Kultur

Das revolutionäre Feuer wird schnell heruntergekühlt

Heiner Müllers „Der Auftrag“ am Maxim Gorki Theater

Nackt und zusammengekrümmt liegen sie da. Ausgespuckt von einer hohlen Säule, in deren oberer Hälfte hinter Gittern ein Abbild des künstlichen Menschen aus Fritz Langs „Metropolis“ flimmert. Zwei Menschenbündel, sie könnten die neuen Hoffnungsträger sein. Aber diese Rolle werden sie nicht erfüllen können, denn sie sind geboren aus dem Geist derer, die vor ihnen schon da waren, beladen mit der Kenntnis von Herr- und Knechtschaft. Der Dritte im Bunde trägt schon jene Anzuguniform, die hier alle tragen und die sich nun auch die beiden Neuen anziehen. Es ist eine ungemütliche Welt, in die die drei Männer aus Heiner Müllers „Der Auftrag“ hier im Maxim Gorki Theater geraten sind. Regisseur Mirko Borscht hat sie in eine kühle Zukunft verfrachtet, eine Mischung aus Labor und Machtzentrale. Hoffnung, dass sich von hier aus etwas bewegt in der Welt, gibt es keine. Schon während das Publikum den Saal betritt, erklingt der desillusionierende Müller-Satz: „Ich teile Ihnen mit, dass wir den Auftrag zurückgeben müssen.“

Der Auftrag besteht darin, die Ideen der Französischen Revolution in die Karibik zu tragen und einen Sklavenaufstand zu initiieren. Auf den Weg machen sich der Bauernsohn Galloudec (Aram Tafreshian), der Schwarze Sasportas (Falilou Seck) und der Grundbesitzer Debuisson (Till Wonka). Vor Ort nehmen sie, um das Problem zu verdeutlichen, Rollen ein, spielen Herrscher und Unterdrücker. Zwar fallen sie manchmal aus diesen Rollen heraus, aber befreien können sie sich nicht. Die Revolution scheitert deshalb. Auch, weil in Frankreich Napoleon inzwischen die Macht übernommen hat. So sitzen sie da mit einem Auftrag für eine Zukunft, die schon wieder Vergangenheit ist.

Folgerichtig trägt Müllers Text auch den Untertitel „Erinnerung an eine Revolution“, erzählt wird im Rückblick. Mirko Borscht geht einen Schritt weiter und projiziert das Ganze in die Zukunft, freilich nicht weniger pessimistisch. Das Problem dabei: Wo bleibt die Gegenwart? Es geht in dem Text auch um Herkunft und Hautfarbe, überkommene Denkstrukturen und den Kampf um soziale Gerechtigkeit, lauter aktuelle Themen. Man hört sie auf der Bühne dies alles sagen in Müllers wohlgeformten Sätzen, aber es kommt einem nicht wirklich nahe, denn was dem Abend fehlt, ist eine Verankerung im Hier und Jetzt. Die Distanz zu dem ­ohnehin nicht einfachen Text ist größer als nötig. Jede Spur von revolutionärem Feuer wird erbarmungslos heruntergekühlt.

Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2. Tel.: 20 221 115. Termine: 7. und 9.1.17