Heimathafen Neukölln

Wie die Gebrüder Boateng zu Legenden wurden

Diese Familie ist eine Berliner Fußballlegende – Jérôme, Kevin Prince und George. Jetzt kommt ihre Geschichte auf die Bühne.

Die drei Boateng-Brüder auf einer Haus-Fassade in Berlin

Die drei Boateng-Brüder auf einer Haus-Fassade in Berlin

Foto: Getty Images / AFP/Getty Images

Der Käfig ist die Bühne. Die Bühne einer Urszene, eines Zweikampfs auf engstem Raum zwischen zwei Brüdern. Jérôme gegen Kevin Prince, Kevin Prince gegen Jérôme. Bei strömendem Regen, bei Kälte. Hausaufgaben egal. Hauptsache Fußball. Im Käfig kann Kevin Prince die Trostlosigkeit vergessen. Die Gewalt in den Straßen, die Mutter, die zu Hause sitzt, von Hartz IV lebt, den leeren Kühlschrank, die enge Wohnung. Es sind die 90er-Jahre in West-Berlin, und wer wie er im Wedding aufwächst, kennt den Kudamm nur vom Hörensagen. Und Jérôme, der Wilmersdorfer Junge, kämpft. Er will beweisen, dass er mithalten kann mit seinen Halbbrüdern, vor allem aber mit dem anderthalb Jahre älteren Kevin Prince.

Vor vier Jahren erschien das Buch „Die Brüder Boateng – Drei deutsche Leben zwischen Wedding und Weltfußball“. Eine Familiengeschichte, ein Drama. Ein Epos über den Wedding und über Wilmersdorf und über die Welten, die dazwischen liegen. Tatsächlich ist die Geschichte der beiden erfolgreichen Fußballer Boateng, des guten Jungen und des vermeintlich bösen, inzwischen ein fester Bestandteil der jüngeren deutschen Fußballgeschichte.

Jetzt wird der Mythos um den Käfig an der Panke, in dem alles begann, wieder zur Bühne – allerdings nicht im Wedding, und nicht hinter Gittern: Die Regisseurin Nicole Oder inszeniert die Geschichte für den Heimathafen Neukölln – und hat die Aufführung in eine Probebühne am Hermannplatz verlegt. Zweiter Hinterhof, ein paar Kellertreppen nach unten. Einfaches Bühnenbild, ein paar Musikboxen am Rand, ein Mischpult, ein grauer Tanzboden. Kein Ball. Tanzen ersetzt das Kicken, transportiert die Energie.

"Bo-bo-bo-bo Boa Clan"

Wenn man das Ende kennt, erscheint der Mythos der Brüder Boateng, vor allem aber Jérômes, fast zwangsläufig. Aber wenn das Leben nur ein bisschen anders gespielt hätte, würde keiner die Brüder kennen, die heute an einer Brandmauer in der Prinzenallee auf einem Bild riesenhaft verewigt sind. Dass George ursprünglich der Beste war, ist heute kaum noch vorstellbar. Und ausgerechnet er, der den Brüdern den Weg für den Erfolg frei machte, ist derjenige, der aus dem Raster fiel. Den Absturz gerade noch abwenden konnte, der heute Hunde züchtet und als BTNG Rapmusik macht: „Du bist einer von uns und auf einmal ein Star – Bo-bo-bo-bo Boa Clan/ Die ganze Welt, sie kennt unseren Namen – Bo-bo-bo-bo Boa Clan/ Egal was wir machen, wir machen Alarm – Bo-bo-bo-bo Boa Clan.“

Drei Brüder, zwei Mütter, ein Vater. Vater Prince Boateng wird 1953 in Ghana geboren und kommt Anfang der 80er-Jahre nach West-Berlin, schlägt sich mit DJ-Jobs durch und lernt seine Freundin Tine kennen. 1982 bekommen sie einen Sohn, George, fünf Jahre später, die Scheidung ist fast schon durch, kommt Kevin Prince zur Welt. Dann lernt Prince in der U9, Amrumer Straße, Nina kennen. Diesmal ist es die Richtige, denkt er, und ein Jahr später wird Jérôme geboren. Obwohl die Brüder nur wenige Kilometer entfernt voneinander leben, dauert es lange Jahre, bis Jérôme seine beiden Brüder kennenlernt – und Kevin Prince seinen Vater. Neun Jahre alt ist er, als Jérôme an der Panke auftaucht und mit den beiden Fußball spielen will. Aber im Käfig treffen erst mal zwei Welten aufeinander: Wilmersdorf und Wedding.

