Kultur

Eine schrecklich unglückliche Familie

Bei der Premiere von „Ödipus und Antigone“ am Gorki-Theater wird manche Idee eine Spur zu groß

Ödipus sieht aus wie eine fette Hummel. Eine Hummel in burgunderrotem Ganzkörpertrikot mit einem kurzen purpurnen Kleid darüber. Mit grauer Prinz-Eisenherz-Frisur und tiefen Furchen im Gesicht, die von einem sehr hohen Alter zeugen. Behäbig ist er, aber ständig in Bewegung, trippelnde Füßchen, rudernde Ärmchen. Auch die anderen tragen diese dunkelroten Kleider und geschminkte Runzeln und Falten.

Es sind Figuren wie aus einem alten Märchen, einem Horrormärchen allerdings. Im Zentrum: ein Horrorhaus. Von vorne sieht es aus wie ein kleines Reihenhaus aus Holz mit Veranda, die Rückseite ist schwarz gekachelt, ein paar nackte dunkle Bänke stehen da, das könnte ein Schlachthaus sein oder eine frostige Wartehalle. Es ist „das kranke Haus“, so nennt es der Chor einmal. Hier wohnt eine schrecklich unglückliche Familie. Die Familie des Ödipus.

Sophokles hat ihre Geschichte in seiner thebanischen Trilogie beschrieben. Da ist der Familienfluch, und die Prophezeiung, dass Ödipus seinen Vater umbringen und die eigene Mutter heiraten werde. Als Ödipus erkennt, dass sich die Prophezeiung erfüllt hat, dass er sich seinem Schicksal nicht entziehen konnte, sticht er sich die Augen aus. Dann das Drama mit seinen Söhnen, die sich gegenseitig im Kampf um Theben töten. Und die Tochter Antigone, die sich den Regeln des Gesetzes nicht unterordnen will. Viel Stoff, viel Ärger.

Der angesagte Jungregisseur Ersan Mondtag braucht im Maxim Gorki Theater weniger als zwei Stunden, um das alles zu erzählen, zumindest in groben Zügen. „Ödipus und Antigone“ heißt der Abend. Es ist seine erste große Inszenierung in Berlin, die Erwartungen waren riesig. Letztes Jahr war Ersan Mondtag mit seiner stummen Familienhölle „Tyrannis“ zum Theatertreffen geladen. Er wurde ausgebuht und bejubelt.

Mit Bezügen zum aktuellen Nahostkonflikt

„Ödipus und Antigone“ allerdings hat kein Theatertreffen-Format. Das liegt daran, dass Ersan Mondtag uns die zerknitterten Figuren in ihrer unheimlichen Parallelwelt einerseits vom Leibe zu halten versucht, er will sie als eigenes eigenwilliges System verstanden wissen. Es geht nicht um den einzelnen Menschen, Katharsis ist in diesem fatalistischen Weltbild nicht vorgesehen. Andererseits stellt er aber auch immer wieder Realitätsbezüge her, Faschismus wird gestreift und am Anfang lässt er die jüdisch-israelische Schauspielerin Orit Nahmias und den palästinensischen Israeli Yousef Sweid in Gestalt der Brüder Eteokles und Polyneikes aufeinandertreffen. Schnell geht es nicht mehr um das Leben in Theben, sondern um den aktuellen Nahostkonflikt. Stark sind diese Bezüge allerdings nur dort, wo sie aus dem mythologischen Kontext heraus motiviert sind.

Die Bühne von Julian Wolf Eicke und Thomas Bo Nilsson ist mit dem weißen Häuschen auf der Drehbühne einigermaßen konkret, beinhaltet aber mit einer sich nach hinten und nach oben verjüngenden Treppe, an dessen Ende in weiter Ferne ein zweites weißes Haus steht, auch abstrakte Elemente. Die Kostüme von Josa Marx sind eine Wucht. Trotzdem mangelt es dem Abend an jener Konsequenz, für die Ersan Mondtag so oft gelobt wurde.

Da gibt es lodernde Fackeln und dräuende Musik, Iokaste baumelt an einem Strick von der Decke, man hört animalische Schreie. Und dann plötzlich wieder eine Reihe von Slapstick-Nummern, wenn etwa Benny Claessens den Ödipus als Dramaqueen gibt in einem schier endlosen röchelnd-quiekenden Todeskampf. „Der Regisseur wollte es groß“, sagt Yousef Sweid am Anfang zu Orit Nahmias, als sie sich über ihre Rollen nicht einig werden können. Die antwortet: „Groß. Aber gut.“ Genau das hat leider nicht so richtig gut geklappt, hier war manches eine Spur zu groß und zu wenig richtig gut.

Wieder am 5. März, 18 Uhr, und am 25. März, 19.30 Uhr. Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Kartentelefon 20 22 11 15