Kultur

Europapremiere nach 61 Jahren

„Marinka“ von Emmerich Kálmán, halb szenisch eingerichtet von Barrie Kosky

"Only one Touch of Vienna" singt das Sängerquartett zu der walzernden Begleitung des Orchesters. Bei der Zugabe tanzen die Köpfe der Zuschauer zur Musik. "Marinka" von Emmerich Kálmán, 1945 in New York uraufgeführt, war bis zu diesem Abend in der Komischen Oper, noch nie in Europa zu erleben. Im Publikum sitzt die Tochter des Komponisten, Yvonne Kálmán.

Mit 245 Aufführungen war Kálmáns Bühnenwerk fürs amerikanische Publikum ein Erfolg. Obwohl es offiziell als "Romantic Musical" bezeichnet wurde, besinnt sich die Musiksprache noch auf die Wiener Operettentradition.

Kálmáns Sehnsucht nach der Alten Welt spiegelt sich deutlich in "Marinka" wider. Der berühmte Doppelsuizid des österreichischen Kronprinzen Rudolph und seiner Geliebten, der 17-jährigen Baroness Marie Alexandrine von Vetsera ("Marinka"), bekommt hier eine komische Wendung: Anstatt als Leichen im Jagdschloss vom Franz Joseph I. zu enden, wandern sie nach Amerika aus, um Bauern zu werden. Als Erzähler fungiert der Sohn des Leibfiakers Josef Bratfisch, welcher laut Legende den Kaiser von der Affäre seines Sohns informierte. Statt einer Kutsche fährt Bratfisch junior einen Schulbus.

Das Musical wird an der Komischen Oper auf vier Figuren und eine halb szenische Einrichtung des Intendanten Barrie Kosky reduziert. Die Partitur – die einzige, welche Kálmán nicht selber orchestrierte – wurde hier vom Theater- und Jazzmusiker Ferdinand von Seebach neu instrumentiert. Bereits in der Ouvertüre unter der Leitung von Koen Schoots erlebt man die Verschmelzung von Wiener Walzer und Broadway-Optimismus, was das ganze Werk prägt.

Entzückend, wie alle vier Darsteller Energie ausstrahlen ohne ihre Charakterisierungen zu überspitzen. In Bratfischs Nummer "The Cab Song" hüpfen sie auf ihren Sitzplätzen, als wären sie auf einer holprigen Fahrt. Die von Ruth Brauer-Kvam (Marinka), Peter Bording (Josef Bratfisch) und dem Hausdramaturgen Ulrich Lenz an die Gegenwart angepassten Dialoge bringen witzige Momente, vor allem als Brauer-Kvam Bordings Erzählung auf freche Weise unterbricht: "Was weißt du, mit deinem komischen holländisch-amerikanischen Akzent?" fragt sie mit ihrem wienerischen Tonfall.

In zwei verschiedenen paillettenbesetzen Kleidern singt sie in einem durchaus authentisch amerikanischen Musical-Stil. Ihre Spitzentöne schießen angenehm in der ersten Solo-Nummer "My Prince Came Riding" heraus. Bording vereint einen gepflegten Opernbariton mit der Direktheit des Sprechtheaters. Talya Lieberman, Mitglied des Opernstudios der Komischen Oper, hat kein Problem mitzuhalten, sie verkörpert die Gräfin Landowska. Dass sie bei ihrem zweiten Einstieg in "When I Auditioned for the Harem of the Shaw" leicht verspätet ist, wird gleich vergessen. Als Kronprinz ist der junge Tenor Johannes Dunz überzeugend adelig und leicht verletzlich. Er schwärmt im Duett "Sigh by Night" von seiner Geliebten. Die Reduzierung des Sprechtexts in der 80-minütigen Vorstellung ist eine wunderbare Gelegenheit, diese kaum gespielte Partitur kennenzulernen. Das kompakte Format ist ein gutes Vehikel, um das Publikum an dieses ungewöhnliche, operettenhafte Musical heranzubringen.

Komische Oper, Behrenstr. 55–57, Mitte. Karten: 4799 7400. Termin: 30.12.

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