Kultur

Die Schatten der Vergangenheit im Deutschen Theater

Sie waren schneller. Die Gespenster sind ja immer schon da, die Wirklichkeit ist stets zu spät dran. Während das Publikum im Deutschen Theater noch seine Plätze sucht, kriechen sie sirrend und jaulend aus der E-Gitarre von Ben Hartmann und schwärmen aus. Ein paar Menschen treten auf die Bühne, in dunklen Anzügen und steifen Kleidern. Eine kommt nach vorne, zusammen mit dem Gitarristen. Sie singt ein schmerzschönes Sehnsuchtslied von vergangenen Zeiten und einem Himmelreich, das auf Erden zu errichten sei. Der Text ist von Heinrich Heine, aus „Deutschland. Ein Wintermärchen“.

Auf dem Programmheft des Abends steht „Gespenster“. Das ist ein psychologisches Familiendrama von Henrik Ibsen. Heine hat damit wenig zu tun. August Strindberg auch nicht, aber der kommt ebenfalls vor, mit Motiven aus seinem Stück „Der Vater“. Von narrativer Linearität hält Regisseur Sebastian Hartmann wenig. Er hat sich aus den drei Texten ein paar wenige Stellen rausgesucht und sie neu zusammengebaut. Wer sich Ibsens Familienselbstzerstörungsgeschichte von Frau Alving und ihrem Sohn Osvald oder Strindbergs Ehehölle vom Rittmeister und seiner Frau Laura mit all ihren raffinierten Nuancen erzählen lassen möchte, der sei vor diesem Abend gewarnt. Die szenischen Brüche sind hart, es geht um Schuld und Schicksal, um die Vergangenheit, die jeder mit sich trägt.

Aber wer sich auf einzelne Szenen, auf visuelle Sequenzen konzentriert und einlässt, der kann hier echte Theaterschönheitsmomente erleben. Hartmann, der auch sein eigener Bühnenbildner ist, wirft eine dunkel verhangene Unwirklichkeit über Darsteller und Szenerie. Eine halbrunde geschwungene Rampe schraubt sich spiralförmig ins Nirgendwo, an die Wände projiziert er gezeichnete Geisterhäuser. Ein romantisch anmutendes Familiengemälde macht sich selbstständig. Das hervorragende Musi­kerduo Ben Hartmann und Philipp Thimm verwebt das Ganze mit Klängen.

Ästhetisch ist dieser zweistündige Abend ein echter Genuss. Er wird in den sich wiederholenden Szenen zudem immer konkreter, was den Schauspielern neue Spielräume eröffnet. Die nutzen sie ausführlich. Wie Strindbergs Rittmeister von seiner Gattin Laura in die Knie gezwungen wird mit der Andeutung, die Tochter könne einen anderen Vater haben, das spielen Katrin Wichmann und Felix Goeser mit abgrundtiefer Unausweichlichkeit. Auch Almut Zilcher als Frau Alving und Edgar Eckert als ihr Sohn Osvald geben ein stimmiges Paar ab. Osvald ist todkrank, er stirbt. Klopft sich aber dann auf der eigenen Beerdigung behände die Erde von den Kleidern. Er wird noch gebraucht. Als Gespenst für kommende Generationen.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Termine: 28.2., 5.3. Kartentel. 28 441 225