Kultur

„Tatort“: Ein Schauerstück aus der Welt der Start-ups

Im neuen Fall aus Frankfurt ermitteln die Kommissare in einem bizarren Nachbarschaftsstreit. Es wird hinreißend albern

Eine ältere Frau, sie heißt Betti Graf, kommt aufgelöst ins Polizeirevier. Ihr Nachbar Abendroth ist verschwunden. Einfach nicht zur Rommé-Runde des rüstigen Nachbarschaftstreffs aufgetaucht – das kann schon einmal für Panik sorgen. Also rückt die Polizei aus, und sie findet am Wohnort des Vermissten auch durchaus verdächtige Zustände vor. Etwa tote Katzen im Gefrierschrank des verhaltensauffälligen Anwohners Nils Engels (Jan Krauter). Der ist ein von Paranoia getriebener Mann und steht auf die Totalüberwachung seines Grundstücks. Seine Nachbarn mögen ihn nicht.

Logisch, es verschwinden ja auch ständig Haustiere. Auch mit Abend­roth hatte Engels Krach, es ging um das bei Nachbarn beliebte Thema Gartenbewuchs. Der übergroße Baum als größtmögliche Provokation – aber bringt man deswegen jemanden um? Eine Leiche gibt es (erst einmal) jedenfalls nicht. Weshalb dieser Sonntagabendkrimi zunächst in nicht unsympathischer Unentschlossenheit vor sich hin trottet, ehe er nach mehreren Twists zu einem gewaltigen Cyberkrimi-Schlussspurt ansetzt.

„Wendehammer“ heißt die „Tatort“-Episode. Sie stammt von der Frankfurt-Fraktion, und die wird derzeit von den Kommissaren Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) besetzt. Das Duo muss nicht etwa irgendein deutsch-deutsches Kriminalstück aufklären – der „Wendehammer“ ist vielmehr eine relativ prosaische Angelegenheit aus dem Stadtplan. Eine Sackgasse nämlich, im Falle des Frankfurt-Falles liegt sie in einem gehobenen Wohnquartier am Stadtrand.

In dem Krimi geht es um die Vollvernetzung der Welt, in der ein Hardcore-Neurotiker wie der seltsame Nils Engels mental noch mehr auf den Hund kommen kann als in der analogen Welt. Bald schon ist die Angelegenheit jedenfalls mehr als ein groteskes Gequengel unter wohl­situierten Großstädtern, nämlich ein Schauerstück aus der Welt der Start-ups, Programmierer und Hacker, mit dessen so fulminantem wie rätselhaftem Ende der „Tatort“ dann am ganz großen Rad drehen will. Die Drehbuchautoren hatten sicher viel Spaß mit diesem nie ganz ernst gemeinten Plot, dessen beste Teile aus dem ein oder anderen Filmzitat (Tarantino, Bond) bestehen. Hinreißend albern: Die bizarren Nachbarn, die auf ihre Weise genauso bekloppt sind wie Engels.

ARD, heute, 20.15 Uhr