Literatur

Scheiden tut weh: Der neue Roman von Jonathan Safran Foer

Er gilt als ewiges Wunderkind der amerikanischen Literatur. Mit seinem jüngsten Buch „Hier bin ich“ aber spaltet der Autor seine Fans.

Hat seine eigene Mittlebenskrise verarbeitet: Jonathan Safran Foer

Hat seine eigene Mittlebenskrise verarbeitet: Jonathan Safran Foer

Foto: dpa Picture-Alliance / Miguel Rajmil / picture alliance / dpa

Politisch, religiös, kulturell, intellektuell und sexuell respektlos sollte sie werden: „All Talk“, eine Fernsehserie über den Alltag einer jüdische Familie in Washington, D.C, die HBO 2012 angekündigt hat. Ben Stiller sollte die Hauptrolle spielen und Regie führen. Die Idee stammte von Jonathan Safran ­Foer, dem ewigen Wunderkind der US-Literatur, der auch die Drehbücher schreiben sollte.

Aber ungewöhnlich spät, die Dreharbeiten sollten in wenigen Wochen beginnen, zog der Autor die Reißleine. Und ließ die Serie einfrieren. „Ich wollte das nicht“, gestand der 39-Jährige kürzlich der „Time“: „Ich wollte kein Serienmensch, kein TV-Schreiber sein. So wollte ich mein Leben nicht leben. Was mich zu der Frage führte, wie ich es leben wollte.“

Autobiographische Anleihen

Die Antwort darauf ist ein fettleibiges Buch mit dem programmatischen Titel „Hier bin ich“. Foers erster Roman nach elf Jahren – nach dem Bestseller „Alles ist erleuchtet“ und dem 9/11-Drama „Extrem laut und unglaublich nah“ – ist politisch, religiös, kulturell, intellektuell und sexuell respektlos. Es handelt vom Alltag einer jüdischen Familie. Es ist in vielem also genau das, was man sich von der Serie versprochen hat. Und im Zentrum steht – ein Serienschreiber, der in eine Lebenskrise gerät.

Nein, das alles sei keineswegs autobiografisch, betont der Autor. Und doch ist vieles aus ­Foers Vita bekannt. Die Familie Bloch, um die es hier geht, lebt in Washington – wo ­Foer seine Kindheit erlebte. Julia und Jacob Bloch haben drei Söhne – wie auch Foer zwei Brüder hat. Im Mittelpunkt des Romans aber steht das langsame Ende einer Ehe – und auch Foer hat sich vor einiger Zeit von seiner ebenfalls schriftstellernden Frau Nicole Krauss getrennt. Mit ihren beiden Kindern galten sie lange als Vorzeigefamilie der New Yorker Literaturszene.

Privatmails mit Natalie Portman

Im Buch sind es sexuell anzügliche SMS-Botschaften – sogenanntes Sexting – , die der Gatte einer Kollegin geschickt hat und die seine Frau auf einem Zweithandy entdeckt. In der Realität soll es ein reger E-Mail-Austausch des Autors mit Hollywoodstar Natalie Portman gewesen sein, das zum Ehe-Aus führte. Vergangenen Juli wurden diese ­E-Mails in einer Beilage der „New York Times“ nachgedruckt. Seither wurde viel Gossip darüber geschrieben, wie eng diese Beziehung gewesen ist. Und ob das wirklich Privatmails waren oder nicht nur ein geschickter Werbecoup. Für Portmans Regiedebüt und Foers Roman.

Man muss das alles nicht wissen. Aber wenn man es weiß, schwingt es bei der Lektüre immerzu mit. Es erklärt aber, warum die allmähliche Entfremdung des Paares so treffend wiedergegeben wird, dass viele Geschiedene sich darin wiedererkennen. Es erklärt aber auch, warum die Dialoge der Blochs, ihr ständiges Aneinandervorbeireden so exzessiven Raum einnimmt, dass manch Leser stöhnt, 300 Seiten weniger hätten es auch getan.

Verwerfungen einer Ehe und das Beben einer Region

Dabei ist der Scheidungsprozess nur ein Strang des Schmökers, als Höhepunkt einer chronisch dysfunktionalen Familie. In der die Bar Mizwa des ältesten Sohnes auf der Kippe steht, weil er wegen des Gebrauchs einiger schlimmer Worte von der Schule fliegen könnte. Und der Urgroßvater, ein Überlebender des Holocaust, sich überlegt, ob er noch ins Seniorenheim ziehen oder gleich aus dem Leben scheiden soll. Oder doch erst nach der Bar Mizwa – wenn sie denn stattfindet.

Irgendwie scheint Foer der privaten Story allein aber nicht getraut zu haben. Er bettet sie in eine zweite, politisch hochbrisante ein. Eine, die schon im ersten Satz angedeutet wird, die man aber erst nicht glauben mag und die dann auch erst nach gut der Hälfte eintritt: Israel wird zerstört. Ein Erdbeben der Stärke 7,6 lässt nicht nur die Klagemauer und die Grabeskirche einstürzen, in der Folge eskaliert der Nahost-Konflikt zum offenen Krieg.

Eine alttestamentarische Versuchung

Das wäre der Moment, wo Individuen möglicherweise innehalten würden. Weil sich im Schock solcher Katastrophen die eigenen Probleme ja doch als recht klein erweisen. Das würde man zumindest erwarten, wenn einige Verwandte just aus Israel zur Bar Mizwa angereist sind. Aber, das ist die große Zumutung, die Foer dem Leser auferlegt: wie es den Angehörigen in Israel ergeht, interessiert die Protagonisten nicht. Die Blochs sezieren weiter in quälden langen Dialogen – wahrlich ein „All Talk“ – die Reste ihrer Ehe.

Am Ende ruft der israelische Premier alle Juden der Welt auf, für Israel in den Krieg zu ziehen. „Hier bin ich“ ist damit auch ein Buch über das Ringen um die jüdische Identität und das Verhältnis der amerikanischen Juden zum jüdischen Staat. Wobei das Ganze sogar alttestamentarische Züge annimmt: „Hier bin ich“, das sagt auch Abraham im 1. Buch Mose, als Gott ihn versucht und seinen Sohn als Opferlamm fordert. Aber auch das Einstehen für Israel bleibt nur eine Versuchung.

„Hier bin ich“ ist das Buch zweier Mittlebenskrisen. Das der Romanfigur Jacob und das ihres Erfinders. Vom missionarischen Eifer seines Vegetarier-Sachbuchs „Tiere essen“ ist Foer wieder weg. Der Titel seines neuen Buchs signalisiert ausrufezeichenstark seine Rückkehr in die Literatur. Bleibt nur zu hoffen, dass er bald von der allzu offensiven Nabelschau weg zu früheren Erfolgen zurückfindet.

Jonathan Safran Foer: Hier bin ich. Kiepenheuer & Witsch, 688 Seiten, 26 Euro. Lesung mit Jonathan Safran Foer am 31. Januar, 20 Uhr, im Haus des Rundfunks, Masurenallee 8–14