Kultur

Besinnlich, humorvoll und virtuos

Daniel Barenboim und Simon Rattle setzen in ihren Konzerten zum Jahresende auf junge Stars

Die Konzerte zwischen Weihnachten und Silvester sind in diesem Jahr deutlich bunter, vielfältiger als in den Jahren zuvor. Jenseits von Bachs Weihnachtsnachtsoratorium und Beethovens 9. Sinfonie, den gängigen Klassikern, gibt es eine Reihe von Mischprogrammen in Berlin. Das Glamouröse mit Starinterpreten findet sich ebenso wie das Besinnliche und Nachdenkliche. Bei den großen Orchestern sind die Silvesterkonzerte überwiegend Chefsache. Sir Simon Rattle und Daniel Barenboim dirigieren den Jahreswechsel in Berlin.

Daniil Trifonovs Debüt und Abschied von Marek Janowski

Willkommen und Adieu heißt es bei zwei Orchestern. Beides sind hervorhebenswerte Ereignisse. Bei den Philharmonikern wird in den Silvesterkonzerten mit dem russischen Pianisten Daniil Trifonov (25) ein junger Klassikstar begrüßt. Trifonov wird unter Kennern als der künftig weltbeste Pianist gehandelt. Sein Debüt bei den Philharmonikern ist ein Adelsschlag. Simon Rattle selbst dirigiert die drei Konzerte vom 29. bis 31. Dezember. Trifonov spielt Rachmaninows drittes Klavierkonzert, also schwere Virtuosenkost. Darüber hinaus stehen Werke von Kabalewski, Walton und Dvorak auf dem Programm. Das Silvester­konzert wird am 31. Dezember ab 17.25 Uhr live von der ARD übertragen. In den Berliner Kinos in der Kulturbrauerei, im Cubix Filmpalast, im Sony Center, im Titania-Palast, im CineStar Tegel und im Cineplex Spandau ist es als Live-Übertragung zu erleben.

Verabschiedet wird in zwei Silvesterkonzerten Marek Janowski, der langjährige Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin. Janowski hatte das Orchester 2002 übernommen und mehr oder weniger vor einer drohenden Auflösung bewahrt. Eine Botschaft von Marek Janowski war immer, dass es nur um die Kunst geht und um nichts anderes. Dementsprechend ist er jenseits des Dirigentenpults in der Öffentlichkeit kaum bekannt geworden. Und genauso unbemerkt verabschiedet er sich jetzt. Er dirigiert Beethovens Neunte am 30. und 31. Dezember im Konzerthaus. Er ist ein Meister schlanker, ja fast getriebener Interpretationen. Vielleicht wird er diesmal genussvoller in die „Ode an die Freude“ einmünden? Aber Janowski ist ein unberechenbarer Dirigent.

Ansonsten setzen die großen Häuser eher auf unterhaltsame Kost. Die Programme sollen vor allem Spaß machen. Daniel Barenboim hat neben der Geigerin Lisa Batiashvili den Jazzgeiger Till Brönner in die Staatsoper verpflichtet. Nach Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur folgt die „Nussknacker“-Suite in Originalform und in Bearbeitung für Jazz-Orchester. Dafür bringt Till Brönner am 31. Dezember seine Musiker mit. Die beiden anderen Berliner Opernhäuser haben am letzten Tag des Jahres keine Konzerte angesetzt, sondern bieten Heiteres aus dem Repertoire feil. Die Deutsche Oper zeigt Rossinis plappernden „Barbier von Sevilla“ in der turbulent-witzigen Inszenierung von Katharina Thalbach, die Komische Oper setzt auf eine freche Operetten-Inszenierung von Hausherr Barrie Kosky. In Oscar Straus’ „Die Perlen der Cleopatra“ sind Dagmar Manzel und Dominique Horwitz zu erleben. Fazit: Im Alten Ägypten wurde berlinert.

Das Konzerthausorchester setzt am Gendarmenmarkt hingegen in seinem Silvesterkonzert und tags darauf im Neujahrskonzert auf die charismatische Berliner Opernsopranistin Annette Dasch, auf amerikanische Klänge und Broadway-Flair. Damit soll bereits auf das Länderfestival USA im kommenden Jahr eingestimmt werden. Lawrence Foster dirigiert Werke von Gershwin, Sondheim oder Rogers.

Das Deutsche Symphonie-Orchester setzt eine Silvestertradition fort und spielt mit dem Circus Roncalli zu Silvester und am Neujahrstag im Tempodrom. Am Pult in der Arena steht der britische Dirigent Martyn Brabbins, Solist ist der deutsch-französische Cellist Nicolas Altstaedt. Im Mittelpunkt stehen die Zirkusartisten. Das Programm bleibt immer ein Geheimtipp.

Pianist Igor Levit spieltBach gegen Hass und Angst

Die Schaubühne am Lehniner Platz hat für den heutigen Freitag um 20 Uhr zu einer Sonderveranstaltung „Gegen Hass und Angst – für Mitmenschlichkeit“ eingeladen. Der Eintritt ist frei. Es lesen und musizieren Lars Eidinger, Carolin Emcke, Ursina Lardi, Pianist Igor Levit und Hausherr Thomas Ostermeier. Der russische Pianist Igor Levit gehört zu den wichtigsten und auch politisch aktiven Virtuosen der Gegenwart. Er wird Werke von Johann Sebastian Bach und Franz Schubert gegen die Angst spielen. Eine bemerkenswerte Musikauswahl.

Über die Weihnachtsfeiertage geht es mit mittleren und kleineren Ensembles insgesamt besinnlicher zu. Wobei es auffällt, dass die tiefreligiösen christlichen Werke fast nur noch in den Kirchen stattfinden, wohingegen es in den Konzerthäusern buntgemischter zugeht. In der Philharmonie dirigiert am 25. Dezember im Rahmen der Hohenfels-Konzerte Stanley Dodds, von Hause aus ein Philharmoniker, das sinfonie orchester berlin. Auf dem Programm stehen Werke von Tschaikowski, Rachmaninow und Mendelssohn Bartholdy. Im Konzerthaus spielt am 25. Dezember die St. Petersburg Sinfonietta unter Leitung von Igor Budinstein unter anderem Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Am Tag darauf veranstaltet der Rundfunk-Kinderchor Berlin im Großen Saal sein Weihnachtsliedersingen. Abends gastiert die Anhaltische Philharmonie Dessau und lässt den Nussknacker auf die Wiener Klassik treffen.