Film

Die Frauen, die Amerika ins All brachten: "Hidden Figures"

„Hidden Figures“ erzählt die wahre, aber bislang fast unbekannte Geschichte von drei afroamerikanischen Mathematikerinnen der NASA.

Starke Frauen: Octavia Spencer als Dorothy, Taraji P. Henson als Katherine und Janelle Monáe als Mary (v.l.)

Starke Frauen: Octavia Spencer als Dorothy, Taraji P. Henson als Katherine und Janelle Monáe als Mary (v.l.)

Foto: © 2017 Twentieth Century Fox

Es wirkt, als hätte Hollywood schon so einen Riecher gehabt. Die USA, die in diesen Tagen in eine schwere Identitätskrise schlittern, seit Donald Trump als US-Präsident im Stundentakt einen tiefgreifenden Erlass nach dem anderen unterschreibt, von denen viele an die Substanz der Nation gehen – diese USA also, sie brauchen dringend Filme, um zu spüren, was das Land eigentlich ausmacht. Wo liegen die Stärken der USA, was waren die Schwächen, welchen Weg hat man hinter sich gebracht?

"Jackie", der mehrfach oscarnominierte Film über die Witwe J. F. Kennedys, ist einer dieser Filme, die sich an ein Kerntrauma des modernen Amerika getraut haben. Und diese Woche kommt ein zweiter solcher Film in die deutschen Kinos, auch er ein mehrmaliger Anwärter auf diesjährige Oscars: "Hidden Figures".

Ein Film über Schmach und Hoffnung in einem

Im Weißen Haus hat man ihn schon im Dezember gesehen. Michelle Obama hatte, wenige Tage vor ihrem Auszug aus den heiligen demokratischen Hallen, die Belegschaft geladen. Es war bislang der letzte Film, der – mit der First Lady als Schirmherrin des Abends – dort gezeigt wurde. Und der Film setzt ein Zeichen. Denn er dreht sich um die Rassentrennung der USA in den 60er-Jahren. Und zeichnet gleichzeitig ein Bild des aufkommenden schwarzen Mittelstandes. Schmach und Hoffnung in einem.

Die Geschichte von "Hidden Figures" ist eine wahre, der Film fußt auf einem gleichnamigen Sachbuch, das 2016 erschien. Im Zentrum stehen die Mathematikerinnen Katherine Johnson, Dorothy Vaughan und Mary Jackson, die um 1961 für die NASA arbeiten. Es ist die Zeit des Kalten Krieges, die Sowjets haben schon mehrere Satelliten ins All geschossen, die USA hinken hinterher. Al Harrison (Kevin Costner), der Chef der Space-Taskforce in Langley, ist ratlos, der Durchbruch in der Raumfahrt will einfach nicht gelingen.

Er hat einen Raum voller weißer männlicher Rechengenies. Doch niemand von ihnen kann die komplizierten Flugbahnen errechnen. Und der riesige neue IBM-Computer, der einen ganzen Stock einnimmt, springt nicht an. Präsident Kennedy macht am Telefon Druck. Er will Ergebnisse: Unser US-Mann im All!

Verzweifelte Zeiten also, in denen sich plötzlich Möglichkeiten auftun. Denn tief im Bauch des Langley-Komplexes, in fensterlosen Kellerräumen, sitzen die begabtesten Köpfe der Nation. Ihr Problem: Sie sind Frauen und sie sind Afroamerikaner. Ihre Arbeitsräume sind separat, ihre Kantine, ihre Toiletten ebenso. Die weiße Mehrheitsgesellschaft um sie herum signalisiert 24 Stunden am Tag, dass sie Menschen zweiter Klasse sind.

Jede setzt sich auf ihre Weise durch

Das Beeindruckende an diesem Film ist das Selbstbewusstsein, mit dem die Frauen dagegen anleben. Denn ankämpfen wäre der falsche Ausdruck. Sie machen mit großer Selbstverständlichkeit ihre Arbeit, egal wie deprimierend die Bedingungen sind. Weil sie wissen, wie gut sie sind. Und sie setzen sich damit durch. Jede auf ihre Weise.

Die hübsche Mary Jackson (Janelle Monáe) kann vor Gericht erstreiten, dass sie dank universitärer Abendkurse zur Ingenieurin ausgebildet wird – Kurse, die Weißen vorbehalten sind. Dorothy Vaughan, die die Leitung der schwarzen Mathematikerinnen hat, erkennt früh die Zeichen der Zeit und arbeitet ihre Kolleginnen in das IBM-Computersystem ein. Sie sind damit schneller als die weißen Mitarbeiter der NASA. Octavia Spencer ist für ihre Darstellung der Dorothy für den Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert.

Im Zen­trum steht aber Katherine Johnson, die direkt mit dem Chef Harrison zusammenarbeitet. Sie bringt, als einzige schwarze Frau unter lauter weißen Männern, den Durchbruch. Taraji P. Henson, die manchem aus der TV-Serie "Empire" bekannt sein dürfte, spielt diese Mrs. Johnson mit einer wunderbaren Mischung aus Forschheit und Introvertiertheit. Was für eine Bandbreite!

Dass Pharrell Williams die Musik zum Film geschrieben hat, gibt dem Ganzen eine beschwingte Leichtigkeit. Fast muss man lachen, wenn Katherine Johnson Tag für Tag den weiten Weg zur einzigen Toilette für farbige Frauen zurücklegen muss, bei Wind und Wetter, quer über das Gelände mit wichtigen NASA-Unterlagen unterm Arm, damit sie noch auf der Kloschüssel sitzend weiterrechnen kann.

Man würde dem Film wünschen, dass auch er dieses Jahr beim Oscar etwas gewinnt. Besonders wenn man an die Wut im Jahr zuvor denkt, als viele schwarze Schauspieler ihre Teilnahme an der Oscarverleihung absagten, weil sie sich nicht genügend gewürdigt fühlten. Dieser Film hat das Zeug zu einem Preis. Er hat eine Haltung, er ist unterhaltsam und hervorragend gespielt. Und die USA sind über Nacht ein anderes Land geworden. Man rückt zusammen – auch Schwarz und Weiß.

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