Kultur

Und am Ende tritt Gott auf

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Elisa von Hof

Nichts ist statisch, alles ist möglich: Jette Steckel hinterfragt im Deutschen Theater die „10 Gebote“

Ehrenmord, Kannibalen-Fetisch, Ehebruch. Die Tragödien rauschen inein­ander wie Radiosender, wenn man zu hastig am Empfänger dreht. Und dann, zack, ist man schon nicht mehr auf der Yoga-Party, wie schade, sondern bei Loriot, belauscht die neuen Versionen von Herrn Müller-Lüdenscheidt und Dr. Kloebner, dann wird die Welt plötzlich zu einer Disco, man schaut Paaren bei der Selbstzerfleischung zu, und dann, ganz am Ende, tritt auch noch Gott auf. Ja, genau der. Der, von dem man sich kein Bild machen darf. Heute macht man’s trotzdem. Auch dieses Gebot wird gebrochen, so wie alle an diesem Abend. Und eigentlich ist das ja auch nicht bloß einer, es sind zwölf Abende hineingeschachtelt in einen, zwölf Stücke verwoben in einem. Denn Jette Steckels Inszenierung „10 Gebote“, die am Sonnabend Premiere im Deutschen Theater hatte, knöpft sich die titelstiftenden Gebote häppchenweise vor. Das siebte wird gar geteilt („Du sollst nicht stehlen“ und „Du sollst stehlen“), da kann man sich gleich aussuchen, was besser passt, und eines wird noch hinzugeschrieben, das elfte, „Du bist ein Fehler“ könnte es heißen. Gott selbst trägt es vor, der aussieht wie ein Mix aus mutiertem Riesenschaf und Toni Erdmanns Zottelkostüm.

Um zu überprüfen, ob man sich heute noch mit den Geboten identifiziert und überhaupt mit dieser Moral, die wenig Scheitern zulässt und ziemlich viel Gehorsam verlangt, hat sich Jette Steckel mit 15 Autoren zusammengetan, darunter sind auch die Musiker Rocko Schamoni und Maxim Drüner von K.I.Z. Der stellt gleich mal klar, dass Adam und Eva nicht wegen des Stehlens aus dem Paradies geflogen sind. Nein, die wurden rausgeschmissen, weil sie Petzen waren. Okay.

Das achte Gebot spielt im Kopf eines Wutbürgers

Jeder hat also ein Gebot bearbeitet, Steckel alle auf die Bühne gebracht. Da war Organisationstalent gefragt, Steckels Regiearbeit grenzt ans Kuratieren, es geht nicht immer auf. Denn die zwölf Texte sind sehr unterschiedlich, manche zu literarisch für die Bühne. Herausgekommen ist keine homogene Antwort auf die Eingangsfrage, das wäre ja auch zu leicht, sondern eine vierstündige Bibelexegese aus verschiedenen Perspektiven. Religionsunterricht reloaded quasi. Mal ist das eher ulkig, so wie bei Clemens Meyers Interpretation des ersten Gebots („Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“). Da legt er Schauspieler Benjamin Lillie einen rasanten Monolog in den Mund – „es kann nur einen geben wie beim Highlander!“ –, den man lieber gedruckt läse. Mal wird es eher dramatisch, so wie bei Dea Lohers Geschichte zum Zehnten („Du sollst nicht begehren deines nächsten ...“), in der sich zwei Völker bekriegen, bis die Granatsplitter von der Haut bis in die Herzen gewandert sind. Mal ist man nicht ganz sicher, ob man nun Mitleid oder eher Ekel empfindet, bei Jan Soldats Gesprächsprotokollen über die Lust am Kannibalismus etwa. Der Gedanke, gegessen zu werden, ist für Markus Graf, Helmut Mooshammer und Andreas Pietschmann so erregend, dass „Du sollst nicht töten“ eben außer Kraft gesetzt wird. Und mal ist das wirklich witzig. So wie bei beim Achten („Du sollst nicht lügen“), das nach Dramatikerin Felicia Zeller wohl im Kopf eines Wutbürgers spielt. Da klopfen die neun Schauspieler in weißen Kutten auf Schiefertafeln herum, ein bisschen so wie Moses also, eine der wenigen wirklich sakralen Anspielungen dieses Stücks, und krakelen heraus, was sich sonst nur in den Kommentarspalten des Internets und am Stammtisch in der sächsischen Provinz abspielt: „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!!!!!!!“, „LÜGE!“ und „Diktatur statt Demokratie!“. Hier zählt nur eines: Ich. Habe. Recht. Ausrufungszeichen.

Was Steckel hier auf die Bühne bringt, das ist ein bisschen wie ein Orkan. Der Zuschauer sitzt in dessen Auge, man sieht alles an sich vorbei ziehen so wie die Bühne, die sich unablässig dreht. Die stiftet den Zusam­men-halt der Episoden. Florian Lösche hat sie sich erdacht, eine ähnliche hat er bereits für Steckels Sartre-Stück „Die schmutzigen Hände“ entworfen. Das dunkelgraue Labyrinth offenbart immer neue Räume wie Geheimnisse, mal mehr im Licht, mal mehr im Dunkeln. Nichts ist statisch, alles möglich. So wie die Handhabe der zehn Gebote. Wir, und das scheint die Erkenntnis zu sein, brechen sie alle. Stehlen, lügen, ehebrechen, töten (aber nur mit Schießbefehl!) und neiden. Ja, vielleicht vor allem letzteres. Denn, so erklärt Ole Lagerpusch, der hier sein ganzes Können herausschwitzt – mal rotzt er sich die Traurigkeit aus dem Leib, mal schwadroniert er als Berlin-Mitte-Alien, am Ende gibt er einen reumütigen Gott –: „Du schaffst ja nichts, wenn du nur das haben willst, was die anderen haben.“

So kriegt auch noch der Kapitalismus eine Watsche und unsere deutsche Neidgesellschaft sowieso. Die zehn Gebote, papperlapapp, sind nichts als nette Richtlinien, dazu da, um gebrochen zu werden, Spaß machen sie ja auch nicht, zumindest nicht immer. Aber vielleicht, ja eventuell, brauchen wir sie ja trotzdem.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Karten: 28 441-221. Termine: 26.1., 12. & 26.2.