Kult

Cowboy & Indianer: Treffen mit Winnetou und Old Shatterhand

Nik Xhelilaj und Wotan Wilke Möhring drehten zusammen die neuen Karl-May-Filme. Auch nach Drehschluss hielt die Freundschaft an.

Die Neuen: Nik Xhelilaj als Winnetou und Wotan Wilke Möhring als Old Shatterhand

Die Neuen: Nik Xhelilaj als Winnetou und Wotan Wilke Möhring als Old Shatterhand

Foto: RTL

Der eine hat schon als Kind von Winnetou geträumt, der andere hatte noch nicht mal von ihm gehört. Dann trafen sie bei den Dreharbeiten zu den Neuverfilmungen dreier „Winnetou“-Filme aufeinander (ab 25.12. um 20.15 Uhr auf RTL): der „Tatort“-Kommissar Wotan Wilke Möhring (49) und der albanische Schauspieler Nik Xhelilaj (33), der hierzulande durch den Film „Der Albaner“ bislang nur einem kleinen Publikum bekannt ist. Ein gutes halbes Jahr lang haben die beiden gemeinsam vor der Kamera gestanden. Dabei ist eine Freundschaft entstanden, die auch nach Drehschluss anhielt. Als Xhelilaj nach Deutschland zog, hat Möhring ihm sogar bei den Formalitäten geholfen. Und auch jetzt, beim Treffen im Palace Hotel, geben die beiden sich sehr vertraut. Das Gespräch springt dabei immerzu zwischen Deutsch und Englisch hin und her. Xhelilaj spricht eigentlich schon ganz gut deutsch, manchmal fehlen ihm aber die Worte, dann hilft Möhring. Manchmal scheint der schon zu ahnen, was der Kollege sagen will. So gut kennen sie sich mittlerweile.

Berliner Morgenpost: Cowboy und Indianer ist ja das ewige Jungensspiel. Wieso ist das eigentlich so?

Wotan Wilke Möhring: Ich glaube, das ist einfach dieses ewige Spiel mit dem Bekannten und dem Unbekannten. Dem Zivilisierten und dem Wilden. Die mit der besseren Bewaffnung und die mit der besseren Deckung. Die, die sich mit der Natur nicht so auskennen und ihr mit Gewalt begegnen müssen. Und die, die mit allen Naturkräften in Verbindung stehen. Das sind die Pole, die einen anziehen, das macht die Faszination aus.

Nik Xhelilaj: Bei uns in Albanien war das gar nicht so.

Möhring: Nein?

Xhelilaj: Nein, wir haben mehr Räuber und Gendarm gespielt.

Möhring: Aber da hast du ja eine ähnliche Reibung.

Xhelilaj: Wir hatten einfach nicht die Filme, die wir hätten nachspielen können. Aber wenn überhaupt, dann war ich eher der Cowboy, nicht der Indianer. In meiner Kindheit hatten wir gar keine rechte Vorstellung von Indianern. Ich hatte es mehr mit Clint Eastwood. Aber der spielte ja in Sergio Leones Italowestern. Und da gab es gar keine Indianer.

Möhring: Lustig. Ich hab mich immer für die Indianer entschieden. Die fand ich spannender.

Und wieso?

Xhelilaj: Wegen ihrer Lebenshaltung. Das Anschleichen. Die lautlosen Waffen. Die Verbindung mit allem Spirituellen, das fand ich als Kind alles viel spannender.

Dann sind Sie genau über Kreuz mit Ihren Rollen.

Möhring: Kann man so sagen. (beide lachen)

Herr Möhring, sind Sie mit den alten „Winnetou“-Filmen aufgewachsen?

Möhring: Natürlich. Und wie. Ich weiß auch gar nicht, was zuerst da war. Ob ich erst die grünen Bücher gelesen und dann die Filme gesehen habe oder umgekehrt. Aber ich habe nicht nur die Shatter- und Surehand-Western gelesen, auch die Kara-Ben-Nemsi-Sachen. Und wenn die Filme im Fernsehen liefen, war das immer ein großes Ereignis in der Familie. Mit meinen Brüdern und dem Vadder. Da hockten wir wie gebannt auf dem Sofa und hatten danach Tränen in den Augen. Und dann sind wir in den Garten, haben das nachgespielt und uns an den Marterpfahl gebunden. Ich hatte auch eine Musikkassette mit der Filmmusik direkt bei der Ausstrahlung aufgenommen. Und ich war sogar zwei Mal bei den Karl-May-Festspielen in Elspe. Die Plakate hingen in meinem Kinderzimmer. Das war ein ganz wichtiges Ereignis einer wohligen Kindheit.

