Kultur

Wenn die Welt aus den Fugen gerät

Artur Schlesinger hat als Jude die Nazis überlebt und machte dann in der DDR Karriere. Eine Biografie

Artur Schlesinger (1890–1981) wird Adornos Satz, nachdem es „kein richtiges Leben im falschen“ geben könne, wohl nicht gekannt haben. Schlesinger war kein Intellektueller, aber ein lebenskluger Mensch mit einem außergewöhnlichen Schicksal, das an der Pauschalität von Adornos Diktum zweifeln lässt. Seine jüdische Herkunft war für den evangelisch getauften Sachsen von geringer Bedeutung, für religiöse Fragen interessierte er sich ohnehin nur wenig. Der ehemalige Rennfahrer lebte als Autohändler und Fahrschullehrer in Görlitz, wo er der Unternehmerstochter Grete Lehmann begegnete. Gegen den heftigen Widerstand ihres Vaters heirateten Grete und Artur 1932. Was nun folgte, war eine ebenso berührende wie atemberaubende Liebes- und Überlebensgeschichte, die der ehemalige „Spiegel“-Redakteur Gerhard Spörl recherchiert und nachgezeichnet hat.

Spörl tauchte damit zugleich in die eigene Familiengeschichte ein, denn Artur Schlesinger war der Großvater seiner Frau, der Fernsehjournalistin Patricia Schlesinger. Das Buch mit dem etwa sperrigen Titel „Es muss noch etwas anderes geben als Angst und Sorge und Herrn Hitler“ unterscheidet sich von vielen anderen Schicksalsberichten aus der NS-Zeit, was vor allem an der außergewöhnlichen Persönlichkeit seines Protagonisten liegt: Artur Schlesinger war einfach nicht bereit, sich in die ihm von den Nazis zugedachten Opferrolle zu fügen, stattdessen kämpfte er mit schier unerschütterlichem Optimismus für ein kleines Stück Normalität in einer buchstäblich aus den Fugen geratenen Welt.

„Meine Frau hat mir viel von ihrem Großvater erzählt, von ihr stammt auch die Idee zu diesem Buch“, sagt Gerhard Spörl, der zwar ein erfahrener Journalist ist, sich aber zunächst davor scheute, ein Buch zu schreiben, das zwangsläufig auch romanhafte Züge haben muss.

Er besuchte Görlitz, den wichtigsten Schauplatz, recherchierte in Archiven und sprach mit Zeitzeugen und Experten wie der Historikerin Beate Meyer vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden. Vor allem fragte er aber immer wieder seinen Schwiegervater Peter Schlesinger, den Sohn von Artur und Grete. So ergab sich Stück für Stück ein Bild, auch wenn er viele Leerstellen literarisch auffüllen musste. „Es war keine romantische oder sentimentale Liebe, aber das tiefe Gefühl der Zusammengehörigkeit und des bedingungslosen Füreinander-Eintretens, das Artur und Grete verband“, sagt Spörl, der die berührende Freundlichkeit dieser Beziehung im harten Gegensatz zu der ständig wachsenden Bedrohung schildert, die dem Paar von außen droht.

Wenn Grete sich hätte scheiden lassen, wäre sie außer Gefahr, Arturs Schicksal aber besiegelt gewesen. Obwohl der Vater sie dazu drängte, stand sie zu ihrem Mann. Und Artur verlor zwar seine Arbeit als Autovertreter, aber er gab nicht auf und fand immer wieder eine Lücke im System des NS-Staates, die ihm das berufliche und persönliche Überleben ermöglichte.

Entscheidend war aber letztlich eine List seiner Mutter, die sich auf dem Görlitzer Friedhof vom Grab eines „arischen“ Verstorbenen die Lebensdaten notierte und diesen gegenüber den Nazi-Behörden als Arturs leiblichen Vater ausgab. Damit wurde aus dem Volljuden ein Halbjude, der weder den gelben Stern tragen musste noch deportiert wurde.

Man fühlt sich an Luthers Apfelbäumchen erinnert, wenn man davon liest, wie Artur und Grete die beiden Söhne Jochen und Peter bekamen und sich noch 1939 in Görlitz trotz aller existenziellen Bedrohungen ein Haus bauten. Während draußen die SA marschierte und die Gestapo Menschen verhaftete, saßen Artur und Grete zuerst in der Wohnung und später im neuen Haus beim „Abendhalten“. „Das war die Zeit, die sie allabendlich für sich hatten, um miteinander zu reden und die eheliche Gemeinschaft zu feiern“, sagt Gerhard Spörl, der das „Abendhalten“ aus seiner eigenen Ehe kennt.

Die Mutter konnte den Sohn retten, aber nicht sich selbst

Das Tragische an der Geschichte ist das Schicksal von Regine Schlesinger, Arturs Mutter. Als Volljüdin war sie den Repressalien der Nazis schutzlos ausgeliefert. Während Artur nach dem Novemberpogrom nur vier Wochen in Haft verbrachte, wurde sie später deportiert. Erst im Zuge der Buchrecherche konnte Gerhard Spörl klären, dass sie in Theresienstadt ums Leben kam. „Der Schmerz für Artur bestand darin, dass sie ihn retten konnte, er sie aber nicht, so sehr er sich auch bemühte.“

In den letzten Kriegstagen beteiligte sich Artur Schlesinger noch am bewaffneten Widerstand, konnte mit dafür sorgen, dass Görlitz nicht zerstört, sondern kampflos an die Rote Armee übergeben wurde. Der inzwischen 55-Jährige konnte noch einmal neu beginnen, ging in die Politik und wurde zum Mitbegründer der späteren Blockpartei LDPD. Er machte Karriere, wurde sächsischer Gesundheitsminister und nach Auflösung der ostdeutschen Länder Vizepräsident der Ost-Berliner Industrie- und Handelskammer. Hat er nicht sehen wollen, was die DDR für ein politisches System war? „Nein, das wusste er genau. Spätestens nach dem 17. Juni 1953 muss das auch für ihn offenkundig gewesen sein. Wahrscheinlich betrachtete er die Privilegien, die die DDR ihm bot, als Kompensation für die zwölf Jahre NS-Zeit. Man hat ihn endlich wieder anständig behandelt“, sagt Spörl.

Arturs Stärke und Schwäche bestand in der Fähigkeit, Dinge auszublenden, zu beschwichtigen und zu beschönigen, aber im richtigen Moment das Richtige zu tun. Gerhard Spörl hält aber Grete für fast noch bemerkenswerter: Sie hatte die freie Wahl, hätte sich außer Gefahr bringen können und stand doch mutig und über jeden Zweifel erhaben zu ihrem jüdischen Mann. „Die eigentliche Heldin dieser Geschichte ist für mich Grete“, sagt er, und fügt hinzu: „Das Schöne an den beiden ist aber, dass jeder den anderen für den Helden hielt. Das hat mich beim Schreiben am meisten gerührt.“