Kultur

Lauter Ohrfeigen

Claus Peymann zieht Bilanz nach einem halben Theaterjahrhundert: Buch „Mord und Totschlag“ ist ein großes Vergnügen

Man kann sich natürlich fragen, was einen Menschen dazu bewegt, ein Buch über sein eigentlich recht hübsches Leben „Mord und Totschlag“ zu nennen, in diesen Tagen! Andererseits: Stimmt halt leider. So als Überschrift über alles. Über die Weltlage, über Shakespeares Königsdramen oder auch über die Berliner Kulturpolitik.

Fehlende Sensibilität muss man Claus Peymann, dem bald 80 Jahre alten Noch-Intendanten und Poltergeist des Berliner Ensembles, jedenfalls nicht bescheinigen. Das erledigt der langjährige Peymann-Dramaturg Hermann Beil in seinem Vorwort zu dem oft sehr komischen 500-Seiten-Werk schon selbst: Die „gelegentliche Taktlosigkeit“, meint Beil, komme eben von jener Vorstellung von der „absoluten Freiheit des Theaters“. Und die gelte es, tataaa, immer zu verteidigen. Zur Not, wie Peymann sagt, mit „Ohrfeigen“! Kawumm.

„Ich bin ein anachronistisches Monstrum“

Dass solche Ansichten gerade in Berlin eher zum großen Gähnen als zu Aufständen führen, das hat Peymann in seinen 17 Jahren am Schiffbauerdamm schon ziemlich gewurmt. Aber, was soll man sagen, diese Jahrhunderttheaterfigur überblickt einfach schon zu viele Verwerfungen in der deutschen (und österreichischen) Öffentlichkeit, als dass sie sich jetzt mit übellaunig dahingemurmelten Monologen zwischen zwei Buchdeckeln verabschieden würde. Berlin, das war ja ohnehin nur der „Epilog“ (wie er sagt) eines grandiosen Bühnenlebensstücks, dessen Skript oder Protokoll man nun also nachlesen kann. Und das ist, egal ob man Peymann liebt oder hasst oder gar nicht kennt: großartig.

Einer wie er („Ich bin ein anachronistisches Monstrum“) kann sich eben auch nicht einfach hinsetzen, wenn die Welt brennt, und in stiller Einkehr eine Biografie schreiben, so eine ordentliche, altersweise Rückschau. Nein, um der Welt zu sagen, was er der Welt zu sagen hat, dafür hatte Peymann schon immer eine ganze Schar an Mit-, Für- und Widersprechern: Dichter wie Peter Handke, Dramaturgen-Gefährten wie Hermann Beil und Jutta Ferbers und Schauspieler wie Bernhard Minetti. Ganz zu schweigen von Publikum und Presse, die mit Jubel und Empörungsreflexen an der Theaterlegende fleißig mitschreiben.

Und so hat eben auch eine ganze Peymannschaft um Lebensgefährtin Jutta Ferbers aus teils sensationellen Interviews und Korrespondenzen, wunderbaren Fotos (etwa von Abisag Tüllmann), den schönen Skizzen Karl-Ernst Herrmanns und Peymannschen Randnotizen eine so gnadenlose wie liebevolle Biografie komponiert. Wobei im Untertitel „Theater | Leben“ nicht nur dieses eine „Leben für das Theater“ steckt. Sondern auch eine ganze deutsche Nachkriegskulturgeschichte. Mitsamt ihren Schlaglichtern, die sie nebenbei auf heutige Stimmungslagen und Konflikte wirft.

Der Vater des gebürtigen Bremer Lehrerkindes war überzeugter Nazi, die Mutter Antifaschistin, das verleiht vermutlich ein gewisses Grund-Amüsement angesichts der großen Bruch­linien der eigenen Zeit. Das große wechselseitige Ohrfeigen fing an mit Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ 1966 in Frankfurt, erstreckte sich über einen Spendenaufruf für eine Zahnbehandlung Gudrun Ensslins in Stuttgart und wird mit Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ am Berliner Ensemble seinen Abschluss finden.

Eine Flagge sorgte für Zoff mit Thomas Bernhard

Einige haben sich ja ihren Museums-Peymann zurechtgelegt. Ihren starr­sinnigen Theaterchef, der nach seinen Erfolgs- und Skandalserien in Stuttgart, Bochum und Wien nun halt vom Berliner Ensemble aus gegen die neueren Entwicklungen im Kulturbetrieb stänkert.

Der Titel geht übrigens zurück auf einen Vorschlag, ach was: auf einen Befehl Thomas Bernhards. Der Dramatiker hatte von Peymann verlangt, statt der Flagge mit dem „Burgtheater“-Schriftzug doch eine mit den Worten „Mord und Totschlag“ auf dem Burgtheater zu hissen. Peymann weigerte sich. Und Bernhard war sauer: Ein so „feiger Mann“ bekomme keine Stücke mehr von ihm. Nur hinter Peymanns Rücken kam die Flagge doch noch aufs Dach, und es gab weitere Bernhard-Stücke.

Ja, die Bandagen waren andere, die Kommunikation noch nicht so kompromissvoll „verwienert“ (Peymann) und abgesichert wie heute. Ein Interview mit André Müller in den 80er-Jahren war so voller Beleidigungen, dass Freundschaften zerbrachen und Schauspieler ihre Rollen am Burgtheater zurückgaben.

Schön ist das natürlich nicht, aber es war ein guter Boden für Kunst. Als wäre das Buch selbst eine Collage aus den verschiedensten Dramen, gleicht die Lektüre einem Kopftheater, eine die Älteren vielleicht auch wehmütig stimmende Revue aus einem halben Theaterjahrhundert. Zudem gibt es im Anhang eine penible Liste aller Inszenierungen. Nicht zu unterschätzen ist die Qualität als Witzesammlung. Und als Zeitgeist-Vergleichsmaschine: Weil er keinen Hehl daraus macht, dass er René Pollesch nicht leiden kann, macht es umso mehr Spaß, Peymanns heutige Aussagen mit denen des Jungen Wilden zu vergleichen, der er selbst einmal war.

Claus Peymann: Mord und Totschlag.
Theater | Leben. Hg. v. Jutta Ferbers u.a.
Alexander Verlag, 536 S., 26 Euro (Subskriptionspreis bis 31.1.2017, danach 29,90 Euro)