Kultur

Großkampfzeit Berlinale

Heute eröffnen die Filmfestspiele. Schauspielerin Christiane Paul über das Festival, das sie schon auf sehr unterschiedliche Weise kennengelernt hat

Die Berlinale – das ist Großkampfzeit. Das ist das Erste, was mir dazu einfällt. Es ist eine tolle, wunderbare, auch verrückte Zeit. Wo du außergewöhnliche Filme sehen kannst, die vielleicht nie regulär ins Kino kommen. Und wo du ständig lauter Menschen aus der gesamten Filmbranche triffst. Aber das Ganze ist halt auch mit totaler Hektik verbunden. Du musst gleich morgens los, wenn du Tickets holen willst. Und dann gibt es – gerade in den ersten Tagen – lauter Empfänge und Veranstaltungen, sodass man manchmal gar nicht dazu kommt, ins Kino zu gehen.

Dann gibt es auch noch die große Mitgliederversammlung der Filmakademie. Da bist du Sonnabendnacht ewig lang unterwegs und musst Sonntag früh zum Sektionstreffen, das ist schon hart. Das kann manchmal regelrecht in Stress ausarten. Das darf man aber niemandem sagen. Es ist ja ein großes Privileg, da hinzudürfen, immer wieder eingeladen zu werden und eine Akkreditierung zu bekommen. Das ist einfach toll und nicht selbstverständlich.

Ganz wichtig: Immer Mandeln in der Tasche haben

In den letzten drei Jahren habe ich während der Zeit leider immer gedreht, sodass ich das Festival gar nicht richtig mitbekommen habe. In diesem Jahr aber habe ich frei und werde den Luxus genießen. Ganz früher stand ich immer schon morgens um sieben in der langen Schlange vor den Ticketcountern. Ich traf mich da immer mit dem Regisseur Martin Eigler, ich stand da immer schon, weil ich ein Frühaufsteher bin, mit Kaffee für uns beide, und dann haben wir die Berlinale miteinander verbracht. Das schaffen wir heute nicht mehr, aber als kleines Ritual treffen wir uns einmal während des Festivals.

Früher hat man das alles aber auch noch ganz anders wegstecken können. Inzwischen bin ich etwas vorsichtiger geworden, um diese Zeit durchzustehen, ohne krank zu werden. Ich diszipliniere mich. Ich versuche etwa, möglichst keinen Alkohol zu trinken. Ich gucke auch immer, dass ich einen warmen Mantel dabeihabe. Lieber dick eingepackt, auch wenn das nicht so gut aussieht. Und ganz wichtig: Immer an was zu essen denken.

Ich war mal bei einer Berlinale-Vorführung völlig ausgehungert, da hat mir der Verleiher von Werner Herzog seine Erdnüsse überlassen. Später hat er mir dann die Werner-Herzog-DVD-Edition geschickt und ein Päckchen Erdnüsse dazugepackt: „Falls noch mal der Hunger kommt.“ Das fand ich ziemlich lieb. Seither habe ich immer eine Packung Mandeln in der Handtasche. Nicht nur zur Berlinale. Auch sonst. Bei Flügen etwa kriegt man ja auch immer zur falschen Zeit Hunger. Und Mandeln sind gesund und gehaltvoll, das kann ich nur empfehlen. Ansonsten muss man sich von dem Gedanken, sich auf der Berlinale gut zu ernähren, einfach verabschieden. Das funktioniert nicht. Da muss man halt abends auch mal eine Currywurst an einer Imbissbude essen, das gehört auch dazu. Und das liebe ich.

Ich habe schon die unterschiedlichsten Berlinalen erlebt. Ganz außergewöhnlich und unbeschreiblich ist es natürlich, mit einem Film im Wettbewerb vertreten zu sein. Ich hatte das mit „Das Leben ist eine Baustelle“, das ist tatsächlich 20 Jahre her. Ich war damals noch ganz jung und wahnsinnig aufgeregt. Und hatte keine Ahnung, was alles auf mich zukommen sollte. Der Presseagent hat mir geraten, ein Hotelzimmer zu nehmen, weil er meinte, ich käme zwischen der Pressekonferenz und der Filmpremiere abends nicht mehr heim. Ich habe das in den Wind geschlagen, aber natürlich kam ich nicht mehr nach Hause. Er hat mir angeboten, mich kurz in seinem Zimmer umzuziehen. So steht man plötzlich in einem fremden Hotelbadezimmer. Das dazu.

