Kultur

Morden um des Goldes willen

In Wagners „Ring der Nibelungen“ fließt das Blut in Strömen. Aber wer ist Täter im Sinne des Strafrechts?

In Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ wird geprügelt, genötigt, geraubt und gemordet. Davon können sich Berliner Operngänger ab dem 1. April überzeugen, wenn die Tetralogie zweimal nacheinander unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Donald Runnicles in der Deutschen Oper gezeigt wird. Der „Ring“-Zyklus wird zum letzten Mal in der Inszenierung von Götz Friedrich geboten, die nächste Neuproduktion ist für 2020 angekündigt. Übrigens wurde 1871, fünf Jahre vor der Uraufführung, das Strafgesetzbuch des Deutschen Kaiserreichs erlassen. Sicher nicht in Vorbereitung auf den „Ring“. Dennoch schadet es nicht, die dargebotenen „Helden“-Taten anhand des heutigen Strafgesetzbuches (StGB) zu prüfen.

Da ist zum einen Hagen, den Albert Pesendorfer singen wird. Er ist der gierige Sohn Alberichs (Werner Van Mechelen). Alberich raubt das Rheingold gleich zu Beginn des Opernzyklus, verliert es aber an die Götter. Nun will Hagen den Schatz, der auf Umwegen beim Menschen Siegfried (Stefan Vinke) landet, zurückholen. Daher rammt er in der „Götterdämmerung“ (3. Aufzug, 1. Szene), Vollendung einer feinmaschigen Intrige, die Waffe in den verwundbaren Rücken Siegfrieds. Ein Totschlag wird zum Mord, wenn ein besonders verwerfliches Merkmal des §211 StGB erfüllt ist: Hier liegen mit Heimtücke und Habgier gleich zwei vor. Hagen hat gemordet, keine Frage.

Seine Komplizin ist die Walküre Brünnhilde (Evelyn Herlitzius). Die Geliebte (und Tante) Siegfrieds fühlt sich von diesem betrogen und will seinen Tod. Sie weiß nicht, dass Siegfried durch einen Zauber Hagens geblendet ist. Doch dieser Irrtum Brünnhildes ist für die strafrechtliche Beurteilung irrelevant: Irrt sie doch nur über ihr Motiv, nicht darüber, dass ein Mensch sterben soll. Sie verrät Hagen in der „Götterdämmerung“ (2. Aufzug) die einzig verwundbare Stelle Siegfrieds, fördert seinen heimtückischen Plan also. Zudem will sie Rache nehmen, was das Mordmerkmal eines niedrigen Beweggrundes erfüllt. Entsprechend muss die Walküre bestraft werden.

Die Tötung des Drachen Fafner bleibt straffrei

Und was ist mit dem Drachentöter selbst? Wir erinnern uns: Um das Rheingold zu erlangen, erschlägt er im 2. Aufzug von „Siegfried“ den Drachen Fafner und kurz darauf gleich noch seinen Ziehvater Mime. Mordet auch Siegfried? Erste Voraussetzung des Mordes im Sinne des §211 StGB ist die Tötung eines Menschen. Fafner (Andrew Harris) ist ein Drache. Allerdings ist er vernunftbegabt und kann sprechen. Darf er als Mensch verstanden werden? Nein. Es gilt der Wortlaut des Gesetzes, eine Analogie zulasten des Täters ist im Strafrecht nicht zulässig (Art. 103 II Grundgesetz). Mord und Totschlag scheiden aus. In Betracht kommt eine Tierquälerei gemäß § 17 Tierschutzgesetz: Dafür müsste Siegfried ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund getötet haben. Zwar dürfte es als unvernünftig gelten, einen Drachen anzugreifen. Ihn um einen Haufen Goldes zu erleichtern, leuchtet aber ein. Mangels Indiz für ein verletztes Jagdrecht scheitert auch eine Jagwilderei (§ 292a StGB) aus. Fafners Beseitigung kann also nur noch eines sein: Sachbeschädigung nach §303 StGB. Denn gemäß §90a des Bürgerlichen Gesetzbuches sind die Vorschriften für Sachen auf Tiere anzuwenden. Aber: §303 StGB schützt nur fremdes Eigentum. Da Fafner als wildes Tier niemandem zu eigen war, muss Sachbeschädigung abgelehnt werden. Siegfried bleibt in Sachen Drachentötung straflos.

Bleibt der Fall Mime, den Burkhard Ulrich in „Siegfried“ singt. Der Ziehvater des Drachentöters will seinen Zögling mit einem Trank betäuben und ihn dann töten, um das Rheingold für sich allein zu haben. Siegfried durchschaut den Plan und erschlägt Mime. Mord? Auf Notwehr kann sich der Drachentöter jedenfalls nicht berufen: Denn der Angegriffene ist verpflichtet, sich der mildesten Verteidigung zu bedienen. Mime ist Siegfried körperlich hoffnungslos unterlegen, zumal der Held beinahe unverwundbar ist. Die Tötung Mimes ist also nicht erforderlich: Siegfried hätte Mime auf die Aussichtslosigkeit seiner Pläne hinweisen können.

Handelte Siegfried wenigstens ohne Schuld? Ein „Notwehrexzess“, also eine panische Überreaktion, scheidet aus, schließlich ist unser Recke furchtlos. Es steht aber eine „verminderte Schuldfähigkeit“ im Raum: Siegfried hört die Vöglein sprechen, nachdem er vom Drachenblut trinkt, was auf Kontrollverlust infolge Drogenkonsums deutet. Zudem kommt ein „Verbotsirrtum“ in Betracht: Irrt der Täter über das Unrecht seiner Handlung, bleibt er straffrei, wenn er den Irrtum nicht vermeiden konnte (§17 StGB).

Held Siegfried ist dem Verbotsirrtum erlegen

Siegfried weiß wahrscheinlich nicht einmal, dass Töten strafbar ist: In Wagners „Ring“ kommt er als ungebildeter Dummkopf daher. Er macht nicht den Eindruck, das Prinzip „Du sollst nicht töten!“ als Norm begriffen zu haben. Diesen Irrtum hätte der Recke auch nicht durch Informieren vermeiden können: Wahrscheinlich ist er Analphabet und im dunklen Wald scheint es weder Behörden noch Rechtsanwälte zu geben. Gesteht man dem Recken den Verbotsirrtum zu, bleibt er auch im Falle der Tötung Mimes straflos.

Ein Freispruch würde dem Drachentöter nichts mehr nützen, schließlich steckt die Mordwaffe in seinem Rücken. Gunther wird erschlagen, Brünnhilde verbrennt und Hagen ertrinkt, sodass die Justiz durch Wagner keine zusätzliche Arbeitsbelastung fürchten muss: Gegen Tote wird nicht ermittelt. Ob das nach der Götterdämmerung anders ist? Man weiß es nicht. Wie die neue Ordnung aussehen soll, verrät Wagners „Ring“-Zyklus nicht.