Eröffnung in der Oranienstraße

DAAD-Galerie bleibt Kreuzberg treu

Berlins bekanntes Künstlerprogramm zieht um: Die DAAD-Galerie vergrößert sich mit neuen Räumen in der Oranienstraße. Ein Besuch.

Neue Räume der DAAD-Ggalerie in Kreuzberg. Leiterin Katharina Narbutovic

Neue Räume der DAAD-Ggalerie in Kreuzberg. Leiterin Katharina Narbutovic

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Für Bier ist quasi täglich gesorgt. Die Kneipe „Max und Moritz“ liegt gleich zur Linken, rechts ein Autoersatzteilhändler, das Aufbau-Haus ist in Sichtweite und die Denkerei für umtriebige Philosophen von Bazon Brock ein willkommener Nachbar. Mittendrin im urbanen Kreuzberger Gewusel und all den inspirierenden Kontrasten an der Oranienstraße 161 liegt die neue DAAD-Galerie auf zwei Stockwerken mit 500 Quadratmetern. Noch herrscht ziemliches Tohuwabohu in den Räumen des sanierten Jugendstilgebäudes, kaum vorstellbar, dass heute Abend die Handwerker verschwunden sind und die Performerin Minouk Lim ihren „New Town Ghost“ durch die frisch gemalten Räume geistern lässt.

Über 1000 Gäste kamen seit den 60ern in die Stadt

Der 250 Quadratmeter Meter große Ausstellungsraum im Erdgeschoss, weiß, licht und mit sehr hohen Decken samt Stuck, wirkt mit den Panoramafenstern – die zur Straße hin den Blick freigeben auf das turbulente Straßenleben – wie eine jener Edelgalerien, die man gerne besucht. Katharina Narbutovic, Leiterin des Künstlerprogramms, hofft hier auf mehr Laufpublikum und vor allem auf stärkere öffentliche Wahrnehmung im Kiez.

Verkäuflich sind die Kunstwerke nicht, Künstler, die hier ausstellen, haben eines der 18 begehrten einjährigen Stipendien, die ihnen ermöglichen, ein Jahr mit einem Zuschuss von 2300 Euro das Berliner Leben kennenzulernen. Die Präsentation gehört dazu. Bewerben können sich neben bildenden Künstlern Schriftsteller, Musiker und Filmemacher aus dem Ausland.

1978 wurde die DAAD-Galerie eröffnet

Die Idee für das Künstlerprogramm entstand kurz nach dem Mauerbau, als man fürchtete, das kulturelle Leben-West-Berlins würde ausdünnen. Wie konnte man internationale Künstler locken? Indem man sie mit einem Stipendium in die Stadt lockte. Seit 1966 besteht das DAAD-Förderprogramm, 1978 wurde die DAAD-Galerie eröffnet – als Plattform für Ausstellungen, Performances, Lesungen, Konzerte und Filmprojekte. Viele Künstler kamen in die Stadt, nicht wenige blieben.

Übrigens gilt das Programm des DAAD, Abkürzung für Deutscher Akademischer Austauschdienst, international längst als eines der besten. Über Berlin weit hinaus wirkt es als Kulturbotschafter. 1,6 Millionen Euro stehen Katharina Narbutovic für den Programmteil zur Verfügung, finanziert vom Auswärtigen Amt. 400.000 Euro schießt das Land Berlin für Personalkosten zu.

Unis immer internationaler: Gut 127 000 Geförderte beim DAAD

Wie ein syrischer Student in Berlin für seine Rückkehr lernt

Wenn man auf der Webseite des DAAD einmal nachschaut, wie viele prominente Künstler aus allen vier Sparten schon in Berlin waren, staunt man nicht schlecht über die Auswahl. Weit über 1000 Gäste sind es heute: Cees Nooteboom, Margaret Atwood, Susan Sontag, Kenzaburo Oe – um nur einige aus dem Bereich Literatur zu nennen. Künstler wie Ilya Kabakov und Boris Mikhailov besuchten Berlin, bevor sie richtig bekannt wurden. Nicht selten gestaltete sich der Aufenthalt als veritables Sprungbrett für die Karriere. Wie bei Damien Hirst, jener Brite, der Furore machte, als er einen Tigerhai in Formaldehyd einlegte und ihn in einer Vitrine präsentierte. Danach begann sein Aufstieg zum Brit-Art-Superstar mit Millionen-Dollar-Kunstmarktpreisen.

Die DAAD-Galerie ist Kreuzberg treu geblieben

Die damalige Wohnung des exzentrischen Briten in Schöneberg wurde fix zum wilden Treffpunkt. Nicht nur er, sondern auch Fotografin Nan Goldin fühlt sich heute noch mit Berlin verbunden. Auf der DAAD-Webseite beschreibt sie so schön, wie sie nach ihrem Berlin-Aufenthalt „zum ersten Mal als Künstlerin ernst genommen und ausgestellt wurde“. Eigentlich wollte sie nur ein Jahr bleiben, blieb drei, weil sie ihre Kreuzberger Wohnung mit den hohen Decken so liebte, in New York hatte sie nur in „dunklen Löchern“ gehaust.

Die DAAD-Galerie ist Kreuzberg mit dem neuen Domizil treu geblieben, kaum verwunderlich, im Künstlerhaus Bethanien unterhält der DAAD lange schon zwei Ateliers. 2005 bis Sommer 2016 residierte man in der Zimmerstraße, davor in der Kurfürstenstraße.

Doch spätestens seit die benachbarten Galerien weggezogen sind, weil die Touristenströme in Richtung Topographie des Terrors überhandnahmen, beschäftigten sich Narbutovic und ihr Team mit der Idee, sich noch einmal, nun in einem eigenen Haus, neu zu erfinden. Mit endlich genügend Raum für diverse Veranstaltungen, immerhin können im variablen Studio im ersten Stock der Oranienstraße 100 Konzertbesucher Platz finden.

Diese Möglichkeit gab es in der Zimmerstraße nicht, bei jeder Veranstaltung hätte man sonst die Ausstellung wegräumen müssen. Gebaut hat das ehemalige Geschäftshaus übrigens 1910/12 der ungarisch-jüdische Theaterarchitekt Oskar Kaufmann, der das Renaissance Theater, das Hebbel-Theater und die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz entwarf. Den Umbau verantworten die Berliner Museumsarchitekten Kuehn Malvezzi. Ursprünglich hatte Katharina Narbutovic ein Auge auf das Amerika Haus. Doch das Land Berlin entschied sich für die heimatlose C/O Galerie. Jetzt heißt es also ab heute Abend: Kreuzberger Nächte sind lang.

DAAD-Galerie, Oranienstr. 161. Eröffnungstage: 12.–22. Januar. Heute: 18.30 Uhr Eröffnung mit Performance. 19.30 Uhr Eröffnungsreden. Danach DJ Batata

Direktor des Gropius-Baus fordert Medienhaus für Berlin

Besucherrekord bei Berlinischer Galerie

30 spannende Fakten über die Berliner Philharmonie

Die Berliner Volksbühne: Ein Tempel für die Arbeiter

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.