Kultur

Die Frau fürs Absurde

Katharina Ziemke schafft es mit ihrer Malerei auf die Bühne – Domizil ist die Schaubühne am Lehniner Platz

Irgendetwas funkte im Kopf von Thomas Ostermeier, als er sich die Ölbilder von Katharina Ziemke das erste Mal anschaute. Die Figuren darin haben einen seltsam porzellanhaften Glanz, dazu all diese poppigen, unwirklichen Farben – dass deckte sich für den Theaterchef von der Schaubühne vermutlich mit seiner Idee von dramatischer Menscheninszenierung. Das Schöne ist, dass Ziemkes surrealen, eingefrorenen, angeschnittenen Szenerien über die Realität hinweg direkt in den Bereich unserer Imagination führen. Über eine Sammlerin besuchte Ostermeier die junge Künstlerin irgendwann in ihrem Atelier und verliebte sich – in „Dust“, ein Bild, das ein Kind zeigt, das kopfüber im Staub liegt.

Ein Kuriositätenkabinett voller Farben und Figuren

Mittlerweile ist Katharina Ziemke (37) als Malerin selbst eine Art „Bühnentier“ geworden und mit der Schaubühne künstlerisch verbandelt. Am Donnerstag wird sie dort in der ehemaligen „Universum Lounge“ – gleich rechts neben der Kasse – einen temporären Ausstellungsraum eröffnen. Der Titel „Too late. I got my face on“ spielt an auf eine umgangssprachliche Formulierung aus dem Englischen, die sich darauf bezieht, dass wir alle Masken tragen und Rollen spielen.

Wie unterschiedlich die blonde, langhaarige Künstlerin mit Techniken experimentiert, kann man gut sehen: Da entdecken wir ihre farblodernden, verrückten Kratzbilder, die uns an Kindertage mit der Schachtel voller Wachsmalstifte erinnern, dazu ihre monumentalen, transluzenten Tuschezeichnungen auf herrlich leichtem Reispapier.

In der Ecke begrüßen die Erzengel-Figuren „Gabriel“ und „Michael“, die in ihrer Kleidertracht aussehen als kämen sie aus einer XXL-Puppenstube namens Hölle. Und da gibt es diese gemalte „Wig“ (Perücke), Symbol der Verkleidung. „Strangers“ nennt sie ihre sechsteilige Serie auf Papier, fremd ist der Mann mit dem Elefanten im Hotel genauso wie das Mädchen mit der Schlange. Etwas somnambul scheinen sie durch die Welt zu wandeln. Und dann steht da auf dem Boden eine Pfanne, in der ein Mädchenkopf, Ton mit Wachs überzogen, geröstet wird wie im Fegefeuer. Ziemkes Welt ist bunt und theatralisch – ein Kuriositätenkabinett, voller Anspielungen auf das Theateruniversum mit seinen Absurditäten und Grausamkeiten.

Vom Bild auf die Bühne: Dieser Tage steht die 37-Jährige in Ostermeiers Inszenierung „Professor Bernhardi“ als eine Art Welterklärerin auf der reduzierten Bühne des Theaters am Kudamm wie in einem Versuchslabor. Alles weiß, nur wenige Möbel, ein Krankenhausbett, einige Tische, Stühle, nichts weiter. Der weiße Bühnenfond gleicht einer Leinwand. Also nimmt Ziemke sich einen Stuhl, steigt darauf und kritzelt mit schwarzer Kreide „Krankenhaus“ und „Privatklinik“ an diese Wand, im nächsten Akt wischt sie mit einem Lappen drüber, schreibt „Sprechzimmer“ mit bunter Kreide daneben. „Hier“, erklärt sie, „werden Räume durch Worte behauptet“. Und so ist sie in ihrem altmodisch rosa-puderfarbenen Kleid mit den weißen Turnschuhen als stille Performerin selbst Teil der Inszenierung geworden.

Für Ibsens „Volksfeind“ (2012) entwarf sie erstmals für das Bühnenbild an der Schaubühne Kreidezeichnungen auf schwarzem Grund. Figuren und Worte wie aus einer irren Versuchsanordnungen – purzelten da wie aus einem übervollen Kopf heraus. Diese Zeichen wurden von den Schauspielern im Laufe der Inszenierung mit einer Malerrolle übermalt und ausgelöscht. Nach der Vorstellung kam ein Bühnenmaler und stellte sie mithilfe einer Projektion wieder her.

In der „Möwe“, die seit März auf Tournee ist, stand Ziemke dann schon live auf der Bühne und zeichnete Landschaften auf eine Wand. „Es ist sehr spannend inmitten dieses Schaubühnen-Teams zu agieren“, erzählt sie. Als Künstlerin ist sie ja eigentlich die einsame Atelierarbeit gewöhnt. Sie verbringt jeden Tag in ihrem Studio, das in einem Hinterhof in der Pestalozzistraße liegt – nicht weit von der Schaubühne entfernt. Studiert hat sie übrigens in Paris auf der Ècole des Beaux-Arts, dann ging sie zurück nach Kiel, wo sie zu Hause ist. Nach einem Jahr wurde es ihr verdammt eng dort, alles „zu klein“, der Umzug in die Hauptstadt wurde unvermeidlich.

Es ist schon erstaunlich, wie Ziemke sich in den letzten Jahren aus ihren Bildern heraus in den dreidimensionalen Bühnenraum entwickelt hat. „Natürlich hängt das mit dem Theater zusammen“, weiß sie, „mit der Konfrontation mit dem Raum, den Stoffen und den Personen“. Ganz klar, in ein Bild kann man nicht hineingehen, nur hinein­schauen. Ein Zurück zu ihren Ölgemälden schließt sie aus. „Man entwickelt sich immer weiter“, findet sie. Könnte sie sich vorzustellen, einmal ganz zum Bühnenbild zu wechseln? „Das glaube ich nicht“, meint sie. Auch wenn das Schauspieler-Team toll sei und die Entwicklung auf der Bühne interessant. Eins will sie doch nicht hergeben – ihre Freiheit.

Eröffnung: Schaubühne am Lehniner Platz, Kurfürstendamm 153, 22. Dezember, 18 Uhr. Bis 27. Januar, täglich 16 bis 20 Uhr