Hauptrolle Berlin

Im Zoo Palast setzt Dani Levy noch mal alles auf Zucker

Am Dienstag wird noch einmal sein Erfolgsfilm „Alles auf Zucker!“ gezeigt. Damit kehrte der jüdische Witz ins deutsche Kino zurück.

Er muss viel einstecken in diesem Film: Jäckie Zucker (Henry Hübchen) mit seiner Frau (Hannelore Elsner, r.) und seiner Tochter (Anja Franke)

Er muss viel einstecken in diesem Film: Jäckie Zucker (Henry Hübchen) mit seiner Frau (Hannelore Elsner, r.) und seiner Tochter (Anja Franke)

Foto: picture-alliance / Mary Evans Picture Library / picture alliance / Mary Evans Pi

Wie werde ich Jude im Schnellverfahren? Jäckie Zucker heißt eigentlich Jakob Zuckermann. Doch von Thora und Talmud weiß er nichts, mit „dem ganzen Club“ will er „nischt zu tun haben“. Bis seine Mutter stirbt. Und plötzlich der jüdisch-orthodoxe Bruder mitsamt seiner Familie vor der Tür steht. Die Söhne sollen gemeinsam Shiwa sitzen, so will es das Testament, sonst geht das Erbe verloren. Während sich Jäckie noch wehrt und windet, wird seine nicht-jüdische Frau aktiv. Wirft Koteletts weg, kauft koschere Kost und macht sich per Handbuch schlau über jüdisches Leben.

Als „Alles auf Zucker!“ Anfang 2005 ins Kino kam, war das wie eine Erlösung. Bis 1933 war der jüdische Humor ein ganz selbstverständlicher Bestandteil der deutschen Kultur, auch des deutschen Films. Bis er dann durch die Hitlerei verdrängt, verfolgt und ausgemerzt wurde. Juden kamen danach im hiesigen Kino kaum vor. Und wenn, dann meist nur in Opfer-Rollen in Holocaust-Filmen.

Aber dann kam plötzlich „Zucker!“: eine Komödie über Juden, die mitten in der deutschen Gegenwart spielte. Und mitten in Berlin, der Stadt, in der die Judenverfolgung einst systematisch geplant wurde. Das war wie ein Befreiungsschlag: die Rückkehr des jüdischen Witzes ins deutsche Kino. In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film zeigt, ist „Alles auf Zucker“ nun am 3. Januar noch einmal zu sehen, vorgestellt von Regisseur Dani Levy.

Zucker ist Zocker. Und gleich am Anfang schon am Ende. Ein Wendeverlierer, der in einer Bar verprügelt, von seiner Frau aus der Wohnung geworfen wird. Und dann will ihn auch noch der der eigene Sohn, der bei der Bank arbeitet, wegen seiner Schulden in Schuldhaft nehmen lassen. Da kommt eine Erbschaft eigentlich gerade recht. Doch Zucker will sich auf ehrliche Weise sanieren – und hofft auf einen Sieg bei einem Billard-Turnier. Das findet aber just statt, als er Shiwa sitzen soll. Und während seine Frau Jüdischsein simuliert, simuliert er Herzattacken, um sich immer mal wieder aus der Trauerarbeit zu stehlen.

Mit dem Bruder aus Frankfurt öffnet Levy einen kulturellen Graben. Zwei Glaubens- und Lebenswelten prallen da aufeinander: Ost und West, arm und Reich, vom Glauben abgefallen und streng orthodox. Das sorgt für einen Lacher nach dem anderen. Und ganz beiläufig wird wie Jäckie auch der unbeleckte Zuschauer in die Welt des Judentums eingeführt. Ein herrlicher Spaß. Mit einem grandiosen Henry Hübchen, der sich damit ganz nach oben spielte. Und einer Hannelore Elsner, die mit blonder Perücke als Proll-Berlinerin mit Lust gegen ihr Image anspielt.

Ein Film, der mit Klischees spielt und sich von ihnen befreit. Und vor allem von seiner Rasanz lebt. Tempo, Tempo, Tempo, lautete einst das Mantra des ebenfalls jüdischen Regisseurs Billy Wilder. Ihr müsst schneller spielen, war die häufigste Anweisung, die Levy seinen Schauspielern gab.

Ein Film, den erst mal keiner machen wollte

So überraschend leichtfüßig der Film daherkommt, so schwierig war es, ihn zu finanzieren. Levy hatte sein Script schon seit 1996 in der Schublade, musste aber bei vielen Fernsehredaktionen hausieren gehen. Und immer wieder Rückschläge hinnehmen. Auch der WDR, der schließlich einstieg, hatte anfangs Bedenken, ob ein Film über Juden eigentlich „quotentauglich“ sei und ob man über Juden lachen dürfe. Diese Bedenken sollen erst zerstreut worden sein durch Paul Spiegel. Der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland hat die Fernsehmacher ermutigt, das jüdische Leben in Deutschland nicht immer nur aus historischem Blickwinkel zu zeigen und auch einmal „unkonventionell und nicht 100 Prozent politisch korrekt zu sein.“

Tatsächlich stellt „Alles auf Zucker!“ das Ende der Verkrampfung und den Beginn einer neuen Unbefangenheit dar. „Endlich ein Film“, urteilte stellvertretend für viele der Publizist Henryk M. Broder, „der nicht die Gefahr birgt, dass man über uns Juden lacht, sondern in dem man mit uns lacht.“ Mit seiner jüdischen Identität hatte sich Levy schon im Kino auseinandergesetzt, in „Meschugge“, das aber unter seinen großen Ambitionen litt. In dem schnell und improvisierten TV-Film tobte er sich ganz anders aus. Und dann die Überraschung: Der Film geriet so gut und kam bei Festivals so gut an, dass man beschloss, ihn auch ins Kino zu hieven.

Bis dahin war Levy unter den Gründern der Berliner Produktionsfirma X Filme immer der Glücklose gewesen. Tom Tykwer reüssierte mit „Lola rennt“, Wolfgang Becker mit „Good Bye, Lenin!“,Levy glaubte schon selbst kaum mehr, mit seinen schweizerischen und jüdischen Wurzeln im deutschen Film andocken zu können. Und dann gelang ihm mit „Zucker!“ doch noch der große Durchbruch. Der Film machte mehr Zuschauer als alle seine vorherigen Filme zusammen. Beim Deutschen Filmpreis 2005 gewann er gleich sechs Lolas. Und das ausgerechnet in dem Jahr, in dem „Der Untergang“ als großer Favorit galt – und fast leer ausging. „Ich habe Hitler geschlagen“, jubelte denn auch Henry Hübchen, als er seinen Preis entgegennahm.

Levy hat den Erfolg von „Zucker!“ übrigens dafür verwendet, gleich noch ein ganz anderes Tabu anzugehen: eine Satire über Hitler. Daraus wurde „Mein Führer“, der bereits in der „Hauptrolle Berlin“ zu sehen war.

Zoo Palast, Dienstag 3. Januar, 20 Uhr in Anwesenheit des Regisseurs Dani Levy. Tickets unter www.zoo-palast-berlin.de zu Morgenpost-Konditionen.