Letzte Frage

Wie fühlt man sich als Karl Marx, Herr Diehl?

Als Karl Marx ist August Diehl kaum noch zu erkennen. Eine Rolle, mit der man sich auch in die Nesseln setzen kann. Ein Treffen.

Die Berlinale ist „sein“ Festival, seit August Diehl hier vor 17 Jahren als Europäischer Shooting Star vorgestellt wurde

Die Berlinale ist „sein“ Festival, seit August Diehl hier vor 17 Jahren als Europäischer Shooting Star vorgestellt wurde

Foto: Marcus Hoehn/laif

Den vielleicht gewagtesten Balanceakt auf der diesjährigen Berlinale absolviert August Diehl. Er spielt in einem Biopic Karl Marx. Dafür hat er sich täglich einer stundenlangen Verwandlung unterziehen müssen und ist mit einer genialisch-wirren Perücke, dunklen Augenlinsen und ein paar Pfunden, die er sich eigens zugelegt hat, kaum wiederzuerkennen. Ihm ist klar, dass der Film polarisieren könnte – ist Marx doch eine historische Persönlichkeit, von der jeder ein Bild im Kopf hat. Und jeder ein anderes. "Der junge Karl Marx" läuft als Berlinale Special und hat seine Premiere am 13. Februar im Haus der Berliner Festspiele.

Für den 41-Jährigen ist es sowas wie eine Heimkehr. Er hat in den letzten Jahren ja eher im Ausland gedreht. Der Berlinale fühlt sich der Berliner Schauspieler dennoch stark verbunden. Hier war er immer wieder vertreten, mit Filmen wie "Slumming", "Der neunte Tag" oder "Was nutzt die Liebe in Gedanken?". Hier ist er auch im Jahr 2000 als Shooting Star vorgestellt worden, eine Ehre, die später auch Daniel Brühl, Daniel Craig, Heike Makatsch und Rachel Weisz zuteil wurde, bevor sie Stars wurden. An die damalige Veranstaltung kann sich Diehl allerdings kaum noch erinnern.

Wir haben den Schauspieler noch vor dem Festival im Hotel de Rome getroffen. Wo er, ohne die wirren Haare, die Pfunde hat er sich auch abtrainiert, wieder ganz wie der Alte aussieht. Am Ende des Gesprächs aber wird ihm erst richtig klar, welcher Rummel das damals war – und dass ihn nun ein ganz ähnlicher erwarten könnte.

Berliner Morgenpost: Herr Diehl, ganz spontan: Was war Ihre erste Reaktion, als das Angebot kam, dass Sie Karl Marx spielen sollten?

August Diehl: Ehrlich gesagt weiß ich das gar nicht mehr so genau. Weil ich schon seit vier Jahren mit dem Projekt zu tun habe. Das sollte schon viel früher verfilmt werden. Aber dann gab es immer wieder wechselnde Besetzungen, und dann stockte die Finanzierung. Ich kann es wirklich nicht mehr sagen. Aber so viel: Ich habe grundsätzlich erst mal Manschetten. Deshalb bin ich wohl erst mal zurückgeschreckt. Was Biopics angeht, habe ich echt Angst. Vor allem, wenn es um Menschen geht, die jeder kennt, von denen jeder ein Bild hat. Ich habe deshalb mal einen Schiller abgesagt. Ich habe von dem eine so genaue Vorstellung – wahrscheinlich geht das allen so –, dass man der nie nahe kommen kann.

Wenn Sie Schiller ablehnen, warum haben Sie dann bei Karl Marx zugesagt?

