Film

Mark Waschke und die Liebe in Zeiten von Tinder

| Lesedauer: 6 Minuten
Peter Zander
Schauspieler und Berliner „Tatort“-Kommissar Mark Waschke

Schauspieler und Berliner „Tatort“-Kommissar Mark Waschke

Foto: Ricarda Spiegel

Schauspieler Mark Waschke über sein neues Stück in der Schaubühne, über Liebe in allen Formen und die Treue zu Menschen und Theatern.

Es könnte wild werden in der Schaubühne, wenn am Sonnabend „Love Hurts in Tinder Times“ Premiere hat. Was genau da passieren wird, ist schwer zu sagen. Regisseur Patrick Wengenroth arbeitet von jeher mit offenen Formen und provoziert gern. Die wenigen Probenfotos, die es gibt, zeigen, wie sich die Schauspieler Lise Risom Olsen und Mark Waschke mit Farbe beschmieren. Um Liebe geht es laut Vorankündigung, um Tinder, der mobilen Dating-App, und um Polyamorie. Den einen muss man diese Lebensform – in der man nicht nur einen, sondern mehrere Menschen gleichzeitig liebt und alle voneinander wissen – noch erklären, bei den anderen ist sie der letzte Schrei. Metrosexuell war vorgestern, jetzt also polyamorisch.

Anfangs ging es viel um Scham und Scheu

Mark Waschke, den wir am Montag früh in einem Café in Tiergarten treffen, weiß auch noch nicht, was genau das wird. „Es ist ja noch eine Woche hin“, grinst er, „da kann noch ganz viel passieren.“ Was natürlich Koketterie sei. Aber nicht nur. Wie immer bei Wengenroth gebe es keinen Stücktext, nur einen Tisch mit vielen Büchern, um den herum man dann sitzt, debattiert und die unterschiedlichsten Perspektiven auf das Thema wirft. So entstehe, so viel immerhin verrät Waschke, eine „szenisch lustvolle, durchaus auch musikalisch untermalte Reflexion.“

Zunächst sollte das Thema Eifersucht sein. Dann wuchs sich das aus. Tinder kam ins Spiel. Und schließlich Polyamorie, was ja, wie der 44-Jährige meint, „in gewissen Kreisen von Berlin fast schon Lifestyle“ ist. Alles, was gemeinhin als gesellschaftliche Norm angenommen wird, Heterosexualität, Monogamie, sollte einmal aufgebrochen und hinterfragt werden.

Bei den Proben fingen dann Diskussionen an, die man sonst nicht hat: Wie hältst du es denn so? Da habe man sich anfangs ziemlich verspannt, wenn man von sich reden wollte. Und habe lieber, kennt man ja, von einem erzählt, den man kenne, dessen Namen man aber nicht nennen wolle, weil die anderen ihn ja auch kennen. Undsoweiter und so verkrampft. Es ging, so Waschke, „viel um Scham und Scheu und Unsicherheiten“. Mit denen man dann aber auch gespielt habe.

Wie haltet Ihr es denn so?, fragt uns Waschke denn auch schnell, bevor wir ihn fragen können. Der Schreiber druckst etwas von wilder Phase in frühen Zeiten, die Fotografin gibt zu, auch mal Tinder ausprobiert zu haben, aber klar, nur ganz kurz. Schon weiß man, wie geniert die ersten Proben gewesen sein müssen. Über Tinder hätte vom ganzen Team nur die Praktikantin aus Neukölln was sagen können. Na ja, vielleicht war sie auch die einzige, die es zugegeben hat. Aber sie meinte gleich, das sei ja längst vorbei, da würde man sich heute nur noch verabreden. Um Sex ginge es da schon lange nicht mehr.

Plädoyer für mehr Offenheit

Aber wie er es denn selber hält mit seiner Sexualität, das will Waschke natürlich auch nicht so offen preisgeben. Nur so viel: Von klassischer Monogamie hält er, trotz Frau und Kind, nicht viel. „Der herkömmliche Treuebegriff hat nichts Gebendes, nur etwas Verbietendes, Ausschließendes.“ Treue werde an einer gewissen sexuellen Exklusivität festgemacht. Waschke aber versteht Treue als ein Bekenntnis zu einer Person. Und das gehe weit über das bloß Sexuelle hinaus. Davon abgesehen, und da wird er richtig leidenschaftlich, „gibt es eben nicht nur eine oder zwei Arten zu leben. Es gibt unheimlich viele, und solange man niemandem damit schadet – das ist vielleicht die einzige Regel, die gelten sollte – , ist das auch alles verdammt noch mal okay.“

Dass das offenbar nicht für jeden okay ist, hat Waschke als amtierender Berliner „Tatort“-Kommissar erleben dürfen. Da hat sein Ermittler Robert Karow auch mal Sex mit einem Mann gehabt, was in der fraglichen Folge gar nicht richtig aufgefallen war, aber in der Folge darauf, als es noch mal als Rückblende gezeigt wurde. Plötzlich ging ein großes Hui durch den Medienwald. Das ärgert den Schauspieler heute noch. Die, die unbedingt die Schlagzeile haben wollten, seien genau die unanständigen Medien, die für eine homophobe Grundstimmung in unserer Gesellschaft mitverantwortlich seien.

Er habe deshalb beschlossen, sich nicht weiter dazu zu äußern. „Außer dass Robert Karows nicht über seine Sexualität redet und ich mich dem gern anschließe.“ Der RBB hat aber auch viel Zuspruch erfahren: nicht nur, weil ein „Tatort“-Kommissar auch mal gleichgeschlechtlichen Sex haben durfte, sondern vor allem, dass der Sender das einfach gemacht und sich nicht groß dazu erklärt hat.

Auch beim Theater muss man mal fremdgehen

Fragen wir noch nach anderen Beziehungslagen. Die Waschkes zu seiner Schaubühne etwa. Von 2000 bis 2008 war er festes Ensemblemitglied, seit 2013 ist er es wieder, wenngleich er jetzt seltener spielt. Das war nach seinem Kino-Durchbruch mit „Buddenbrooks“. Aber war das auch ein gezielter Bruch?

„Das eine war, dass ich mal drehen wollte“, gibt er zu. Das andere, dass es auch mal gut war mit der festen Arbeitsbeziehung.“ Und jetzt spricht er ganz in dem Duktus und der Terminologie des Stückes: „Die Beziehung musste etwas geöffnet werden, ich brauchte auch mal Begegnungen mit anderen Menschen.“ Um dann, wie er augenzwinkernd bekundet, „zu meiner Hauptbeziehung zurückzukehren“. Der Sex sei ja manchmal auch besser, wenn man selber oder der Partner mal anderswo unterwegs war. „So ist das mit dem Theater auch.“