Konzert in Berlin

Erdmöbel feiern eine ausgelassene Weihnachtssause

Erdmöbel zeigen beim Konzert in Prenzlauer Berg, wie man Weihnachten guten Gewissens feiern und sogar Spaß dabei haben kann.

Komische Weihnachtsmänner: Erdmöbel

Komische Weihnachtsmänner: Erdmöbel

Foto: dpa

„Lustige Shows mit traurigen Liedern", nannte Sänger Markus Berges einmal die Weihnachtskonzerte, die ihn mit seiner Band Erdmöbel seit zwei Jahren in der Adventszeit durch die Bundesrepublik führen. Der vorletzte Auftritt der diesjährigen Tour findet im Frannz Club im Prenzlauer Berg statt. Über der Bühne hängt ein großer goldener Stern, von den Mikrofonständern baumeln Christbaumkugeln. Müsste das nicht cooler aussehen, wenn eine Indie-Band ein Weihnachtskonzert spielt?

Erdmöbels besonderes Verhältnis zum Fest der Liebe begann vor ziemlich genau zehn Jahren. Damals deutschten die Kölner, die zu diesem Zeitpunkt bereits vier Alben voll sprachgewaltigem Indie-Pop veröffentlicht hatten, „Last Christmas“ von Wham auf einzigartige Erdmöbel-Art ein. Bittersüß, kauzig und fast noch eingängiger als das verfluchte Original: „Weihnachten ist mir doch egal/ Ich bin drei Karat Kaugummiautomat/ Schenk mir, ohne Papier, dein billiges, billiges Herz.“ Seitdem haben sie fast jedes Jahr einen neuen Weihnachtssong ins Netz gestellt, eine Zusammenstellung der Lieder erschien 2014 unter dem Titel „Geschenk“.

Eröffnung des heutigen Abends ist „Nonstop Christmas“, eine Hommage an die Feiertags-Fahrstuhlmusik von James Last & Co. Berges Songwriting-Partner Ekki Maas hat sich für die Tour extra einen langen weißen Bart wachsen lassen. Wer die Band nicht kennt könnte meinen, sie mache sich lustig, tatsächlich ist sie weit davon entfernt, Anti-Weihnachtslieder zu schreiben. Erdmöbels Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass Weihnachten mit seinen Begleiterscheinungen, dem Kitsch, dem Konsumterror, dem Besuchs- und Besinnlichkeitszwang, eigentlich unerträglich ist, aber trotzdem Seiten hat, die man nicht missen möchte. Die schön und sinnvoll erscheinen. Oder einfach tief in einem verwurzelt sind.

Mehr Karnevals- als Festtagsstimmung

„Das folgende Lied handelt davon dass man Weihnachten nicht entfliehen kann“, kündigt Songwriter und Romanautor Berges das wunderschöne „Weihnachten in Tamariu“ an. Es folgen poetische Momentaufnahmen eines Paares, das dem Trubel mit einem Urlaub an die Costa Brava entkommen möchte. Bei einem Spaziergang im Regen bleiben die beiden vor dem Schaufenster eines Strandkiosk stehen, und sehen den Gummi-Schwimmtieren zu, wie sie nach und nach die Luft verlieren. Beim E-Mails checken schneien plötzlich pixelige Flocken über den Bildschirm. „Kein spanisch Wort für Heimweh“ klagt Berges am Ende des Stücks und lässt zum ersten Mal die Gitarre aufheulen.

Andere Lieder haben überhaupt nichts mehr von der Melancholie, die vor allem die ersten drei Erdmöbel-Alben auszeichnete. Beim von Akkordeon angetriebenen Kinderlied "Ding Ding Dong (Jesus weint schon)" herrscht mehr Karnevals- als Festtagsstimmung. Die Band steigt sogar für eine Polonaise in die Menge. Es ist faszinierend anzusehen, wie auch jene, die sich eben noch geziert in einer Ecke verdrückten, den Erdmöbeln bald in Schlangenlinien durch den kleinen Club folgen. Eine ausgelassene Weihnachtssause, die auch etwas von Lach-Yoga und Gruppentherapie hat. „Wir alle freuen uns aufs Christkind" stimmen die Besucher mit Berges ein, der ihre Weihnachtswünsche in einen Song improvisiert. „Wir freuen uns auf: „Massagegutschein.“ „Neues Auto.“ „Bedingungsloses Grundeinkommen.“ Sehr nett, sehr harmlos, ein bisschen spießig. Und gleichzeitig doch immer noch zerrissen zwischen ironischer Brechung und reiner kindlicher Freude.

Zum Glück vereint kurz darauf Erdmöbels eingedeutschtes „Last Christmas“ endlich alle Gegensätze. Während 90 Prozent der Besucher bei Tageslicht darauf beharren würden, das Original abgrundtief zu hassen, singen sie die Erdmöbel-Version, die sich nur durch den Text unterscheidet, aus tiefster Seele mit. Die erlösende Botschaft des ambivalenten Covers: Weihnachten ist schon gut so, wie es ist. Die Liebe. Die Besinnung. Und ja, verdammt noch mal, auch die Geschenke und der ganze andere Mist! Erdmöbel zeigen, wie man Weihnachten guten Gewissens feiern und sogar Spaß dabei haben kann. Man muss es eben nur auf seine eigene Weise tun. Gemischte Gefühle gehören dazu.