Der Bühnen-Kevin macht sich lustig über Jérômes goldene Turnschuhe, lacht laut: „Wo bist du her? Wilmersdorf? Und da haben die dir beigebracht, so zu spielen, Weichei?“ – „Spielt ihr denn nicht im Verein?“, fragt Jérôme, und: „Habt ihr keinen Schiri?“ – „Wilmi, hier gibt’s keine Schiris. Wir sind unsere eigenen Schiris!“ Das Leben im Käfig ist ebenso ein Überlebenskampf wie das Leben im Kiez. Die meisten hier leben von Stütze oder von Einbrüchen. Kevin Prince sagt: „Hier bist du Gangster, Drogendealer oder eben Fußballer.“

Dabei wächst auch Jérôme keineswegs in einer heilen Welt auf, auch er ist ein Scheidungskind: Die Eltern trennen sich, als er fünf ist. Betroffen liest die Mutter später in einem Interview, dass die Trennung „das schlimmste Erlebnis seines Lebens“ gewesen sei. Doch sein Vater hält den Kontakt, geht mit zu Spielen, versucht ihn zu trösten, wenn er wieder einmal auf dem Platz rassistisch beleidigt wird.

„Mach den Neger fertig!“

Bei einem Pokalfinale gegen Köpenick in der D-Jugend von Hertha ist Jérôme als Stürmer auf dem Platz, am Spielfeldrand steht der Vater des Köpenicker Verteidigers und brüllt ständig: „Mach den Neger fertig!“ Jérôme fängt an zu weinen – auch weil der Schiedsrichter nicht einschreitet. Aber sein Vater ist da und richtet ihn auf. Womöglich ist dieses Erleben eines Haltes der wichtigste Unterschied zwischen Jérôme und seinen Brüdern.

Während sich bei Kevin Prince und Jérôme schon die künftigen Karrieren abzeichnen, läuft das Leben von George aus dem Ruder. Kleinkriminalität und Gewalt statt Schulabschluss. Mit Anfang 20 landet er nach einer Schlägerei für acht Monate in Untersuchungshaft. „Kevin und ich haben immer so getan, als ob wir unseren Vater nicht brauchen würden, aber das stimmte natürlich nicht. Den Vater kann man nicht ersetzen. Und im Wedding weißt du, was dich erwartet, wenn du keinen hast, der dir den Weg zeigt.“

Jérôme hat jemanden, der ihm den Weg zeigt: Kevin Prince. Und Kevin Prince hat George. Der George auf der Bühne sagt: „George hat sich aufgeopfert für seine Brüder, ihnen den Weg frei gemacht. Er hat das Geld nach Hause gebracht, für Respekt auf der Straße gesorgt.“ Nur so hat es funktioniert.

Gut kicken können viele, Stars werden wenige

2007 lassen sich die Brüder eine Tätowierung stechen: die Umrisse Afrikas mit der Landesgrenze Ghanas. Das Tattoo auf ihren Oberarmen soll sie verbinden, auch wenn sich ihre Lebenswege trennen. Kevin Prince wechselt nach London, Jérôme nach Hamburg. George bleibt in Berlin. Auch die Karrieren trennen sich: Zu verdanken hat Jérôme seine Karriere nicht nur Talent und Ehrgeiz. Sondern auch seiner Anpassungsfähigkeit: Erst hat er sich den rauen Sitten im Wedding angepasst, später der Disziplin des Profifußballs.

Die Geschichte der Brüder ist ein Gleichnis darüber, wie Umstände die Karriere bestimmen können: Gut kicken können viele, Stars werden wenige. Während Kevin Prince und Jérôme in aller Welt gefeiert werden, ist es um George, vielleicht der talentierteste der drei, still geworden. In den entscheidenden Jahren hatte er das Pech, dass die Zeit ihm hinterher ist: Zwar spielen anfangs alle drei Brüder bei Hertha BSC. Aber Kevin Prince und Jérôme gehören zu den ersten Jahrgängen, in denen die systematische Nachwuchsarbeit des DFB greift. Bei George hingegen ist Integration noch kein politisches Thema, und Vereine wie Hertha BSC überlassen die Talente weitgehend sich selbst.

So gesehen steht die Geschichte der Boatengs auch für ein Land, das zwar schon lange ein Einwanderungsland ist, das dies aber erst seit ein paar Jahren überhaupt zur Kenntnis nimmt. Wobei eine Frage offenbleibt: Muss man gutbürgerlich aufwachsen, um den streng normierten Weg in die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zu finden? Oder ist gerade das Gegenteil der Fall: Hätte Jérôme es geschafft, wenn er nie in den Wedding gekommen wäre?

„PENG! PENG! BOATENG! Drei Brüder zwischen Wedding, Wilmersdorf und Weltfußball“, Karten und Termine unter: www.heimathafen-neukoelln.de