Kultur

Herz aus Schokolade

Ein ganz großer Bären-Anwärter: Aki Kaurismäkis melancholische Komödie „Die andere Seite der Hoffnung“

Es hat eine ziemliche Weile gedauert, aber an Tag sechs der Berlinale hat das Festival ihn dann doch endlich: den ersten großen Anwärter auf den Goldenen Bären. Die melancholische Flüchtlingskomödie „Die andere Seite der Hoffnung“ von Aki Kaurismäki, der ein alter Berlinale-Veteran ist, aber bislang nur in Nebensektionen und noch nie im Wettbewerb vertreten war.

Sein jüngster Film handelt hochaktuell von einem syrischen Flüchtling, Khaled (Sherwan Haji), der sich auf einem Kohlenschiff nach Helsinki versteckt hat. Das Bild brennt sich ein, wie er sich dort langsam aus der Kohle herausgräbt und sich kohlrabenschwarz von Bord stiehlt. Der Mann kommt aus Aleppo, aber obwohl man abends in den TV-Nachrichten Bilder seiner zerbombten, eingekesselten Stadt sieht, wird sein Asylantrag abgeschmettert, was ihn zum Untertauchen zwingt.

Das Raffinierte an dem Film ist, dass er dann erst mal die Geschichte einer anderen Figur erzählt: die von Wikström (Kaurismäkis Dauer-Star Sakari Kuosmanen), einem Handelsvertreter für Herrenhemden und Krawatten, der seinen Job schmeißt, sein letztes Geld verzockt und vom Gewinn einen Neuanfang wagt. Ausgerechnet mit einem runtergekommenen Lokal.

Der Aussteiger und der Flüchtling: Ihre Wege kreuzen sich gleich anfangs, als Wikström Khaled fast überfährt. Sie begegnen sich dann wieder im Keller des Lokals, wo sich der Syrer versteckt hält und insistiert, dies sei sein Bett. Wohingegen der neue Besitzer meint, dies sei sein Keller. Sie schlagen sich dann erst mal die Nase blutig. Aber dann sitzen sie beide, mit Wattestopfen in ihren Nasen, am selben Tisch. Und Khaled kriegt erst mal was zu essen. Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Denn in dem absurd schlecht laufenden Lokal darf der Syrer schwarz arbeiten, und die wenigen Angestellten, alle ebenfalls vom Leben gebeutelte Gestalten, tun alles, um ihn vor den Behörden zu verstecken.

Die Integrationskomödie scheint sich im Kino als neues Sub-Genre zu entwickeln, nach Filmen wie „Ostfriesisch für Anfänger“, „Welcome to Norway“ oder „Willkommen bei den Hartmanns“. Kaurismäki allerdings hat schon vor fünf Jahren, als die Flüchtlingswelle noch keine Flüchtlingskrise war, „Le Havre“ gedreht, eine Tragikomödie über einen alten Schuhputzer, der einem afrikanischen Flüchtlingsjungen half. Es sollte der Beginn einer „Hafen-Trilogie“ werden, aber nun, da er den zweiten Teil auf der Berlinale vorstellt, gibt der finnische Regisseur bekannt, dass sich angesichts der Weltlage das Projekt für ihn zur Flüchtlingstrilogie gewandelt habe.

Der Regisseur musste sich einfach zu Wort melden

Kaurismäkis Œuvre ist von jeher gespickt von eigenbrötlerischen Außenseitern, die sich zu einer utopischen Schicksalsgemeinschaft zusammenfinden. Das ist sein großes Thema. Es sind melancholische Komödien, die der 59-Jährige dreht, mit klaren Farben, aber lakonischem Grundton und minimalistischem Ambiente. Bei allem Witz verrät er nie seine Figuren, immer bleiben sie grundsympathisch. Kaurismäki, schwärmt im Berlinale-Palast eine gute Freundin auf dem Nebensitz, habe ein Herz aus Schokolade. Besser kann man es nicht formulieren.

Es ist eine seltsam entrückte, aus der Zeit gefallene Welt, die der Finne da entwirft. Eine, in der auf der Polizeistation noch täppisch mit Schreibmaschine getippt wird. Dabei blendet Kaurismäki die Härten der Realität durchaus nicht aus. Auch in seinem Märchen-Finnland gibt es sie, die Schläger-Glatzen, die Khaled immer wieder bedrohen und schließlich auch kriegen. Und doch bleibt das Ende vorsichtig optimistisch.

Kaurismäkis jüngstes Opus hat ein großes Thema, aber er weiß es auch so stilsicher und auf so warmherzige Weise zu erzählen, dass der Film gestern bei seiner ersten Aufführung das Fachpublikum zu Beifallsstürmen hinriss. Bei der anschließenden Pressekonferenz betonte der Regisseur, bekanntermaßen kein Mann der großen Worte, er würde gern die Einstellung seiner Landsleute ändern. „20.000 Iraker kamen nach Finnland. Viele Finnen haben das als Angriff empfunden, wie einen Krieg. Das hat mich sehr erschreckt. Da musste ich mich zu Wort melden.“ Und nach einer langen Pause setzt er mit Pathos nach: „Wir müssen begreifen: Wir sind alle Menschen. Jetzt sind andere auf der Flucht, morgen können wir Flüchtlinge sein.“

Termine: Friedrichstadt-Palast, heute, 9.30 Uhr; Thalia, heute, 18.30 Uhr; International, heute, 22.30 Uhr; Zoo Palast 1, 16.2., 12.30 Uhr; Berlinale Palast, 19.2., 16.45 Uhr

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