Kultur

„Fiese Rollen machen Spaß“

Sebastian Schwarz spielt in der heutigen Premiere von „Professor Bernhardi“ an der Schaubühne. Ein Treffen

An der Schaubühne ist der Schauspieler unübersehbar. Sebastian Schwarz (32) ist sehr groß, sehr stattlich und sehr lässig. Offenbar sind ihm damit auch die Karrieristen-Rollen auf den Leib geschneidert. In der Premiere von Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ spielt er am heutigen Sonnabend den Gegenspieler, einen finsteren In­triganten. „Ich bin Professor Ebenwald und noch relativ frisch im Ärzteteam“, sagt Sebastian Schwarz: „Wir haben meine Rolle so angelegt, dass klar wird, dass ich ganz nach oben kommen will.“

Als ihm Schaubühnen-Intendant und Regisseur Thomas Ostermeier vor anderthalb Jahren das Stück zum Lesen gab und ihn fragte, welche Rolle er am liebsten hätte, wollte er diesen In­triganten spielen. „Ebenwald ist ein fieser Drecksack“, sagt er: „Aber solche Rollen machen am meisten Spaß.“ Ebenwald sei nicht nur ein Antisemit, sondern der Prototyp für alle, die alles benutzen, um Karriere zu machen. „Er ist extrem wertkonservativ, völkisch orientiert.“

Ein jüdischer Arzt und ein Pfarrer geraten aneinander

Bei Schnitzler spielt das Stück in einer renommierten Wiener Privatklinik um 1900. Direktor und Internist Bernhardi verweigert dem Pfarrer, einer Patientin die Sterbesakramente zu spenden. Die junge Frau ist im Delirium und glaubt, geheilt zu sein. Bernhardi möchte ihr die zutiefst menschliche Illusion lassen, der Seelsorger hingegen will seine christliche Pflicht erfüllen. Inzwischen stirbt die Patientin. Im folgenden politischen Skandal brechen unterdrückte Ressentiments hervor. Bernhardi gerät als Jude in die Schusslinie.

Die Schaubühne hat das politische Stück schon länger in der Pipeline, sagt Schwarz. Aber jetzt würde es genau in die Zeit passen. „Der Rechtspopulismus gewinnt an Einfluss und will die Kultur mit vereinnahmen. Das ist ein Thema, was das Stück über Umwege auch beschreibt.“ Schwarz erinnert an das Recherchestück „Fear“, in dem der Autor und Regisseur Falk Richter das Erstarken und die Sprache der Rechtspopulisten untersuchte. Die Produktion führte zur juristischen Auseinandersetzung mit der AfD. Die Schaubühne hat sich am Ende durchgesetzt. Eine ähnliche Botschaft sieht Schwarz jetzt auch bei „Professor Bernhardi“. Die meisten würden es sich zu leicht machen, so Schwarz, wenn sie sagen, die rechten Populisten werden nach der nächsten Wahl wieder verschwinden. „Den Populismus muss man ernst nehmen, weil er Ressentiments schürt. Es ist doch ganz klar, dass Bernhardi ein Opfer des Populismus ist und deshalb am Ende mit leeren Händen dasteht.“

Schwarz, der sich selbst einen Zweckoptimisten nennt, ist ein bemerkenswert politischer Schauspieler. Einer, der sich für die große und die kleine Politik interessiert, für Amerika wie Berlin. Er selbst ist SPD-Mitglied. Bereits als 18-Jähriger ist er in seiner Geburtsstadt Greiz eingetreten. „Die SPD war damals die einzige Partei, die sich um den Greizer Theaterherbst gekümmert hat. Damit konnte ich mich identifizieren.“ Bald darauf begann er seine Schauspielausbildung an der Berliner Ernst-Busch-Schule, wurde 2008 Ensemblemitglied der Schaubühne und gründete mit der Schauspielerin Marie Burchard eine eigene Familie. Im August haben sie ihr zweites Kind bekommen. Sie leben in Prenzlauer Berg. In den letzten Jahren sei sein politisches Engagement wieder intensiver geworden, sagt Schwarz: „Ich habe eine Lesung mit Sebastian Krumbiegel zu 25 Jahren Ost-SPD gemacht.“ Im Willy-Brandt-Haus sei er auf viele Gesichter getroffen, die er auch als Besucher in den Theatern kannte. Trotz allem denkt Schwarz über einen Parteiaustritt nach, spätestens dann, wenn es nach der kommenden Bundestagswahl wieder zu einer großen Koalition käme. Die möchte er nicht mittragen.

Natürlich reibt sich der Schauspieler auch an der Berliner Kulturpolitik. „Ich finde es richtig, dass über bestimmte Personalien nachgedacht wird, auch wenn bereits Verträge geschlossen wurden“, sagt er mit Blick auf Klaus Lederer, der als neuer Kultursenator die Intendanz von Chris Dercon noch einmal überprüfen will. „Das Thema Volksbühne ist überhitzt“, glaubt Schwarz, „manchmal klingt es, als ob das Haus in die Luft gesprengt wird. Auch ich finde die Signale, die Dercon aussendet, fraglich. Aber man darf nicht vorher alles kleinreden.“

Der Schauspieler hat „ein Superjahr“, wie er sagt, hinter sich, denn neben den Theaterproduktionen häufen sich auch die Film- und Fernsehprojekte. Am 24. Januar startet in der ARD die Serie „Frau Temme sucht das Glück“. „Das ist eine der schönsten Sachen, die ich überhaupt je gemacht habe“, sagt er. „Ich spiele einen Versicherungsangestellten, der einem dahinsterbenden Unternehmen mit seinen No-Limit-Versicherungen Auftrieb verleihen will.“ Auch diese Figur ist karriereorientiert, aalglatt. „Er ist aber auch unglaublich charmant.“ Darüber hinaus war Schwarz dreimal im „Tatort“ zu erleben, zuletzt in der Münchner Folge „Die Wahrheit“. „Es ist krass“, sagte er, „wie populär der ‚Tatort‘ ist. Das Tolle ist, dass die Reihe funktioniert und die Kommissare sich ausprobieren können. Sie sind nicht auf die Quote angewiesen, die stimmt sowieso.“ Zu einer Kommissar-Rolle würde Schwarz nicht Nein sagen. Im Januar beginnt er mit den Dreharbeiten zu einem Kinofilm, mit dem Katharina Wackernagel ihr Regiedebüt gibt.

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