Film

Andreas Dresen erfüllt sich einen Kindheitstraum

Das Buch hat er immer geliebt. Jetzt hat Andreas Dresen „Timm Thaler“ neu verfilmt. Ein Plädoyer für mehr Lachen in schweren Zeiten.

Foto: Constantin Film

Andreas Dresen ist ja eher für kleine Arthouse-Dramen bekannt, die von kleinen Alltagshelden handeln und mit viel Improvisation und wackliger Kamera gedreht werden. Einen Kinderfilm hätte man von dem Berliner Filmemacher eher nicht erwartet. Mit „Timm Thaler oder das verkaufte Lachen“ über einen Jungen, der sein Lachen an den Teufel verkauft, hat er sich aber einen alten Traum erfüllt. Der Film kommt am 2. Februar ins und feiert am 31. Januar Premiere im Zoo Palast, wofür es Tickets zu gewinnen gibt (siehe Kasten). Wir trafen den Regisseur vorab zum Gespräch.

Berliner Morgenpost: Herr Dresen, haben Sie als DDR-Bürger damals Westfernsehen geguckt, als in den 70er-Jahren die alte „Timm Thaler“-Serie lief?

Andreas Dresen: Nein. Die Serie ist an mir komplett vorbeigegangen – obwohl ich exzessiver Westfernsehgucker war. Ich war da wahrscheinlich schon zu alt. Aber das Buch ist ja auch in der DDR erschienen. Ich hatte als Kind eine kleine Taschenbuchausgabe, die war irgendwann total zerfleddert, weil ich sie immer wieder gelesen habe, auch heimlich, nachts unter der Bettdecke. Dass da jemand sein Lachen verkauft, war gruselig. Da habe ich mir gedacht, noch als Neunjähriger, also lang bevor überhaupt der Berufswunsch da war, Regisseur zu werden: Das wäre ein toller Film!

Das war also die Erfüllung eines Kindertraums?

Ja und nein. Ich hatte das Buch zwar immer im Hinterkopf. Aber das war ja jenseits meiner Möglichkeiten. Es war klar, das wäre eine große Nummer und nicht in der Horizontlinie, in der ich mich sonst bewege. Und dann bin ich ja wohl auch nicht der erste, an den man bei einem großen Familienfilm denkt.

Wie kam das Projekt dann doch an Sie?

Durch reinen Zufall. Ich habe mal mit Bernd Eichinger an einem Filmstoff gearbeitet. Aber nach vier Jahren mussten wir feststellen, dass das nicht funktioniert. Wir haben das Drehbuch einfach nicht hingekriegt und den Stoff gemeinsam beerdigt. Bei dem Totenmahl hat mich Eichinger dann einfach so gefragt – was ja leider viel zu selten passiert: Worauf hättest du mal Lust? Als ich sagte, ich würde gern was für Kinder machen, war er erst mal sehr irritiert. Aber als ich sagte, dass ich mich immer wundere, dass es von „Timm Thaler“ nie einen Kinofilm gibt, meinte er nur: „Daran haben wir die Rechte.“

Als Eichinger starb, war das Projekt dann auch erst mal gestorben?

Zum Glück nicht. Die Projekte, die Eichinger noch angekurbelt hatte, wurden bei der Constantin sicher schon deshalb realisiert, um ihm Ehre zu erweisen.

Ich trete Ihnen hoffentlich nicht zu nahe, aber so wie Eichinger habe ich anfangs auch geguckt. Mussten Sie sich da erst mal gegen Vorurteile durchsetzen?

„Timm Thaler“ ist schon auch ein sozialkritischer Stoff. Aber stimmt schon, ich werde gern auf die improvisierten Filme festgelegt und die mit Handkamera. Die sind wohl am stärksten im Gedächtnis. Ich habe aber immer auch Filme wie „Willenbrock“ oder „Whisky mit Wodka“ gemacht. Und es war allen klar, dass ich „Timm Thaler“ nicht schwarzweiß mit Wackelkamera auf Video drehen werde. Von daher gab es da keine Grundsatzdiskussionen. Vielleicht ja bei der Filmförderung.

Sonst machen Sie eher kleine Produktionen, jetzt haben Sie mit der größten deutschen Produktionsfirma zusammengearbeitet. Hat sich auch Andreas Dresen an den Teufel verkauft?

(lacht) Der Gedanke liegt nahe. Nein, das war eine schöne Zusammenarbeit. Klar, anfangs mussten wir uns ein bisschen beäugen. Ich arbeite ja mit meiner kleinen vertrauten Filmfamilie, und die Constantin ist halt eine große, durchstrukturierte Firma. Dort musste man sich auch erst an unsere etwas burschikose Art der Filmherstellung gewöhnen. Aber sie haben nicht mehr reingeredet, als man das sonst auch kennt. Der Film ist schon der, den ich machen wollte. Es ist höchstens so, dass beim Marketing die Geschmäcker auseinandergehen. Das ist nun aber auch nicht meine Baustelle.

Der Starttermin wurde noch mal verschoben, das hat aber nichts mit internen Differenzen zu tun?

Nein, gar nicht. Nur damit, dass Disney einen Film auf Weihnachten gelegt hat und die Constantin nicht gegen diese Konkurrenz antreten wollte. Obwohl Weihnachten natürlich der ideale „Timm Thaler“-Termin gewesen wäre.

Wenn schon Anfang Februar, warum dann nicht auf der Berlinale, etwa im Kinderfilmfestival Generationen?

