Klassik-Kritik

Klaviervirtuose Denis Matsuev spielt luxuriös

Was ist eigentlich das Problem an Beethovens „Sturmsonate“ op. 31 Nr. 2? Vor anderthalb Jahren hatte der Russe Arcadi Volodos sie bei seinem Konzerthaus-Auftritt kurzfristig aus dem Programm geworfen und für Publikumsverwirrung gesorgt. Diesmal ist es nun Volodos’ Landsmann Denis Matsuev, der an gleichem Ort aus unerfindlichen Gründen die „Sturmsonate“ verweigert. Der aus Sibirien stammende Virtuose ersetzt sie durch Beethovens späte As-Dur-Sonate op. 110. Im ersten und dritten Satz hat Matsuev recht leichtes Spiel. Dank seiner intuitiven Gewichtstechnik vermag er, verführerische Gesanglichkeit und luxuriöse Klangflächen zu erzeugen. Der Nachteil dieses genießerischen Interpretationsansatzes wird allerdings im zweiten Satz und im Fugen-Finale deutlich: Es fehlen vor lauter Wohlklang die Ecken und Kanten, es fehlen Transparenz und existenzielle Dringlichkeit.

Rundum beglückend dagegen Tschaikowskys „Jahreszeiten-Zyklus“ zuvor. Sein spätromantischer Pedalklang, die weichen Bässe und leuchtenden Kantilenen passen nahezu perfekt zu den zwölf Monatsbildern. Dass Matsuev den Zyklus bietet, ist verdienstvoll. Selbst wenn man dabei den Eindruck nicht loswird, dass Tschaikowsky die schönsten Einfälle hatte, wenn er in Moll komponierte – und man daher diejenigen Interpreten verstehen kann, die eben diese melancholischen Kleinode aus dem Zusammenhang lösen. Das „Herbstlied“ in d-Moll beispielsweise (Monat Oktober), das Matsuev an diesem Abend mit einer poetischen Tiefe ausstattet, die er annähernd erst wieder in Rachmaninoffs a-Moll-Etüde op. 39 Nr. 2 im Zugabenteil erreicht.

Rachmaninoff und Tschaikowsky, aber auch Schostakowitsch und Liszt sind die Komponisten, mit denen Matsuev, der Gewinner des Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerbs 1998, zu Recht internationale Anerkennung erlangt hat. Probleme scheint der sibirische Virtuose dagegen mit der ausgefuchsten Motorik Strawinskys zu haben. Humorlos und brachial schwingt Matsuev in den „Petrusch­ka“-Ballettszenen seine Pranke – und verwandelt die Geschichte um jene zum Leben erwachte Marionette Petruschka in einen nicht enden wollenden Gewittersturm. Mindestens ein Dutzend Blumensträuße bekommt der Pianist danach von begeisterten Zuhörerinnen überreicht.