Hauptrolle Berlin

Herrlich abgefahren: „Linie 1“ rollt wieder ins Kino

Am 7. Februar wird noch einmal „Linie 1“ gezeigt. Und Volker Ludwig vom Grips Theater spricht über die Verfilmung seines Bühnenhits.

Hier wird nicht nur gefahren, gewartet und gemeckert, sondern auch gesungen, getanzt und gerockt: die „Linie 1“ im Film von Reinhard Hauff

Hier wird nicht nur gefahren, gewartet und gemeckert, sondern auch gesungen, getanzt und gerockt: die „Linie 1“ im Film von Reinhard Hauff

Foto: Studiocanal

Wie viel Stadt muss ins Bild rücken, damit ein Film wirklich ein Berlin-Film ist? In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“ – die die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat veranstaltet –, ist das eine Frage, die sich immer wieder stellt. Und so viel ist klar: Über die Handlung verstreute Hubschrauberaufnahmen vom Fernsehturm oder von der Siegessäule allein sind es eben nicht.

Man kann einen Film aber auch komplett im Studio drehen und trotzdem ganz viel über die Stadt erzählen. Das beweist „Linie 1“, der am 7. Februar in der Reihe gezeigt wird: Bei der Verfilmung des Erfolgsstücks vom Grips Theater hat Reinhard Hauff die Herkunft vom Theater gar nicht erst kaschiert, sondern die Künstlichkeit sogar noch unterstrichen. Und doch ist dabei ein echtes Zeit-Bild entstanden, das nun, mit dem Abstand von 29 Jahren, noch mal einen ganz anderen Reiz hat.

Als Berlin noch eine halbe Stadt war

Die Erfolgsgeschichte begann 1986, als Volker Ludwig (Text) und Birger Heymann (Musik) sich das Stück für das Grips Theater erdacht haben. Zwei Bänke, ein paar Stangen und elf Darsteller, die im fliegenden Wechsel in 90 Rollen schlüpfen und wippend simulieren, als ob sie U-Bahn fahren: Das war schon grob das ganze Gerüst.

Das Erfolgsrezept bestand darin, dass viele Touristen und Neubürger die Metropole das erste Mal genau so erleben: mit einer U-Bahnfahrt. Und damals, als die Stadt noch eine halbe war, gern vom damaligen Fernbahnhof Zoo dorthin, wo die „Kreuzberger Nächte“ lang und verrufen waren.

Ein junges Mädel vom Lande strandet hier und gerät auf ihren Hin- und Rückfahrten an allerlei Penner und Punker, Spinner, Spanner, Spontis und Spießer, Türken, Tunten und ewig Gestrige wie die schon sprichwörtlich gewordenen „Wilmersdorfer Witwen“: ein herrliches U-Bahnstationendrama, eine schrille Sozialrevue auf engstem Raum. Mit fetzigen Liedern, die so etwas wie der Soundtrack zur Stadt geworden sind. Ein Spaß nicht nur fürs jugendliche Zielpublikum, sondern auch für Erwachsene.

Schon nach kurzer Zeit waren sämtliche Aufführungen beim Grips heillos ausverkauft. Und bald wurde die „Linie 1“, das hat wohl auch die BVG gefreut, zum Exportschlager der Stadt. Mehrere westdeutsche Bühnen spielten den Überraschungshit nach. Und schließlich ging das Musical um die ganze Welt: Erst reiste das Grips auf Gastspiele ins Ausland, dann spielten Städte wie New York, Jerusalem, Seoul oder Melbourne das Stück mit eigenen Adaptionen nach, die auf örtliche U-Bahnlinien übertragen wurden.

Volker Ludwig gehört damit, was gern übersehen wird, zu einem der meist gespielten Bühnenautoren Deutschlands. Und nur anderthalb Jahre nach der Uraufführung wurde das Musical – was sonst nur am Broadway passiert, im deutschen Kino aber eine absolute Rarität ist – verfilmt.

Reinhard Hauff war, bevor man ihm die Regie zum Film anbot, laut eigenem Bekunden noch nie im Grips Theater gewesen, ja hatte von der „Linie 1“ noch nicht einmal gehört. Seine Wahl überraschte auch deshalb, weil sein Name für kontroverse Politfilme steht wie „Messer im Kopf“ (1979), „Der Mann auf der Mauer“ (1982) oder das RAF-Drama „Stammheim“, das auf der Berlinale 1986 zu einem handfesten Eklat führte, als es den Goldenen Bären gewann.

Aber Hauff, das wussten nur wenige, hatte in seinen Anfangszeiten auch Unterhaltungsshows fürs Fernsehen inszeniert, er war mit der Materie also durchaus vertraut. Damit war er für den Stoff prädestiniert: Denn „Linie 1“ war ja auch nicht nur schräge Unterhaltung, Volker Ludwig, der vom Kabarett kam und aufklärerisches Jugendtheater betrieb, ging es immer auch um soziopolitischen Gehalt.

Verkehrte Welt: Der Bahnhof rollt am Zug vorbei

Kurz war wirklich überlegt worden, ob man für die Verfilmung in realen U-Bahnhöfen drehen könnte. Die Idee wurde aber schnell fallen gelassen, weil es dafür immer nur eine ganz enge Zeitspanne in der Nacht gegeben hätte. Also gar nicht erst leugnen, sondern die „Illusion einer U-Bahn“ erschaffen, wie Hauff das nannte: „wirklich und unwirklich zugleich“. Die U1 wurde deshalb in den CCC-Studios in Haselhorst nachgebaut.

Dafür wurde eigens ein echter ­U-Bahnwaggon in die Hallen gehievt, der sich allerdings als so schwer erwies, dass man das Wagengestell abmontieren musste. Verkehrte Welt: Um die Illusion einer Fahrt zu erwecken, fuhr nicht der Wagen aus den Bahnhöfen, nein, man musste die Bahnsteige aus den Bildern rollen, mitsamt den Menschen, die da standen. Echter Kintopp.

Alle Darsteller des Grips Theaters wie Petra Zieser, Ilona Schulz oder Dietrich Lehmann waren auch bei der Verfilmung dabei. Und es ist eine Lust, sie hinter diversen Masken und Typen wiederzuerkennen. Dieter Landuris ist danach sogar zum Fernsehstar umgestiegen.

Für das naive Landei aber, da musste die ursprüngliche Hauptdarstellerin ganz tapfer sein, wünschte sich Hauff ein neues, wirklich noch junges Gesicht. Und ging dafür mit seinen Castern auf Entdeckungstour durch Kreuzberger Kneipen und Neuköllner Döner-Buden, bis er die 20-jährige Berlinerin Inka Groetschel in einer Milchbar entdeckte.

Im Februar 1988, zwei Jahre nach Hauffs „Stammheim“-Skandal, eröffnete „Linie 1“ die Berlinale, und auch die Filmversion wurde ein Erfolg im In- und Ausland. Trotz aller Überdrehtheit ist der Film auch eine Zustandsbeschreibung jener Jahre, zieht er doch einen aufschlussreichen Querschnitt durch die Kohl-Ära und die damalige No-Future-Generation. Wer den Film noch nicht kennt: Er ist noch immer frisch und spritzig. Wer ihn schon gesehen hat, wird ihn dennoch mit ganz anderen Augen neu entdecken. Echt abgefahren.

Zoo Palast, Dienstag 7. Februar, 20 Uhr in Anwesenheit des Grips-Gründers Volker Ludwig und der Schauspielerin Petra Zieser. Tickets unter www.zoo-palast-berlin.de zu Morgenpost-Konditionen.

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