Zum eigentlichen Abend kann ich heute gar nicht mehr sagen, wie das war. Der rote Teppich und alles, das war wie ein Rausch, der an mir vorbeigezogen ist. Ich weiß nur, ich habe zu meinem Regisseur Wolfgang Becker gesagt: „Ich muss bitte unbedingt neben dir sitzen.“ Das brauchte ich, weil alles so fremd war. Aber wie der Film dann gelaufen ist und wie das Publikum reagiert hat, kann ich beim besten Willen nicht mehr sagen. Es ist kaum zu erklären, wie da der Adrenalinspiegel steigt und was das mit dir macht.

Jetzt bin ich etwas älter und weiß: Man muss solche Momente ganz bewusst erleben. Weil sie so schnell vorbei sind. Und weil man einfach nicht so viele Gelegenheiten hat, so etwas zu erleben. Du musst das bewusst wahrnehmen und genießen. Bei der Emmy-Verleihung letztes Jahr ist es mir etwas besser gelungen. Aber damals war ich einfach noch zu unerfahren. Ich war dann noch mal mit Theo Angelopoulos’ „The Dust of Time“ im Wettbewerb, der lief aber nur außer Konkurrenz. Vielleicht darf ich das irgendwann noch einmal erleben. Im Wettbewerb, das ist einfach was ganz Besonderes.

Einmal war ich auch in der Jury von Amnesty International, das war eine ganz andere und sehr bereichernde Erfahrung. Wir haben da systematisch Filme geschaut, natürlich alles Filme mit Amnesty-Themen: Das war teils sehr heftig und kaum auszuhalten. Darüber konntest du dich dann mit den anderen Juroren austauschen, die aus ganz anderen Bereichen kamen und denen du sonst nie begegnet wärst. Das war sehr spannend und aufregend. Und dann gab es die Jahre, wo ich einfach nur Filme sehen konnte. In Spitzenzeiten habe ich es auf drei bis vier Filme pro Tag geschafft. Heute bin ich froh, wenn ich zwei, drei insgesamt sehe.

„Ich muss nicht, ich darf auf den roten Teppich“

Du kannst ein Festival also auf die unterschiedlichsten Arten erleben. Es hängt ein bisschen von dir selber ab, was du daraus machst. Es ist ja auch ein berufliches Parkett, auf dem man sich bewegt. Da trifft man lauter Menschen, die man lange nicht gesehen hat. Und dann gibt es natürlich noch den roten Teppich. Es gibt Leute, die sagen, dass sie nur ins Kino wollen und das nicht so ihres ist. Ich sehe das anders. Ich muss nicht, ich darf über den roten Teppich. Das ist einfach ein Teil meines Berufs, es ist auch ein Privileg und es macht ja auch Spaß. Du bist da plötzlich für einen Moment ein Teil von diesem Ganzen. Klar, es ist nicht gerade die ideale Zeit im Februar, um im Abendkleid über den Teppich zu laufen. Aber wie sieht Dieter Kosslick das mit seinem schwarzen Humor: Wir profitieren vom Klimawandel.

Spannend ist, ob das Festival nun, da das Musicaltheater außerhalb der Berlinale geschlossen hat, auf Dauer am Potsdamer Platz bleibt. Aber wo sonst als am Potsdamer Platz hast du einen solch zentralen Ort, mit so vielen Kinosälen? Ich glaube, es wäre eher schwierig, wenn man da wegginge. Aber wenn das nicht anders zu lösen ist, wird es, wie für alles, Alternativen geben. Das sehe ich ganz pragmatisch.

Was allerdings wirklich zu kurz kommt während der Berlinale, das ist die Familie. Die wird bei mir ausgelagert. Leider sind wir da in diesem Jahr im Rhythmus falsch. Sonst sind ja immer Winterferien, da kann man die Kinder gut in Urlaub schicken. Diesmal bleibt mir nur die Devise: Ich bin nicht da, ich bin nicht ansprechbar. Zumindest die ersten Tage nicht. Aber meine Familie kennt das ja schon von mir. Ich hoffe, es ist mir da keiner böse. Sonst könnte ich das wohl alles gar nicht wahrnehmen. Und nicht genießen.

Aufgezeichnet von Peter Zander