Das wäre schön gewesen. Ob die Berlinale das gewollt hätte, weiß ich natürlich nicht. Und die Constantin sah das wohl eher pragmatisch und wollte die gesamte Winterferienzeit ausnutzen. Ich steck’ da aber nicht wirklich drin. Und ich glaube, ein Regisseur ist auch gut beraten, sich da lieber nicht einzumischen. Man kann sich sehr irren. Ich wollte beispielsweise „Sommer vorm Balkon“ im Spätsommer starten und hatte deshalb eine lange Diskussion mit dem Verleih. Ich konnte nicht verstehen, warum die den im Winter herausbringen wollten. Die Besucherzahlen haben mich eines Besseren belehrt.

Die Defa hatte eine wunderbare Märchenfilm-Tradition, wie es sie so im Westen nie gegeben hat. Sie sind damit groß geworden. War da immer eine Sehnsucht, mal sowas zu machen? Ist Ihr Film auch ein bisschen in dieser Tradition zu sehen?

Tatsächlich hat die Defa pro Jahr zwei, drei Kinderfilme mit viel Zeit und Liebe hergestellt. Ich bin mit diesen Filmen groß geworden und die haben mich natürlich auch stark geprägt. Und es gab später bei mir wirklich eine Sehnsucht danach. Es werden ja leider viel zu wenig anspruchsvolle Filme für Kinder produziert, die meisten sind doch eher klischeehaft. Ich wollte einen Film machen, der Kindern schon Spaß machen soll, aber dennoch eine ernsthafte Geschichte erzählt.

Im Film tauchen unheimlich viele Weggefährten, Darsteller aus früheren Filmen auf. Ist das so ein Familiengedanke?

Ich komme ja aus einer Theaterfamilie und mag von daher sehr die Idee eines Ensembles, dass man sich immer wieder trifft. Was man beim Film so ja meist nicht hat. Bei kleineren Produktionen geht das ja auch nur sehr bedingt. Bei einem Axel Prahl steht seine Prominenz mittlerweile einer kleinen Rolle manchmal auch im Wege. Aber hier gab es einfach ein solches Festessen von einem Drehbuch, dass ich mal alle zur Tafel einladen konnte. Auch Schauspieler, die ich immer schon mal besetzen wollte wie Charly Hübner, Fritzi Haberlandt – und natürlich Justus von Dohnányi.

Sie haben selbst einen Gastauftritt.

Das ganze Team tritt auf, sogar der Kameramann. Wenn sich das bei einem Film anbietet, mach ich das prinzipiell gerne. Das ist auch fürs Team sehr lehrreich: wenn man auch mal die andere Seite kennen lernt.

Wie schwer war es, Thomas Ohrner, den Timm Thaler der 70er-Jahre, für seinen Gastauftritt zu überreden?

Der war sofort dabei. Ich habe nur lange getüftelt, was für eine Szene das sein könnte. Weil klar ist, dass der halbe Saal tuscheln wird. Nicht die Kinder, die kennen ihn ja gar nicht, aber doch die Erwachsenen. Es durfte also keine ganz so wichtige Szene sein, damit man nichts Entscheidendes verpasst. Außerdem wollte ich die beiden Timms gemeinsam zeigen. Es ist jetzt nur ein ganz kurzer Moment, man darf da nicht aufs Klo gehen, sonst verpasst man ihn. Aber Thomas Ohrner fand das sofort gut.

Thomas Ohrner war ja eine Zeit lang ein großer Kinderstar. War da Wehmut, dass das alles vorbei ist?

Er ist ein sehr netter Mensch und mit sich im Reinen. Als er zum Dreh seiner Szene an den Set kam, hat er gestaunt wie ein Kind. Und gemeint: „Wie schön, so hätte ich mir das damals auch gewünscht!“ Das war ja damals eine völlig andere Art der Filmherstellung. Und er sagte zu unserem Timm-Darsteller, er sei irgendwie froh, dass der das jetzt auch an der Backe habe. Der Timm hat ihn ein Leben lang begleitet und viel ermöglicht, jetzt gibt es noch einen anderen, das gefällt ihm ganz gut.

Die größte Schwierigkeit dürfte in der Tat das Finden des neuen Timm gewesen sein. Das war vermutlich ein reines Lachcasting?

Wir brauchten natürlich einen Jungen mit Charme und einem ansteckenden Lachen. Allerdings kann er es dann den Großteil des Films gar nicht benutzen, weil er es ja verkauft hat. Das hat die Suche nicht einfach gemacht. Und dann wollten wir einen Jungen, der noch Kind ist, aber an der Grenze zur Pubertät. Da konnte man nicht zu früh suchen, sonst wächst der ja sofort aus der Rolle raus oder ist womöglich sogar schon im Stimmbruch. Heute ist Arved in der Tat schon einen Kopf größer und hat eine viel tiefere Stimme. Er war schon in einer der ersten Runden, die ich gecastet habe, mit dabei und ich fand ihn gleich gut. Ich habe dann noch viele andere Jungs angeguckt, aber am Ende blieb er unsere erste Wahl.

Wenn man sich so einen alten Kinderwunsch erfüllt, drängt sich mir die Frage auf: Wie viel Kind steckt denn noch in Ihnen drin?

Ich stand bei diesen Dreharbeiten manchmal wie ein Kind staunend da, was so alles möglich ist. Und war dann sehr nah am Wasser gebaut. Insofern bin ich wohl wirklich ein wenig Kind geblieben.

Ist der Film auch ein Plädoyer dafür, dass wir wieder mehr lachen sollten?

Schaden kann es jedenfalls nicht! Auch ich bin jemand, der gern lacht. Ich blende die Probleme der Welt nicht aus, aber es hilft mir, einen inneren Optimismus zu haben. Lachen ist Souveränität, man setzt sich damit auch ein bisschen über den Tod hinweg. Und es kann bei Konflikten entkrampfen. Es wäre ganz schön, wenn auch Politiker öfter mal lachen würden.

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