Kultur

Philharmoniker mit einer spärlichen „Siegfried“-Idylle

Sir Simon Rattle experimentiert und kommt mit 13 Musikern aus

Richard Wagners „Siegfried-Idyll“, mal ganz anders: nicht in der bekannten Wohlklang-Version für großes Orchester, sondern in knochiger Minimalbesetzung. Nur 13 Berliner Philharmoniker hat Sir ­Simon Rattle vor sich sitzen. Es ist ein typisches Experiment des englischen Dirigenten, ein Experiment um des Experiments willen. Richard Wagner selbst hat in ähnlich kleiner Besetzung die Uraufführung besorgt, um seiner Frau Cosima zu ihrem 33. Geburtstag eine Freude zu machen – im dezemberkalten Treppenhaus der Triebschener Villa am Vierwaldstätter See; die Noten sollen die Musiker damals aus Platzmangel angeblich mit Wäscheklammern am Rücken der Vorderleute befestigt haben. Später hat sich der Komponist dann von dieser in aller Eile einberufenen Treppenhausbesetzung klar distanziert.

Ein Grund mehr für Rattle, diese Kammerensemble-Version in der Philharmonie auszuprobieren. Doch auch ohne Wäscheklammern wird schnell deutlich, warum diese Kleinstbesetzung mit 13 Solisten gegenüber dem großen Orchester kaum Vorteile haben kann: Solange die fünf Streicher allein spielen, entstehen zwar durchaus kammermusikalische Intimitäten, eine überzeugende Mischung mit den hinzutretenden acht Bläsern ist aber nicht möglich. Es ist eine spärliche „Siegfried“-Idylle, die sie erzeugen, eine Idylle, die zerbrechlich und vergänglich wirkt.

Dass Rattle danach den 1. Akt von Wagners „Walküre“ bringt, liegt inhaltlich ziemlich nahe. Schließlich erzählt der Komponist hier, auf welch verwickelten Wegen es überhaupt zur Geburt des Helden Siegfried kommen konnte. Glücklicherweise darf das Orchester nun in voller Stärke antreten. Recht artifiziell mutet noch die Gewitterszene zu Beginn an, jenes grässliche Unwetter, vor dem Siegmund notgedrungen Unterschlupf sucht, um nach langer Zeit der Trennung seiner Schwester Sieglinde ganz unerwartet wiederzubegegnen. Eva-Maria West­broek verleiht dieser Sieglinde wuchtige Durchschlagskraft. Die Mittellage der Niederländerin wirkt kunstvoll schattiert, ihre Höhe voluminös strahlend. Simon O’Neills Siegmund dagegen tendiert zu kerniger Schlankheit und artikulatorischer Strenge. Wieder ganz anders Sieglindes Ehemann Hunding, der den Eindringling Siegmund heftig ankeift: Geräuschhaft expressiv steigert sich Bassist John Tomlinson in diese Rolle. Der Engländer erzeugt eine derartig drückende Schwärze, dass dem Publikum der Atem stockt.

Und die Philharmoniker? Was Tempo und Lautstärke angeht, präsentieren sie sich an diesem Abend bemerkenswert sängerfreundlich – und tragen dadurch wesentlich zum Triumph der drei Solisten bei.