Kultur

„Ich mache gerne Musik am Sabbat“

Herbert Blomstedt wird bald 90 und ist der dienstälteste der großen Dirigenten. Ab heute steht der Schwede am Pult der Philharmoniker

Der schwedische Dirigent Herbert Blomstedt feiert im Juli seinen 90. Geburtstag. Bis dahin ist er auf Tournee quer durch die Welt. Vom heutigen Donnerstag an leitet er drei Konzerte der Berliner Philharmoniker, an deren Pult er bereits seit vier Jahrzehnten gastiert. Auf dem Programm stehen Werke von Bartók und Brahms, Solist ist der Pianist Sir András Schiff.

Herr Blomstedt, Sie sind der dienstälteste unter den großen Dirigenten.

Herbert Blomstedt: Oh, kann man sich damit schmücken?

Wenn Sie heute noch einmal anfangen könnten, was würden Sie anders machen?

Sie kommen ja gleich mit schwierigen Fragen. Darüber habe ich nie nachgedacht, weil ich nie eine Karriere geplant hatte. Ich war immer dankbar für die Chance, mit einem Orchester Musik zu machen. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass etwas anderes schöner sein könnte. Mein erstes Orchester war professionell, hatte aber nur 30 Musiker. Dann bekam ich die Osloer Philharmoniker, die waren schon dreimal so groß. Dann folgte das Dänische Nationalorchester, das hatte 150 Musiker. Es wurde von Orchester zu Orchester immer mehr Repertoire möglich.

Sie haben weltweit die besten Orchester als Chef geleitet oder als Gast dirigiert. Haben Sie eine persönliche Rangliste?

Meine frühen Orchester kann man natürlich nicht mit dem Leipziger Gewandhausorchester vergleichen, das ich 1998 übernommen hatte. Der größte Sprung war für mich Mitte der 70er-Jahre der Wechsel zur Staatskapelle Dresden, einem Orchester von Weltklasse. Ich war eingeladen worden, hatte aber gezögert, in so ein Land zu reisen. Erst nach Jahren habe ich zugesagt, dort Chefdirigent zu werden.

Wie war es für Sie, in der DDR zu leben?

Ich hätte meine Kinder doch in keine marxistische Schule gegeben. Ich habe dort gearbeitet, lebte aber der Familie wegen immer in Stockholm. In der DDR herrschte für mich eine furchtbare Macht, aber in dem grauen Land wurden Dinge wie ein geselliger Abend unter Freunden oder ein Sinfoniekonzert als umso schöner empfunden. An diese Glücksmomente kann ich mich erinnern. Dresden und Leipzig sind wunderbare Musikstädte.

Im Dezember 1976, also vor fast 40 Jahren, kamen Sie zum ersten Mal zu den Berliner Philharmonikern. Erinnern Sie sich noch daran?

Es war ein Konzert mit Nielsens vierter Sinfonie, einem frühen Mozart zu Beginn und Chopins erstem Klavierkonzert mit Krystian Zimerman. Es war ein großes Erlebnis, die Philharmoniker haben sehr gut gespielt. Zimerman war noch ganz jung, er hatte gerade den Chopin-Wettbewerb gewonnen und war deswegen eingeladen worden. Für mich war es bereits die zweite Einladung. Ich war einige Jahre vorher eingeladen worden, aber da sollte die Generalprobe an einem Sonnabend, das heißt an einem Sabbat, sein. Ich habe gesagt, dass ich das wegen meines adventistischen Hintergrunds leider nicht machen kann. Daraufhin erhielt ich einen deutlichen Brief vom Intendanten Wolfgang Stresemann. Er verwies mich darauf, dass die Philharmoniker ihren eigenen Wochenrhythmus haben, und wenn ich das nicht respektiere, dann wird nichts daraus.

Wie haben Sie das als Dirigent überhaupt durchgehalten, den Sabbat konsequent einzuhalten?

Es ist ein Mirakel. Ich bin sehr konsequent und stur. Ich habe früh Entschlüsse gefasst, für die ich weder meinen ­Manager noch meinen Pastor oder Gott fragen konnte. Es ist eine Privatsache. Mein Vater war da ein gutes Vorbild für mich. Er war Pastor einer Siebenten-Tags-Adventistengemeinde und ein geradliniger Mensch. In einigen theolo­gischen Fragen waren wir uns nicht ­einig. Er war die ganze Woche über fleißig, aber am Freitagabend, wenn der Sabbat begann, war alle Arbeit gemacht und seine Predigt vorbereitet. Dann hat er sich der Familie gewidmet, und mein Bruder und ich haben musiziert. Mein Vater hat am Sabbat seine Predigt ge­halten. Das ist auch mein Modell geworden. Ich mache alle Proben, und wenn dann am Freitagabend die Leute kommen, um der Musik zuzuhören, werde ich sie nicht wegschicken. Ich mache gerne Musik am Sabbat.

Und das ist keine Arbeit?

Nein, die Proben, die Arbeit sind bereits gemacht.

Erst im April 1989, kurz vor dem Tod von Herbert von Karajan, kamen Sie zu den Philharmonikern zurück.

Da hatte ich einen anderen Hintergrund, ich war bereits zehn Jahre Chef der Staatskapelle gewesen und gerade in San Francisco. Dort hatte ich eine gut geölte amerikanische Maschine geleitet, ein Orchester, das enorm virtuos war, aber auch mit großen Ausdrucksmöglichkeiten. Mit dem Hintergrund kam ich nach Berlin. Die Philharmoniker sind immer überwältigend, diese Ansammlung von Talent. Ich glaube, es gibt kein Orchester in der Welt, das so viele geschickte Musiker hat. Ich staune immer wieder, dass es so etwas gibt.

Sie dirigieren heute Ihr 31. Konzert bei den Philharmonikern. Was würden Sie dem Orchester für die Zukunft mit auf den Weg geben?

Ich bewundere das Orchester enorm. Das sind Virtuosen, die alles spielen können. Ich denke oft an den Satz von Leonardo da Vinci, wonach alles, was keine Grenzen hat, auch keine Form habe. Das gilt auch, wenn das Talent grenzenlos ist. Ich habe immer meine eigene Grenze empfunden. Viele Musiker sind doch viel geschickter als ich. Aber ich beklage das nicht. Ich habe etwas von Gott bekommen und mache das Beste daraus. Ich sehne mich nach Zeiten, in denen die Orchester ihren eigenen Klang und Stil hatten.

Was ist Ihr Geheimnis, so fit zu bleiben?

Das ist nicht mein Geheimnis. Es ist ein Geschenk, denn ansonsten müsste ich mich damit brüsten, dass ich nicht rauche und nie Alkohol trinke. Andere rauchen und trinken und einige davon bleiben doch erstaunlich fit. Denken Sie an Jean Sibelius oder Winston Churchill. Es ist natürlich wichtig, etwas für seine Gesundheit zu tun, aber wir haben nicht alles in der Hand.

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