr,
und nach Vereinbarung. Bis 26. Mai.

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