Weil das Drehbuch sich auf einen relativ kurzen Ausschnitt seines Lebens beschränkt. Und es da um den jungen Marx geht. Den hat man überhaupt nicht im Kopf, man kennt ja nur den alten Marx. Das ist ja auch die Zeit, als die Fotografie gerade erst geboren worden war. In der Zeit haben Leute in ihrem ganzen Leben vielleicht drei Fotografien von sich anfertigen lassen, und so haben sie sich in unser Gedächtnis eingebrannt. Wir kennen also nur den alten Marx mit dem Wallebart, von diesem berühmten Foto. Von seinen jungen Jahren gibt es nur Zeichnungen . Insofern war hier das Äußerliche nicht so das Problem.

Das gibt einem mehr Freiheiten.

Genau. Aber dann muss man sich bei jedem Film fragen, ganz egal, ob es um eine reale oder fiktive Figur geht, ob sie spannend ist. Und diese hier war es. Es ist eine wahnsinnige Freundschaftsgeschichte mit diesen doch relativ ungleichen Männern Marx und Engels. Eigentlich war es ja ein Triumvirat, Jenny Marx muss man unbedingt dazuzählen. Die sind zu dritt durch dick und dünn gegangen. Dann ist es auch eine Geschichte von einem jungen Familienvater mit großen Geldproblemen, der gleichzeitig genau weiß, dass er die Welt verändern wird. Das alles hat mich, vor allem in dieser Mischung, fasziniert.

Wie fühlten Sie sich mit dieser Wahnsinnsperücke?

Das war ein großer Kampf. Der ging aber sehr stark von mir aus. Es gab Phasen, da wollte mich der Regisseur Raoul Peck einfach so haben, wie ich bin. Als wir das erste Mal über ihn geredet haben, war ich noch schlaksig und blond gefärbt. Das hatte nichts mit ihm zu tun. Die Haare mussten schon sein, auch der Ansatz eines Bartes. Und er war ja ein semitischer Typ, dunkler Teint, dunkle Augen – "der Mohr" wurde er von seiner Frau genannt. Ich hatte dann das Glück, eine der tollsten Maskenbildnerinnen von ganz Europa kennenzulernen, Anna Morales. Ich habe schon oft Perücken getragen im Film, wirklich, aber noch nie eine so gute. Ich hatte allerdings auch meine liebe Not damit, weil ich jeden Morgen anderthalb Stunden in der Maske saß. Das Schwierigste waren übrigens die Kontaktlinsen. Er hatte ja auch schwarze Augen, deswegen wollte ich entsprechende Farblinsen. Das hat aber manchmal 40 Minuten gedauert, bis ich die drin hatte. Ich hatte regelrechte Tobsuchtsanfälle, das war schon ein Running Gag. Das hat sich aber sehr gelohnt. Eine so große Verwandlung habe ich noch nie durchgemacht im Film. So bin ich wirklich in eine andere Welt gekommen.

Müssen Sie sich jetzt warm anziehen: Weil jeder sein eigenes Bild, seine Meinung von Marx hat?

Klar. Ich habe ja auch meine Meinung von ihm. Sowas kann natürlich auch nach hinten losgehen.

Haben Sie sich schon zuvor mit Marx beschäftigt?

In der Schule war das natürlich Unterrichtsstoff. Danach habe ich mich mit einigen Persönlichkeiten beschäftigt, aber Marx gehörte nie dazu. Ich glaube, ich habe mal vor vielen Jahren angefangen, "Das Kapital" zu lesen. Aber wieder aufgehört. Vielleicht hätte ich mich mehr durchboxen müssen. Ich habe mich erst im Vorfeld zum Film wieder mit ihm beschäftigt. Ich habe dann das "Kommunistische Manifest" gelesen, das ist überschaubarer und einfacher. Man merkt sein Anliegen, dass auch die einfachen Menschen das verstehen, darum ging es ja. Was mir aber am meisten geholfen hat in der Vorbereitung, waren seine wirklich tollen Briefwechsel mit Engels und mit Jenny. Wie er sich über Menschen auslässt, wie er um Geld bittet, wie er mal schwach, mal stark ist.

Warum hat es eigentlich noch nie einen Film über Marx gegeben?

