Kultur

Lust und Hinterlist

Mit „Love & Friendship“ wurde ein eher unbekanntes Frühwerk von Jane Austen verfilmt. Und es stellt die Austen-Welt ziemlich auf den Kopf

So hat man Jane Austen noch nie gesehen. Selbst wer noch nie einen ihrer Romane gelesen haben sollte, meint ja, alles von ihr zu kennen, da die Briten nicht müde werden, ihr Kulturgut wieder und wieder zu verfilmen. Und so begegnen wir ihnen immerzu aufs Neue: Pittoreske, wenn auch verarmte Landsitze, entsagende Jungfern, wogende Busen, sich rötende Bäckchen, und all das in hochgeschlossenen Regency-Kleidern. Doch „Love & Friendship“, der diese Woche in die Kinos kommt, weiß da noch einmal wirklich zu über­raschen: Die erste Verfilmung ihres Frühwerks „Lady Susan“ wartet mit der einzigen weiblichen Hauptfigur im Austen-Universum auf, die von Herzen unsympathisch ist.

Schmarotzen, Intrigen spinnen und Reize ausspielen

Diese Lady Susan ist eine Zumutung und Schmarotzerin, die sich bei Bekannten und Verwandten einnistet und auf deren Kosten lebt, wobei sie, stets im Bund mit ihrer amerikanischen Freundin, Intrigen schmiedet und ihre Reize ausspielt, um einen neuen Galan an sich zu binden. Gleich zu Beginn wird die Lady von einem Landsitz verjagt, wo sie allzu offensichtlich mit dem verheirateten Lord Manwaring angebandelt hat. Um den Skandal auszusitzen, nistet sie sich auf dem entlegenen Landgut des Bruders ihres verstorbenen Mannes ein – obwohl sie einst danach getrachtet hat, dessen Ehe zu verhindern .

Unter seinem Dach spinnt sie munter ihre Ränke weiter und will ihre noch jugendliche Tochter mit einem zwar sehr wohlhabenden, aber leider auch überaus tölpelhaften Grundherrn verheiraten. Sie selbst wickelt den jüngeren Bruder ihrer Schwägerin um den Finger, der sich ihr gewappnet glaubt und ihr doch bald erliegt. Doch dann büxt die rebellierende Tochter aus ihrem Internat aus, um der Mutter die arrangierte Ehe auszureden. Und schließlich taucht auch noch Lady Manwaring auf, die zetert und keift, weil ihr Gatte sie inzwischen verlassen hat.

Das klingt erst mal reichlich unübersichtlich. Und wird von dem Film noch zusätzlich verkompliziert, wenn anfangs jede Figur, die ins Bild rückt – auch Diener und Schwippschwäger, die keine bedeutende Rolle spielen – mit ein paar erläuternden Untertiteln eingeführt werden. Noch verwirrender ist die Tatsache, dass der Film nicht einfach „Lady Susan“ heißt, sondern „Love & Friendship“, nach einer noch früheren, Fragment gebliebenen Fingerübung von Jane Austen, die eigentlich gar nichts mit dieser Geschichte zu tun hat. Offensichtlich muss jeder Austen-Film zwei Hauptwörter und ein Bindewort tragen, wie „Sinn und Sinnlichkeit“ oder „Stolz und Vorurteil“.

Aber all das darf man getrost vergessen. Denn wie „Lady Susan“ ein Briefroman war, der sich über sein eigenes Genre lustig machte, ist „Love & Friendship“ ein hochvergnüglicher Film, der irgendwie auch alte Austen-Adaptionen zu parodieren scheint.

Wann immer hier ein Brief mit der Feder aufs Papier gekratzt oder anderen vorgelesen wird – und das passiert, wie man sich bei der Adaption eines Brief­romans denken kann, recht häufig –, läuft das auch als Schreibschrift durchs Bild. Und so ironisch die Dialoge auch gefeilt und gedrechselt sind, findet Regisseur Whit Stillman immerzu hübsche Bildideen, um jedwede Gefahr einer drohenden Dialoglastigkeit im Keim zu ersticken.

In Stillmans Ensemble tummeln sich Stars wie Stephen Fry und Chloë Sevigny neben verheißungsvollen Nachwuchsdarstellern. Sein größter Trumpf indes ist Hauptdarstellerin Kate Beckinsale, die nicht nur in einer TV-Adaption von Jane Austens „Emma“, sondern auch in anderen Austen-artigen Epen mitgewirkt hat. Mit „Love & Friendship“ konterkariert sie damit ihre früheren naiv-unschuldigen Jungferrollen.

Hinter der launigen Komödie steckt viel bittere Sozialkritik

Dabei scheint der Regisseur deutlich mehr Sympathie mit Lady Susan zu haben als Jane Austen selbst. Natürlich ist und bleibt diese Dame eine unmögliche Person, die gegen Anstand und Moral verstößt, nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist und alle Mitmenschen manipuliert. Aber hinter ihrem keck-egoistischen Auftreten zeigt Stillman deutlich, dass auch sie letztlich nur ein Opfer ihrer Zeit ist. Dass Familien ohne Mann recht mittellos dastanden, das musste die junge Jane Austen nach dem Tod ihres Vaters am eigenen Leib erfahren, davon handeln auch fast alle ihre späteren, Klassiker gewordenen Romane. Die endeten alle in Vernunftehen, was man nur deshalb Happy End nennen kann, weil der dazu passende, besonnene Partner gefunden wurde.

Lady Susan dagegen kann sich Liebe nicht leisten. Sie berechnet kühl, wie sie sich selbst und ihre Tochter über Wasser halten kann. Im Film bringt sie das einmal in einem herrlichen Aperçu gegenüber ihrer Tochter auf den Punkt: „Wir leben nicht, wir sind zu Gast.“ Sie behandelt die Welt so, wie die Welt sie behandelt. Auch wenn Liebe und Freundschaft dabei glasklar auf der Strecke bleiben. Sie kämpft aber auch um Selbstbestimmung und damit irgendwie für ihr ganzes Geschlecht, mit den Mitteln einer Frau. Und wird damit so etwas wie eine Vorreiterin, wenn auch nicht gerade Vorzeigefigur für die Emanzipation. Jane Austen wäre vielleicht verblüfft gewesen, wieviel bissige Sozialkritik dieser Film aus ihrem Jugendwerk herausgeholt hat.