Kultur

Luther als Liedermacher

„Vom Himmel hoch“ hat der Reformator nicht nur gedichtet, sondern auch komponiert

Kaum eine Christvesper, kaum ein Weihnachtsgottesdienst kommt ohne „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ aus, von dem zumindest die ersten drei Strophen gesungen werden. Dass es der Wittenberger Reformator Martin Luther war, der dieses Lied nicht nur gedichtet, sondern auch komponiert hat, dürfte weniger bekannt sein. Dabei ist Luthers Beziehung zur Musik viel intensiver gewesen als etwa zur bildenden Kunst. Er war ohne Zweifel sehr musikalisch und hatte, als er von 1498 bis 1501 in Eisenach die Lateinschule besuchte, eine entsprechende Ausbildung erhalten. Als Singknabe musste er damals zu seinem Lebensunterhalt beitragen. Und er sang auch sonst gern, nicht nur Kirchen- und Volkslieder, sondern auch mehrstimmige Motetten. Zweifellos besaß er Kenntnisse über polyphonen Tonsatz, zumal er als Student in Erfurt auch auf akademischem Niveau ausgebildet wurde. Außerdem spielte er Querflöte und Laute, eines jener Instrumente, die im 16. Jahrhundert außerhalb der Kirchen oft erklangen.

Aber wurde damals überhaupt in den Kirchen gesungen? Jedenfalls nicht von der Gemeinschaft der Gläubigen, denn die Gemeinde war vom Gesang meistens ausgeschlossen. Die gregorianischen Hymnen trugen Mönche oder Geistliche vor. „Gottes Wort will gepredigt und gesungen werden“, forderte Luther, der aber genau wusste, dass das nur mit lateinischen Texten nicht funktionieren konnte. Also übersetzte er einerseits lateinischen Hymnen in ein ebenso kraftvolles wie eingängiges Deutsch – und schrieb auch völlig neue Lieder. „Nun freut euch, liebe Christen g’mein“ stammt von 1523, weltberühmt ist der sechs Jahre später entstandene Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“, den Heinrich Heine als „Marseiller Hymne der Reformation“ und Friedrich Engels als die „Marseillaise der Bauernkriege“ bezeichneten. Mit etwa 45 Chorälen hat Martin Luther selbst den Grundstock für ein evangelisches Choralrepertoire gelegt, das fortan in den Kirchen gesungen und von Komponisten wie Heinrich Schütz und später Johann Sebastian Bach in Motetten und Kantaten verarbeitet wurde.

Luthers beliebtestes Weihnachtslied hatte aber ursprünglich mit Weihnachten gar nichts zu tun. Nicht belegt, aber gern erzählt wird die Geschichte, dass Luther „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ dichtete, weil er 1535 ein Lied für die Weihnachtsbescherung der eigenen Kinder brauchte. Als Melodie diente ihm das durchaus ein wenig anrüchige Spielmannslied „Ich kumm auß frembden landen her und bring euch vil der newen mär“. Nur kommt eben kein Spielmann mehr aus einem fremden Land, sondern ein Engel vom Himmel.