Das habe ich mich auch gefragt. Es gab eine sowjetische TV-Serie, das war's. Die habe ich teilweise geguckt. Die ist ganz gut gespielt, da geht es Marx aber immer sehr gut, er läuft 'rum wie ein großer Bourgeois, und wenn ein neues Kind geboren wird, wird es in Spitzen gelegt. Das ist ein totales Propaganda-Ding. Wahrscheinlich ist es aber gar nicht so verwunderlich, dass es sonst bislang nichts gab. Marx ist eine Größe, die stark polarisiert. Ein Film über Marx, das beinhaltet viele Gedanken, viele Dialoge. Und dann ist er ja auch so ziemlich das Unattraktivste, was man sich vorstellen kann. Er bietet so gar nichts Verführerisches, er ist kein Che Guevara, kein Fidel Castro. Das muss man sich erst mal trauen. Wenn man das dann aber angeht, kriegt man schnell raus: Allein die Zeit, in der er gelebt hat, ist es wert, darüber einen Film zu machen. Die Industrialisierung, das Proletariat als neue Klasse – wie sich damals die Welt verändert hat! Damals haben sich übrigens viele berufen gefühlt, die Welt zu verändern, Marx war da in einem großen Schwarm von Leuten. Er war nur um einiges klüger.

Eine Frage, die Sie nun ständig zu hören kriegen: Wie aktuell ist Karl Marx heute? Kurz nach Mauerfall gab es ja diese Spaßpostkarte: "Sorry, war nur so 'ne Idee von mir!" Jetzt, nach der Bankenkrise und mitten in der Globalisierung, ist das wieder anders?

Ich bin eigentlich kein Freund von Aktualisierungen. Für mich muss ein Film nicht "aktuell" sein. Aber dennoch ist es jetzt genau der richtige Zeitpunkt für einen Film über Marx. Ich fürchte, dass all das, was seit mehreren Jahren passiert, genau das ist, was er immer prognostiziert hat: dass der Kapitalismus ein System ist, das sich immer wieder selbst generiert, wie ein Krebsgeschwür. Ihm zufolge kommt es ja erst in dem Moment zu einem Zusammenburch und Kollaps, erdbebengleich über die ganze Erde, wenn die Rohstoffe knapp werden. Wie bei einem Alkoholiker, wenn der Körper selber nichts mehr gibt. Ich habe den Eindruck, dass wir jetzt am Anfang dieser Phase stehen. Wir bringen Marx eigentlich immer mit dem 20. Jahrhundert in Verbindung. Durch den Kommunismus – obwohl Marx dessen Ende ja auch vorhergesehen hat und einen ganz anderen Kommunismus wollte, als die Sowjets ihn installiert haben. Aber eigentlich ist er ein Mensch des 19. Jahrhunderts. Es ist daher viel spannender zu sehen, aus welchen Zusammenhängen er kommt.

Der Film handelt auch von Flucht und Exil und ist auch in dieser Hinsicht von großer Aktualität?

Wohl wahr. Das kann dich völlig fertig und finanziell kaputt machen, verfolgt zu sein. Aber die Emigration erzeugt in einem auch eine große Wachheit. Was mir sehr geholfen hat an jedem Drehtag, war, dass die Leute am Set in völlig unterschiedlichen Sprachen sprachen. Damit war ich mental sofort in der Emigration. Auch das ständige Reisen von einem Drehort zum anderen war sehr hilfreich. Das beflügelt meine Fantasie. Als ich nach Belgien und Frankreich in Görlitz landete, war das dann wie ein Nachhausekommen. Wobei, das muss ich jetzt auch sagen, das kann ich ja nun beurteilen, nachdem ich viel im Ausland gedreht habe: Die deutschen Schauspieler sind die frechsten. Das hat vielleicht mit unserer Theaterkultur zu tun. In England oder Frankreich habe ich das noch nie erlebt, dass der Regisseur eine Anweisung gibt und ein Schauspieler dann meint: Hm, nein, so fühle ich das aber nicht.

