Kultur

„Der Schweizerische Robinson“ wandelt auf Defoes Spuren

In der Berner Burgerbibliothek hat bis vor Kurzem die Originalhandschrift eines der wirkmächtigsten Abenteuerbücher aus der Aufklärung geschlummert. „Der Schweizerische Robinson oder der schiffbrüchige Schweizer-Prediger und seine Familie“ von Johann David Wyss (1743–1818) war schon lange vor Johanna Spyris „Heidi“ einer der bedeutendsten eidgenössischen Romane. Jetzt liegt er nach langer Zeit wieder in ungekürzter Fassung vor.

Wie der lange Titel schon zeigt: Es geht auf eine einsame Insel. Im Nachklang zu Defoes genrebildendem „Robinson Crusoe“ und den Abenteuern „Insel Felsenburg“ und „Robinson der Jüngere“ schreibt Wyss ein Erziehungsbuch – ganz im Sinne des Humanismus, dessen Kind er ist. Darin wird Ende des 18. Jahrhunderts eine Berner Pfarrerfamilie nach einem Schiffbruch in der Südsee an Land gespült. Über zehn Jahre berichtet der Erzähler vom Leben auf der Insel – in der für Robinsonaden nicht ungewöhnlichen Ich-Perspektive.

Dieses utopische „Neu-Schweizerland“ wird für die Familie bald zu einem besseren Ort, als die europäische Heimat unter napoleonischem Joch war. Das Leben auf dem Eiland wird ganz realistisch erzählt: vom Morgen- bis zum Abendgebet. Wilde Tiere werden domestiziert, allerlei Sträucher entbehrt und Kokosschalen als Becher genutzt. Es ist die Herrschaft über die Natur. Rund 150 Tiere und 100 Pflanzen beschreibt dieser „große Herr Doctor Allesweiß“. Der Literaturkritiker Stefan Zweifel nennt das Buch in seinem lesenswerten Nachwort ein „Kompendium der Aufklärung“, das den Leser mit seinem „Mut zur Wunderlichkeit“ anstecke.