Kultur

Ein Zug bleibt an Weihnachten im Schnee stecken

Weihnachtszeit ist Reisezeit. So auch für die Reisenden in dem Zug von London nach Manchester, in dem J. Jefferson Farjeons Roman „Geheimnis in Weiß“ beginnt. Jeder hängt an diesem Heiligabend seinen eigenen Gedanken über das Fest nach, und erst nach einer Weile registrieren die Passagiere, dass der Zug steht. Wie man es sich zu Weihnachten ja eigentlich wünscht, fällt Schnee. Aber hier fällt gleich so viel, dass der Zug nicht weiterkommt. Niemand wagt vorherzusagen, wann es weitergeht. Der Schaffner ist sich noch nicht einmal sicher, ob es an Heiligabend überhaupt noch eine Weiterfahrt geben wird.

An Weihnachten gestrandet in einem Zug irgendwo im tief verschneiten Nirgendwo verbringen? Da muss es doch andere Möglichkeiten geben! Als ein Reisender erwähnt, dass ein paar Kilometer entfernt ein Bahnhof einer Parallelstrecke liegen soll, steht der Entschluss einer ungleichen Gruppe, die sich in einem Abteil zusammenfindet, fest: Die sechs wollen versuchen, ihrem Schneegefängnis zu Fuß zu entkommen. Sie sind schon kurz davor, aufzugeben und den Weg zurück zum Zug zu suchen, als sie die Rettung erkennen. Plötzlich stehen sie vor einem Haus. Niemand antwortet auf ihr Klopfen, aber die Tür ist unverschlossen. Drinnen wartet eine Überraschung auf sie. Niemand ist zu Hause, aber im Kamin brennt ein Feuer, der Tisch ist gedeckt, und sogar das Teewasser ist aufgesetzt. Zutiefst erleichtert richten sich die sechs erst einmal ein und versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Doch die Spannung ist wieder da: Was ist passiert, bevor die Gruppe ins Haus kam? Sind die Bewohner einem Verbrechen zum Opfer gefallen? Immerhin taucht aus dem Schnee ein seltsamer Mann auf, und plötzlich wird davon erzählt, dass im Zug ein Mann ermordet worden sein soll. Droht der Gruppe Gefahr?

Farjeon erzählt die Geschichte aus den wechselnden Perspektiven der Reisenden. Jeder hat etwas anderes, das seinen Blickwinkel beeinflusst, sodass ein vielfältiges Bild entsteht, das Raum für Unentdecktes und Überraschendes lässt. Wie es sich für einen Weihnachtskrimi gehört, ist „Geheimnis in Weiß“ nicht blutig und auch nicht brutal. In mancher Hinsicht erinnert er an die Romane von Agatha Christie. Was nicht zuletzt daran liegt, dass der Roman aus dem Jahr 1937 stammt. Eine deutsche Übersetzung ist aber erst jetzt erschienen. J. Jefferson Farjeon (1883–1955) war in den 20er- und 30er-Jahren ein sehr produktiver Krimischriftsteller. Sein bekanntestes Werk war das Bühnenstück „Nummer siebzehn“, das Alfred Hitchcock 1932 verfilmt hat.