Kultur

Zum 60. kommt die Wahrheit auf den Tisch

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Elisa von Hof

Anne Lenk inszeniert „Das Fest“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters und zeigt die Abgründe einer Familie

Eine richtig fette Party soll das werden, eine mit Discokugeln, Neonlicht und Sekt. Der fließt gleich zu Beginn, auch das Publikum bekommt die Plastikgläser gefüllt, man prostet sich zu und vor allem nach vorn zum Geburtstagskind Helge. Weil der heute 60 Jahre alt wird, sind alle gekommen. Verwandte, Freunde und die drei Kinder. Das könnte also ganz schön werden, wären da nicht ein paar Geheimnisse, die jetzt, nach Jahren des Schweigens, endlich ans Licht müssen. Bis es so weit ist, wälzt man sich in nostalgischen Anekdoten, Trinksprüchen und rassistischen Witzen und auch der Opa kommt ins Schwadronieren. Das kommt einem bekannt vor. Alles wie auf Tante Helgas letztem Geburtstag in der Provinz. Bloß ist das da schon recht langweilig und das ist die eigene Familie. Hier, in den Kammerspielen des Deutschen Theaters, schaut man einer anderen beim Feiern zu und merkt: Das ist nicht viel spannender. Es dauert, bis das Stück „Das Fest“, das am Freitagabend unter der Regie von Anne Lenk Premiere hatte, in Schwung kommt – obwohl der älteste Sohn Helges, der Sternekoch Christian (Alexander Khuon), den Vater in seiner Tischrede als Kinderschänder entlarvt. Aber da schauen die Partygäste bloß etwas bedröppelt. Nein, davon wird man sich das Fest nicht verderben lassen. Es wird verstörend weitergefeiert, als hätte Christian bloß über das Wetter geredet.

Hat er aber nicht. Helge (Jörg Pose) hat seine eigenen Kinder missbraucht und das Leben seiner Tochter Linda so zerstört, dass sie sich vor Kurzem das Leben nahm. Es nützt nichts, dass Khuons Christian explodiert, Worte auf die Bühne spuckt und Beleidigungen schleudert, dass es eine echte Wohltat in dieser verkrampften Stimmung ist. Erst als Lindas Abschiedsbrief gefunden und gelesen wird – darin beschreibt sie den Missbrauch – glauben ihm die Gäste. Und Jörg Pose als Patriarch Helge rinnen Tränen über die Wangen. Vielleicht, denkt man, nicht wegen seiner Kinder, sondern wegen sich selbst und des nun angekratzten Images. Pose spielt diesen Helge ein bisschen selbstverliebt und recht perfide. Khuon gibt der stillen Wut des grüblerischen Sohnes ein Gesicht. Trotzdem wird nicht überrascht, wer den gleichnamigen Film von Thomas Vinterberg, dem das Stück entlehnt ist, und damit auch den Cliffhanger kennt. In Lenks Version ist man bloß mittendrin, im Kreis rund um die Bühne (Halina Kratochwil) wie um einen Boxring. In dem zerstört sich diese Familie, auch ohne Fäuste.

Kammerspiele des Deutschen Theaters, Schumannstr. 13a. Karten: 030-28 441-225. Termine: 27.1., 12. und 15.2.