Ausstellung

„Die Models machten mich krank“

Mit 70 Jahren begann Modefotografin Lillian Bassman, ihre alten Bilder digital zu bearbeiten. Ein Besuch in der Galerie Camera Work.

Verschwommen: Lillian Bassman fotografierte Anne Saint-Marie für Chanel 1958 in New York. Digital bearbeitet hat sie das Bild 1994

Verschwommen: Lillian Bassman fotografierte Anne Saint-Marie für Chanel 1958 in New York. Digital bearbeitet hat sie das Bild 1994

Foto: © Lillian Bassman Estate / Courtesy of CAMERA WORK.

Irgendwann hat sie es satt. Schluss, aus. Lillian Bassman (1917-2012) wirft ihren Job als Modefotografin hin. Die Models, Anfang der 70er-Jahre, fangen an, sich als Supermodels zu fühlen, inszenieren ihre Posen, nehmen Einfluss auf die Motive. „Die machten mich krank“, erzählte sie später, 2009, der Zeitung „The Times“. Sie interessiert die Aura der Kleidung, ihre Materialität und weniger das Model als egozentrisches Wesen.

Noch dazu diese Kommerzialisierung der Branche, da fühlt sie sich fremd. Und eine Fashion-Lady, die ihr ins Gesicht sagt: „Mach keine Kunst, sondern fotografiere Knöpfe und Schleifen.“ Da Bassman eine konsequente Frau ist, vernichtet sie den Großteil ihrer Negative, nur einige behält sie, versteckt sie im ungeheizten Kohleschuppen hinter ihrem Haus in der Upper East Side in New York. Jahrzehnte später, in den 90er-Jahren, entdeckt die Kisten dort ein Künstler, der bei Bassman wohnt.

Der Kunstmarkt entdeckte sie erst in den 90er-Jahren

Was folgt, ist Bassmans Comeback. In der Dunkelkammer fängt sie an, mit den wiederentdeckten Negativen zu experimentieren, benutzt Stoff und Gaze, um die Belichtung zu manipulieren – und entdeckt mit über 70 Jahren die Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung. Sie konzentriert sich vor allem auf den dramatischen Kontrast und eine starke Verschwommenheit, sie verleiht den Fotos eine gewisse Zeitlosigkeit. Bassman nennt ihre Arbeitsweise einfach „reinterpreted“ – neu interpretiert. So steht es heute unter den Fotos. Sie arbeitet mit der „Vogue“ zusammen, mit der „The New York Times“ und John Galliano.

Es folgen Bildbände und weltweit Ausstellungen. „Ich fühlte mich damals sehr jung“, erzählte sie später in einem Interview. In der ersten großen Einzelschau nach ihrem Tod 2012 – mit 94 Jahren in New York – zeigt jetzt in Berlin die Fotogalerie Camera Work 50 ihrer Bilder, die mit Preisen von 16.400 Euro bis 37.000 Euro einen stolzen Preis haben. Der Fotomarkt entdeckte die Amerikanerin erst in den 90er-Jahren, ebenso die Museen und Galerien, als diese erkannten, welcher moderne Schatz da in Schwarz-Weiß gehoben wurde. Heute gilt sie als Pionierin der Modefotografie. Ihren letzten Auftrag übrigens hatte sie für die deutsche „Vogue“ 2004.

Schaut man sich die bei Camera Work ausgestellten Arbeiten an, fällt auf, wie sehr sie von der bildenden Kunst inspiriert war, etwa von Edvard Munch, Gustav Klimt oder Jan Vermeer („Das Mädchen mit dem Perlenohrring“). Einige der Fotos wirken – je nach Grad der Abstraktion – wie eine Grafik, ein Aquarell, eine Collage oder gar eine Kohle- oder Tuschzeichnung. Durch radikale Überbelichtung etwa entsteht „Carmen“, das Model ist zu einem einzigen schwarzen, schwingenden Kleid reduziert, ein harter SchwarzWeiß-Kontrast. Von Weitem sieht Carmen aus wie eines jener dunklen Mädchen, die wir aus Munchs Gemälden kennen.

„Born to Dance“ zeigt Margie Cato, ihr weites Kleid besteht ausschließlich aus vier zeichnerischen Linien. Grafischer kann man ein Foto kaum zerlegen und auflösen. Betty Threat, 1957 in New York aufgenommen, nimmt Bassman für das Motiv einfach den Kopf ab, um den Fokus ganz auf ihr Dekolleté und die Schleife zu legen.

Bassman, Art-Direktorin bei „Junior Bazaar“ und später bei „Harper’s Bazaar“, hatte in den 40er-Jahren angefangen zu fotografieren, als Autodidaktin. Über zwei Dekaden wurden ihre Fotos in nahezu jeder Ausgabe von „Harper’s Bazaar“ gedruckt. Sie befreite die Frauen aus der Enge der Fotostudios, setzt sie in ein New Yorker Café mit einer Flasche Wein auf dem Tisch oder stellt sie in einen Bus. Das galt damals als revolutionär.

Dabei betonte sie stets das Feminine in einer eleganten Art: lange geschwungene Hälse, grazile Körper, schwingende Kleider und Hüte, geheimnisvoll, weniger sexy, dafür immer glamourös. Selbst ein schwarzes Nichts wird bei ihr zum Versprechen. Ihr Motto: weniger ist mehr.

Der Nachlass wird in New York von ihren Kindern betreut

Im New Yorker Stadtteil Brooklyn kam Bassman als Tochter jüdischer Einwanderer aus Russland zur Welt. Studiert hat sie Grafik-Design in Manhattan. Sie wuchs in einem liberalen, kunstaffinen Haushalt auf, wie sie in Interviews immer wieder erzählt hat. Mit einem Bett auf dem Boden, nackt durfte sie zu Hause auch rumlaufen. Und immerhin erlaubten ihre Eltern ihr, mit 15 Jahren mit ihrem späteren Mann, dem Fotografen Paul Himmel, zusammenzuziehen. Später avancieren die beiden zu einem Bohemien-Ehepaar. 77 Jahren hielten sie zusammen.

Wer Fotos von ihr anschaut, ganz in Schwarz und mit mondäner Brille, sieht, die Frau hat selbst im hohen Alter Grandezza. Ihr Nachlass wird heute in New York von ihren beiden Kindern betreut.

Galerie Camera Work, Kantstr. 149. Di–Sa 11–18 Uhr. Bis 25. März 2017