Kultur

Ein Seemann wird des Mordes verdächtigt

| Lesedauer: 4 Minuten
Britta Bode

Mit der Novelle „McGlue“ hat die Amerikanerin Ottessa Moshfegh ihr Debüt vorgelegt

Die Welt im Jahr 1851. Irgendwo an der Küste Sansibars wird ein Seemann auf einem amerikanischen Schiff unter Deck festgesetzt, weil er seinen besten Freund ermordet haben soll. McGlue, Hauptfigur in Ottessa Moshfeghs gleichnamiger Novelle, kann sich an nichts erinnern, weil er zum Tatzeitpunkt volltrunken war, so wie beinahe immer. Er wird nach Salem, dem durch seine Hexenprozesse berüchtigten Ort in den USA zurückgebracht, wo er vor Gericht gestellt werden soll.

Johnson, sein ermordeter Freund, entstammte ganz anders als er, einer wohlhabenden und angesehenen Familie. Er hatte sich dem Trinker angenommen, ihm das Leben gerettet, als McGlue eine schwere Kopfverletzung erlitt. Hatte ihn durchgefüttert, ihn erst zum Seemann gemacht, weil er seinem eigenen Leben entfliehen wollte. Volltrunken, hirnverletzt war er – hat McGlue seinen Freund also überhaupt in schuldfähigem Zustand verletzt? Wurde er von seinem Opfer selbst oder anderen dazu angestachelt?

Alkohol spielt eine große Rolle in ihren Geschichten

Johnson ist der eigentlich rätselhafte Charakter in dieser kurzen, sprachlich sehr ausgefeilten Geschichte, der nur in McGlues Erinnerungen nachgezeichnet wird. In ihnen erfährt man, wie er seinen Vater am liebsten umgebracht hätte, wie er seine Herkunft abstreifen, ja selbst sterben wollte. Johnson ist die tiefere Persönlichkeit. Ein Mann, der Probleme mit den Frauen hatte, unter irgendeiner Krankheit litt, den all sein Geld nicht glücklich machen konnte.

Mit „McGlue“ hat Ottessa Moshfegh ihr Debut geschrieben. Die in den USA geborene Autorin, die kroatisch-persische Wurzeln hat, schreibt hier in einer Art Wiederbelebung des Method-actings aus der Schauspielerei für die Literatur: ausschließlich aus der Perspektive eines schlichten Trinkerhirns mit Erinnerungslücken. Es werden keine Erklärungen angeboten, kein Sozialkolorit, minimalste Selbstreflektion, allein die kurzen Gespräche McGlues mit seinem Anwalt geben einen kleinen Einblick in die Rezeption des Verbrechens in seinem damaligen Umfeld.

Inzwischen hat es Moshfegh mit ihrem neuen Roman „Eileen“ 2016 bis in die Endrunde des renommierten Booker-Preises in Großbritannien gebracht. Wie in McGlue, ebenso wie in einigen ihrer Kurzgeschichten, spielt auch in dem Roman, der eine Art literarischer Psychothriller ist, Alkohol eine große Rolle. Sich den Kopf wegtrinken, sich dem revoltierenden Körper ergeben, die Selbstzerstörung, der bei McGlue wiederholt beschriebene befreiende Akt des Kotzens, der Entzug: Moshfegh weiß, wovon sie schreibt. Mit 17 oder 18 hat sie nach eigener Schilderung fünf Jahre lang getrunken und dann acht Jahre bei den Anonymen Alkoholikern dagegen gekämpft. Sie hatte Probleme mit ihrem Körperbild, hatte Essstörungen, hat sich zumindest in den amerikanischen Auflagen ihrer Bücher gegen ein Foto auf dem Bucheinband ausgesprochen.

Literarisch hat sie ganz offensichtlich Freude daran, die hässlichen Seiten zu zeigen. Zu schockieren, aufzuwühlen und ein bisschen enfant terrible des Literaturbetriebs zu spielen. McGlue, von der Kritik hoch gelobt, hat sich finanziell noch nicht überzeugend gerechnet, hat die Autorin selbst erklärt. Doch Moshfegh, inzwischen 35, will, das gibt sie im Gegensatz zu den meisten Schriftstellerkollegen ganz offen zu, Geld verdienen. Sie will von ihren Büchern leben können, will auch berühmt sein, will das Spiel mitspielen.

Noch in der Entscheidungsphase für den Booker-Preis hat sie in einem Interview erklärt, wie so ihr erster großer Roman entstanden ist, mit dem sie es schaffen wollte. Und es hat ja auch geklappt. Einen Leitfaden zum Roman in 90 Tagen habe sie sich gekauft und sich tatsächlich 60 langweilige Tage daran gehalten. Aber dann habe sich „Eileen“ doch verselbstständigt. Was nicht überraschen kann, weil sie ja eben doch eine Künstlerin ist und eine unverbrauchte, neugierig machende neue Stimme der amerikanischen Literatur.