Sie kommen mit diesem Film auf die Berlinale, wo er als Berlinale Special läuft. Ist das auch so eine Art Heimkehr für Sie , ist die Berlinale Ihr Festival?

Unbedingt. Ich wohne in der Stadt. Meine ganze Kinolaufbahn hatte immer was mit der Berlinale zu tun. Und, fast noch wichtiger: Früher, bevor ich anfing, Filme zu drehen, habe ich mich mit meinem Bruder und Freunden heimlich auf Berlinale-Partys geschlichen. Das war immer der Sport, wie man da reinkommt und wen man da so sieht. Seit ich selber zu Partys eingeladen werde, ist das irgendwie ein bisschen langweiliger geworden.

Im Jahr 2000, kurz nach Ihrem ersten Film "23" wurden Sie als Shooting Star der Berlinale präsentiert. Hat sich das für Sie eigentlich rückblickend ausgezahlt, hat das Ihre Karriere entscheidend vorangetrieben?

Das hat man mich schon öfter gefragt. Ich weiß gar nicht recht, was ich da sagen soll. Ich finde die Shooting Stars eine ganz großartige Einrichtung. Ich bin auch Jahre später immer wieder zu den Partys eingeladen worden, da kommen auch unheimlich talentierte junge Menschen zusammen. Und für einige von ihnen hat das ja wirklich was gebracht. Für mich vielleicht auch. Aber ich vermag das nicht zu beurteilen. Es kam damals alles so dicht auf dicht. Mein erster Film, das nächste und übernächste Angebot, der Bayerische Filmpreis, der Deutsche Filmpreis. Das war für mich alles ein einziger, großer Rausch. Ich habe das auch sehr genossen. Aber ob mir das konkret was gebracht hat, kann ich wirklich nicht sagen.

Wie bereiten Sie sich denn auf die jetzige Berlinale vor? Da wird es ja vielleicht, mit Ihrem Karl Marx, noch mehr Rummel geben als bei früheren Auftritten.

Ich dachte erst: Ach schön, wir dürfen zur Berlinale mit unserem kleinen Film. Aber jetzt geht das schon seit Wochen so, ich muss dauernd Interviews geben, die starten den Film mit 400 Kopien, der Trailer läuft auch schon überall. Das kommt richtig dick. Eigentlich müsste man sich da wohl genau überlegen, was man tut. Aber ich glaube, das Beste ist, sich gar nicht vorzubereiten und es einfach auf sich zukommen zu lassen. Das kalt zu nehmen.

Sie haben sich in den letzten Jahren etwas rar gemacht. Sie sind nicht mehr in so vielen Filmen zu sehen. Und Theater spielen Sie eigentlich auch nur in Wien, am Burgtheater oder im Akademietheater. Soll Berlin eine Diehl-freie Zone bleiben?

(lacht) Ich bin wahnsinnig gern woanders. Ich finde das wunderbar, für einen Tag nach Wien zu fliegen, um dort Theater zu spielen. Ich glaube, ich fände es komisch, zuhause zu arbeiten, das Unterwegssein gehört für mich dazu. Das hat was wie bei den Gauklern früher. Es stimmt übrigens, in Berlin habe ich komischerweise nie richtig Theater gespielt. Immer nur gastweise, meist ausgeliehen von Hamburg. Das ist eigentlich bedauerlich, es steckt aber keine Absicht dahinter. Ich habe auch gar nicht so viel weniger gedreht, das war nur fast alles im Ausland. Es ist tatsächlich drei oder vier Jahre her, dass ich in Deutschland einen Pressetag hatte. Ich bin da auch ein wenig nervös. Nun gerade mit diesem Film zurückzukommen über einen Exilanten, der heimkommt, das macht irgendwie Sinn.

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