Theater

Der Mann, der Maria Furtwängler eine Bühne bereitet

Im Theater am Kurfürstendamm ist Maria Furtwängler erstmals in einer Bühnenhauptrolle zu erleben. Ilan Ronen rückt sie ins rechte Bild.

„Maria Furtwängler fehlt die Erfahrung, aber sie ist hochkonzentriert“: Regisseur Ilan Ronen im  Theaterfoyer

„Maria Furtwängler fehlt die Erfahrung, aber sie ist hochkonzentriert“: Regisseur Ilan Ronen im Theaterfoyer

Foto: joerg Krauthoefer

Grelle Farben, harte Kanten, ein dröhnendes Radio aus dem Moderator „The Loco-Motion“ von Little Eva für die in der Küche werkelnde Hausfrau Rebecca spielt: „Alles muss glänzen - The Cleaning of Life“ schlägt dem Zuschauer den flamboyanten Kitsch der amerikanischen 50er- und frühen 60er-Jahre um die Ohren. So weit, so locker.

Doch man ahnt schon, dass sich eine Maria Furtwängler, die hier erstmals die Hauptrolle auf einer Theaterbühne spielt, nicht ohne Weiteres in die Hausfrauenuniform der Vor-68er zwängen lassen wird: Rotes Kleid, weiße Schürze, Lackschuhe, adrettes Haar. Das passt ja eigentlich so überhaupt nicht zu Furtwängler, die sich zuletzt auf der Berlinale als „erklärte Feministin“ bezeichnete und für eine Frauenquote in Drehbüchern aussprach.

Der Star in blutverschmierter Schürze

Und so dauert es auch nicht lange, bis die Schürze blutverschmiert und mit der Flunder, die Rebecca für ihren Ehemann zubereitet, auch ihr Lebenskostüm zerschnitten ist. Neben der Bühne liegt die Theatertechnik frei, so dass dem Zuschauer eine distanzierte Sicht erleichtert wird: Ein aktuelles Stück? Ein politisches Stück? Gar ein lustiges Stück? Regisseur Ilan Ronen, der ehemalige Intendant des traditionsreichsten und wichtigsten israelischen Theaters, des Nationaltheaters Habema in Tel Aviv, sieht alle drei Aspekte gegeben.

Zwar sei die Handlung in den 50er-Jahren angelegt. Aber heutzutage sei eine Rückkehr zu diesem chauvinistischen Frauenbild zu beobachten: „Ich denke, Rebecca war eine der Frauen, die auf die Straße gingen, als Trump gewählt wurde“, sagt Ronen. „Natürlich erst am Ende des Stücks – nicht zu Beginn. So betrachtet ist das Stück in gewisser Weise modern.“ Und diese Modernität, die nicht mit Fortschrittlichkeit verwechselt werden will, wird dem Zuschauer mit Schwarzem Humor und verspielter Übertreibung deftig unter die Nase gerieben.

Das Stück, das auf einer Drehbuchvorlage des amerikanischen Autors Noah Haidle beruht und von „Theater heute“ zum besten Ausländischen Stück des Jahres 2015 gewählt wurde, spielt zwar in der scheinbaren Familienidylle. Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Um Rebeccas Haus herum bricht gerade die biblische Apokalypse über die Welt herein, es herrscht das Chaos.

Auch Rebeccas Familie ist alles andere als in Ordnung: Ihr Ehemann (Ludger Pistor) hat sich davon gemacht, um sein Glück zu suchen und gilt als verschollen. Der Sohn (Daniel Mühe) ist ihm gefolgt und kehrt im Bauch eines Wales zurück. Die Tochter (Sarah Alles) ist nicht mehr das Kind, dass es zu umsorgen gilt, sondern wird das Haus ebenfalls bald verlassen. Unter diesen Umständen äußerer und innerer Dystopie versucht Rebecca, ihre Welt zusammen zu halten und den endgültigen Kollaps zu verhindern.

Mit Ludger Pistor, der den Ehemann spielt, steht übrigens ein weiterer Filmschauspieler auf der Bühne: er sogar zum ersten Mal seit 20 Jahren. Tatsächlich besteht ein Großteil der Besetzung aus Film- und Fernsehgrößen. Wird da bloß mit bekannten Gesichtern Kasse gemacht, oder steckt ein kulturelles Konzept dahinter? Die Theaterproduktionsfirma „Santinis“, die für das Stück verantwortlich zeichnet, verfolgt erklärtermaßen das Ziel, „ein Theater nach Broadway- oder Westend-Art“ in der Berliner City West zu etablieren.

Falls dies die Verpflichtung von Filmschauspielern zur notwendigen Bedingung hat, wurde diese jedenfalls erfüllt. Der Regisseur Ilan Ronen verweist darauf, dass in Israel die gleichzeitige Tätigkeit am Set und auf der Bühne Normalität sei: „Aber hier in Deutschland habe ich gelernt, vor allem mit Maria, dass es einer Art Regeländerung gleichkommt.“

Auf der Bühne ist anders als vor der Kamera

Während Furtwängler und ihre Kollegen für Probenfotos Szenen nachstellen, lobt Regisseur Ronen seinen Star als exakt und hochkonzentriert auf Details. „Dennoch fehlt ihr die Bühnenerfahrung, die Erfahrung, eine One-Woman-Show durchzuziehen“, gibt der Regisseur zu bedenken. Auf der Bühne zu stehen sei etwas anderes als vor der Kamera. Auf der Bühne gelte es, das anwesende Publikum zu überzeugen und dessen Reaktionen zu ertragen.

„Es wird stark davon abhängen, inwiefern sie dazu fähig ist, sich voll reinzuhängen und die Energie für fast zwei Stunden zu halten.“ Hat Furtwängler diese Energie? Regisseur Ronen ist zuversichtlich: „Ich glaube ja. Sie ist eine Kämpferin. Ihre Rolle ist die einer Kämpferin“. Man darf also gespannt sein, wie sich am Samstag, dem Tag der Premiere, Furtwänglers Rebecca inmitten der Apokalypse zu behaupten weiß.

Theater am Kurfürstendamm, Premiere am 25. Februar.