Konzert im Huxleys

Die Flaming Lips spielen Hymnen für Außerirdische

Einhörner und Konfetti: Die Flaming Lips spielen im Berliner Huxleys ein Konzert, das schon jetzt das beste des Jahrs sein könnte.

Vor lauter Schauwert gibt es fast so etwas wie einen Zirkus-Overkill: die Flaming Lips mit Sänger Wayne Coyne im Huxleys

Vor lauter Schauwert gibt es fast so etwas wie einen Zirkus-Overkill: die Flaming Lips mit Sänger Wayne Coyne im Huxleys

Foto: picture-alliance/dpa

Ein Mann reitet vorbei. Er trägt einen Eisbär-Kapuzenpulli und eine enge glitzernde Hose. Seine grau melierten Locken strubbeln in der Gegend herum, die Augen mit Mascara umrahmt. Mit beiden Händen wirft er metallisch schimmernde Konfetti in die Luft. Und er reitet auf einem Einhorn. Dieser Mann ist Wayne Coyne, Sänger der Flaming Lips aus Oklahoma, und er ist damit beschäftigt, ein Konzert zu spielen, das jetzt schon als Anwärter auf das beste des Jahres gehandelt werden kann. Wenn man mit so etwas Durchgeknalltem wie einem Konzert der Flaming Lips denn handeln könnte.

Diese Band, die seit Mitte der 80er-Jahre neben ungefähr 15 Studioalben endlose Mengen an Songs in unterschiedlichsten Stilen, Formen und Längen herausgebracht hat. Die zuletzt mit Pop-Nudel Miley Cyrus eine experimentelle Platte aufgenommen hat. Die ins Guinness Buch der Rekorde damit einging, acht Konzerte in 24 Stunden zu spielen. Die Regenbögen auf der Bühne aufbläst, menschengroße Sonnenpuppen umarmt und Einhörner zähmt. Okay, das Einhorn war aus Plastik und lief auf Rollen. Dafür blinkte es aus vielen bunten Lampen.

Und das Huxleys in der Hasenheide ist voll. Voll mit Leuten zwischen 18 und 58: entzückten Akademikern, zugedröhnten Hipstern, schüchternen Schuljungs. Erwachsene Männer und Frauen in Weihnachtsmännerkostüm, in Ganzkörperanzügen aus Stoffbällen und leuchtenden Hasenohrhüten. Oder nur in Jeans und T-Shirt. Selten hat man eine so diverse Konzertmeute gesehen. Nach dem ganzen weltpolitischen Horror der letzten Wochen tut dieses entspannte Beieinander gut.

Wie eine Beethoven-Büste auf LSD

Was andere Bands sich zum Finale einer Show aufheben, verballern die Lips gleich zu Beginn: Nachdem Coyne ein langes Intro dirigiert hat, lustig und pathetisch zugleich wie eine Beethoven-Büste auf LSD, explodiert mit den ersten Takten von „Race for the Prize“ das ganze Universum dessen, wofür die Shows der Flaming Lips berühmt sind: Riesige bunte Luftballons senken sich auf die Menge, Konfettikanonen pusten Papierschnipsel in die Halle als gäb's kein Morgen. Dazu knarzende Synthieziser Funkdrums, schwirrende Stimmen- und Gitarrenfetzen. Mal Lärm, mal Soundhypnose, mal zarte Melodie – ein einziger großer Kindergeburtstag.

Vor lauter Schauwert gibt es fast so etwas wie einen Zirkus-Overkill. Für jeden zweiten Song hat sich die Band ein neues Gimmick ausgedacht: Ein Schlauch wird über die Länge eines gedankenverlorenen Gitarrensolos aufgeblasen zu einem Regenbogen, der die Band überspannt. Zwei Augäpfel auf Beinen tanzen zu bratzigen Bassläufen. Ein Ballon-Schriftzug sagt „Fuck yeah Berlin“ und wird von Coyne ins Publikum geworfen, wo er lange kreist. Dann wieder verschwindet die Bühne fast hinter einer Wand aus rosa Kunstnebel. Eine Discokugel kreist um sich selbst, sendet lange Strahlen quer durchs Huxleys, das nach kürzester Zeit aussieht, als würde hier seit Wochen Silvester gefeiert. Doch immer passen diese Show-Einlagen genau zu den Texten der Songs. Immer wieder bilden die sehr unterschiedlichen Stücke der Flaming Lips mit ihren Inszenierungsformen eine Einheit.

Der Geist der Rockoper schwebt über allem

Wenn man sie sieht, mit ihren langen Seitenscheiteln, wilden Bärten, neongelben Rasta-Perücken, könnte man denken, die Band sei irgendwo in den 70er-Jahren hängengeblieben. Und manchmal klingen sie wie die frühen Pink Floyd, manchmal wie David Bowie oder The Who. Ja, der Geist der Rockoper schwebt über allem: das Drogengeschwängerte, Theatralische. Doch die Mitsinghymnen der Flaming Lips sind Hymnen für Außerirdische. Und wenn man das Publikum mit Luftballons beschenkt, die es unermüdlich immer wieder Richtung Hallendecke schubst, hat man auf die schönste Weise Partizipation geschaffen, dieses Gegenteil von Gleichschaltung. Und ein andauerndes Ausschütten von Glückshormonen.

Am Ende von „A Spoonful Weighs a Ton“ singt Wayne Coynes Stimme lange noch, immer wieder, im Loop: „Love“. Da steht er schon nicht mehr auf der Bühne. Stattdessen blinken da die vier Buchstaben, meterhoch. Man hätte es fast vergessen, dieses Four-Letter-Word, das so viel wichtiger ist als das andere, das mit H beginnt. Dann liegen Leute auf dem Boden herum, klauben Konfettireste zusammen, bewerfen einander damit. Männer knien vor ihren Frauen, Frauen liegen einander in den Armen. Sie wollen nicht gehen, wollen einfach nicht, dass dieser Abend aufhört.

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