Kultur

Erfüllung in Afrika

Jürgen Vogel ist „Der weiße Äthiopier“. Und erzählt, was er bei den Dreharbeiten erlebt hat

Jürgen Vogel hat in jüngster Zeit eine Menge zu tun und das an ziemlich ungewöhnlichen Orten. Am ersten Weihnachtstag sieht man an ihn als Schurken Rattler, der in „Winnetou – Eine neue Welt“ Old Shatterhand auf RTL das Leben schwer macht. Gedreht wurde in Kroatien. In „Iceman – Die Legende von Ötzi“, der 2017 ins Kino kommen soll, kraxelte er kürzlich in Südtirol und Bayern auf Gletschern herum. Und im vergangenen Jahr konnte man Vogel in der Titelrolle der anspruchsvollen Berlin-Serie „Blochin“, sehen, die sein Freund und Produzentenkollege Matthias Glasner inszenierte.

Für „Der weiße Äthiopier“, der am heutigen Mittwoch im Ersten zu sehen ist, führte den Berliner der Weg nun, wie der Titel schon andeutet, nach Afrika. Vogel verkörpert in diesem Film einen zerrissenen Charakter. Frank Michalka saß wegen Bankraubs im Gefängnis. Nach seiner Freilassung überfällt er gleich wieder eine Bank, versucht aber gar nicht erst, mit der Beute zu entkommen, sondern lässt sich festnehmen und wirkt völlig apathisch. Als es zur Gerichtsverhandlung kommt, scheint die Lage eindeutig. Für Rechtsanwalt Weilandt (Thomas Thieme) ein Fall wie jeder andere. Aber seine Referendarin Sophie Kleinschmidt (Paula Kalenberg) meint, hinter dem hartnäckigen Schweigen des Angeklagten etwas entdeckt zu haben.

Ein afrikanisches Kinderlied, das sie ihm schickt, bricht den Bann. Stockend beginnt Michalka zu erzählen. Er berichtet von einer unglücklichen Jugend. Auf der Suche nach einer zweiten Chance ging er nach Afrika, fühlte sich zum ersten Mal in einer Gemeinschaft akzeptiert und verliebte sich in die junge Witwe Ayantu (Sayat Demissie). Dann musste er erleben, wie zerbrechlich auch dieses Glück war.

Der zurzeit im Fernsehprogramm fast schon omnipräsente Ferdinand von Schirach („Terror“) schrieb die Kurzgeschichte, auf der dieser Film basiert. Nach seinen Büchern entsteht auch gerade eine neue Staffel von „Schuld“, in dem Jürgen Vogel neben Moritz Bleibtreu spielt. Das Ergebnis ist im Falle von „Der weiße Äthiopier“ eine von Tim Trageser inszenierte vielschichtige Mischung aus Sozial- und Gerichtsdrama.

„Für mich war die Rolle eine Herausforderung, denn ich spielte jemanden mit einer Sprachstörung aus psychischen Gründen“, erzählt Vogel. Der Schauspieler spricht im Film ein wenig Amharisch. Das ist die Amtssprache und eine von insgesamt 80, die dort gesprochen werden. „Sie war sehr schwer zu lernen, weil es so weit weg davon ist, wie wir sprechen. Das Land war ein echtes Erlebnis, ich war überrascht, wie hoch es liegt“, sagt Vogel.

Von der Hauptstadt Addis Abeba, auf 2300 Meter Höhe ging es weiter nach Dire Dawa. Von dort wanderte das Team oft noch zu anderen Drehorten. Trotz der Strapazen genoss Vogel die Gastfreundschaft. „Man musste schon fit sein. Es ist gebirgig, eine wahnsinnig schöne Natur, ein sehr offenherziges Volk. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie nett die Menschen dort sind.“

Keine Probleme zwischen Christen und Muslimen

Die Art der Lebensführung der Äthiopier und die in der Gesellschaft herrschende Toleranz haben den 48-Jährigen beeindruckt. „Die Menschen müssen mit ganz wenig auskommen, tun das aber mit sehr viel Würde und Respekt. Die Religion ist für sie enorm wichtig, um ihre Hoffnung nicht aufzugeben.“ In Äthiopien leben orthodoxe Christen und Muslime ohne große Konflikte miteinander.

Die Situation in Äthiopien hat Vogel bewegt. „Es gibt dort ebenso große Möglichkeiten wie Schwierigkeiten.“ Man müsse konkret helfen, findet er, denn: „Je mehr wir tun, desto mehr Schutz haben wir vor allen Auswüchsen einer ungerechten Gesellschaft. Niemand erwartet, dass sich alles innerhalb kurzer Zeit klärt. Schlimm ist, dass es kein wirklich großes Konzept gibt. Ich glaube, die Rettungsschirme unterstützen eher die Banken als die einfachen Leute“.

„Der weiße Äthiopier“ ARD, heute, 20.15 Uhr