Kultur

Rückkehr der Vertriebenen

Die Galerie Kunsthandel Wolfgang Werner wird 25 Jahre alt und feiert das mit einer wunderbaren Ausstellung

Ernst und selbstbewusst blicken die dunkeln Augen uns an. Sie wirken leicht kubistisch verschoben. Im Dreiviertelprofil sehen wir das Bildnis einer jungen Frau mit dunklem Haar und taubenblauem Kleid mit weißem Kragen. In der Hand hält sie ein Paar pinkfarbene Blumen, die eine Blüte heller als die andere. Auf den Wangen der Frau spiegeln sich dieselben rosarötlichen Farbtöne wider. So malte sich die Künstlerin Paula Modersohn-Becker (1876–1907) in ihrem Todesjahr. Ihr Bildnis ist in der Galerie Kunsthandel Wolfgang Werner zu sehen, die mit einer wunderbaren Gruppenausstellung ihr Jubiläum in Berlin feiert. Kurz nach dem Mauerfall entschloss sich Wolfgang Werner, dessen Stammhaus sich in Bremen befindet, 1991 eine Dependence in Berlin zu errichten, und erfüllte sich damit einen lang gehegten Traum. „Als wir uns entschlossen haben, eine Galerie in Berlin zu eröffnen, haben wir die Tradition wieder mitgebracht, die eigentlich aus Berlin vertrieben war“, erzählt er im Rückblick auf die Gründung damals.

Viele Künstler galten unter den Nazis als „entartet“

Damit spielt Wolfgang Werner nicht nur darauf an, dass er mit seinem Programm, das vor allem durch Künstler der Klassischen Moderne wie Liebermann, Corinth, Macke, Nolde, Klee, Schlemmer und Giacometti an die damals in der Hauptstadt von vielen legendären Galerien gehandelte Kunst anschließt. Es gibt einen viel direkteren Bezug: Die Galerie in Bremen steht in unmittelbarer Nachfolge eines der „Graphischen Kabinette“, die der Berliner Kunsthändler I. B Neumann in Bremen gegründet hatte. Viele der Künstler der Moderne wurden tatsächlich aus Berlin vertrieben, denn die Werke der meisten von ihnen wie zum Beispiel die von Willi Baumeister, von dem ein paar hervorragende Arbeiten aus unterschiedlichen Schaffensphasen in der Ausstellung zu sehen sind, wurden als „entartet“ verfemt und ihre Urheber erhielten Berufsverbot.

Als Wolfgang Werner vor 25 Jahren auf Reisen von seinen Plänen erzählte, in Berlin eine Dependance zu eröffnen, war die Resonanz sehr positiv: „Wenn Sie in London, Paris und New York von Berlin redeten, waren alle sofort begeistert, dass man da etwas machen wollte, weil sie das Berlin der 20er-Jahre im Kopf hatten“, erinnert er sich.

Auf schwarzem, quadratischem Grund sehen wir bunte Linien, die sich zu einem Knäuel verdichten. Es könnte ein Kopf oder auch ein Baumstumpf sein. Alles in allem ist es eine mehr oder weniger abstrakte Zeichnung. Auf den anderen Tafeln gleichen Formats sind es Farbflecken und in unregelmäßigem Rhythmus Striche. Mitunter glaubt man auch hier Äste zu erkennen oder andere Formen und Strukturen aus der Natur. Als Naturwissenschaftler hat Per Kirkeby, promovierter Geologe und einer der prominentesten Künstler Dänemarks, die Natur schon immer besonders interessiert. Viele seiner abstrakten Malereien und Skulpturen zeugen davon. Seine „Black­boards“ und selten ausgestellte Bronzeskulpturen sind nun im Kunsthandel Wolfgang Werner zu sehen.

Kaum ein Künstler seiner Generation ist so vielseitig wie der 1938 in Kopenhagen geborene Per Kirkeby. In den 60er-Jahren schuf er von der Pop-Art inspirierte Gemälde, beteiligte sich an Happenings und arbeitete mit Künstlern wie Joseph Beuys und Nam June Paik zusammen. Anfang der 70er-Jahre wandte er sich der zu diesem Zeitpunkt schon längst überholten informellen Malerei zu und schuf von da an großformatige abstrakte Gemälde. Neben Malerei und Film (Kirkeby hat insgesamt 24 Filme gemacht) interessierte ihn immer auch die Skulptur. Es entstanden monumentale funktionslose Backsteinskulpturen und Bronzen. Etliche davon waren Vorstudien für die Backsteinskulpturen. Um 1983 schuf Kirkeby aber auch eine Reihe reiner Skulpturen. Dazu gehören die Bronzeskulpturen „Læsø-Kopf“ I–IV sowie „Arm und Kopf“ IX und X, die nun zusammen mit den „Blackboards“ bei Werner gezeigt werden. Dort stehen sie raumfüllend auf Sockeln in einer Diagonale Spalier.

Per Kirkeby hatte sich in dieser Zeit intensiv mit Rodin auseinandergesetzt, war tief beeindruckt von dessen Torsi und Gliedmaßen sowie der Idee, die menschliche Form nur durch einzelne Teile darzustellen. Bei Kirkeby entspringen die Formen für die Köpfe, Arme und Füße seiner Bronzen amorphen Strukturen. Die Oberfläche ist schwarz patiniert und wirkt zerklüftet, als habe ein Malerpinsel sie geschaffen. Der menschliche Körper ist dabei nur erahnbar, eher denkt man an Baumstümpfe und Geäst – die allgegenwärtige Natur. In ähnlich ruppigem Stil sind auch die „Blackboards“ bearbeitet, die in den Jahren 1992–2015 auf Masonit, quadratischen Holzfaserplatten, entstanden. Diese grundierte Kirkeby mit schwarzem Tafellack und bearbeite sie dann wiederum mit Lack sowie mit weißer und farbiger Tafelkreide zu nervös-intuitiven Zeichnungen. Verloren schwimmen die sich überlagernden Linien und Flächen auf dem dunklen Grund wie Seerosen oder Algen in einem Teich.

Kunsthandel Wolfgang Werner, Fasanenstr. 72. Bis 28.1., Di.–Fr. 10–18 Uhr, Sbd. 11–15 Uhr