Dann haben Sie Pierre Brice sogar live erlebt?

Möhring: Nicht nur das. Ich stand auch in der Schlange, um ein Autogramm zu bekommen. Das musste natürlich sein als Kind.

Und haben Sie das Autogramm noch?

Möhring: Ja, das muss noch irgendwo sein. Auf dem Dachboden meiner Mutter. Hab’s aber schon länger nicht mehr angeguckt.

Herr Xhelilaj, wie war das bei Ihnen?

Xhelilaj: Damit kann ich leider nicht dienen. Ich kannte Karl May gar nicht, weder die Filme noch die Bücher. Das ist ein ganz blinder Fleck.

Möhring: Das kann ich immer noch nicht glauben.

Xhelilaj: Das hatte wohl mit dem Eisernen Vorhang zu tun. Alles, was aus dem Westen kam, war verboten. In Kroatien waren die Filme natürlich bekannt, weil sie dort gedreht worden sind. Aber bis nach Albanien kam das nie. Es gab wohl ein paar Gelehrte, die die Bücher kannten. Aber sonst kaum jemand.

Was war dann Ihre erste Reaktion, als Sie das Angebot bekamen?

Xhelilaj: Ich musste erst mal googeln und mich schlau machen. Und dann war ich geschockt: Wo ist da die Verbindung? Das ist ein Indianer, ein Franzose hat ihn gespielt, ich bin Albaner. Aber das hat alles Philipp (Philipp Stölzl, der Regisseur) in mir gesehen. Ich wusste auch nicht, welche Bedeutung die alten Filme für die Deutschen haben.

Hätten Sie es gewusst, hätten Sie dann womöglich gekniffen?

Xhelilaj: Ach, das ist eigentlich bei allen Filmen dasselbe. Wenn du das Drehbuch liest, bist du voller Freude. Wenn es dann ans Drehen geht, dann kommen die Ängste. Du willst es richtig machen und weißt nicht, ob es dir gelingt. In diesem Fall war es vielleicht noch spezieller, weil die Anforderungen so hoch waren. Ich musste reiten, kämpfen, die Sprache lernen, auch die Körpersprache. Das hat mich allerdings so gefordert, dass ich gar keine Zeit hatte, darüber nachzudenken.

Und Sie, Herr Möhring, mit Ihrer Karl-May-Liebe und Ihrem Pierre-Brice-Autogramm, was haben Sie gesagt, als das Angebot kam?

Möhring: Das war eine Riesenfreude, das kann ich kaum beschreiben. Das ist wie die Erfüllung eines Kindertraums. Wobei ich mir als Kind nicht mal angemaßt hätte, davon zu träumen. Aber dann doch einmal in diese Figur schlüpfen zu dürfen, und dann noch auf einer sehr großen Bühne – das ist schon ein einmaliges Erlebnis.

Xhelilaj: Dabei hattest du es eigentlich viel schwerer. Ich musste ja nur den Indianer spielen. Aber du das Bleichgesicht und die Rothaut. Du wirst ja im Laufe der drei Teile immer mehr zum Indianer. Am Ende ist er mehr Apache als ich.

Möhring: Es ist ein Abenteuerfilm, ein historischer Film, ein Western – lauter Dinge, die man nicht so oft angeboten bekommt, schon gar nicht im deutschen Film. Und dann geht es auch noch um den Inbegriff einer völkerübergreifenden Freundschaft. Das muss man einfach machen. Dafür habe ich viel anderes sausen lassen. Andere Produktionen sind mir auch sehr entgegengekommen. Wir haben ja Monate lang gedreht, alle drei Teile hintereinander. Es ist jetzt schon ein Riesengeschenk, dabei gewesen sein zu dürfen. Auch wenn das noch nicht mal ausgestrahlt ist.

Nun kennen alle – zumindest in Deutschland – die alten Filme. Und alle werden vergleichen. Hat man da auch Angst?

Möhring: Na, ich gehöre ja auch zu den Leuten, die die alten Filme lieben. Und ob „Spider-Man“ oder „Jim Knopf“, alles wird ja noch mal neu verfilmt. Ich finde, das ist keineswegs ein Sakrileg, es gehört zu dem Mythos, damit er auch weiterlebt. Man rettet einen Stoff damit in eine nächste Generation. Das haben wir aus Liebe und Ehrfurcht gemacht. Aus keinem anderen Grund. Deswegen hoffe ich, dass viele, die die alten Filme liebten wie ich, sich entfachen lassen für diese Neuinterpretation. Und vielleicht mit ihren Kindern, die keinen Bock mehr haben, mit dem Papa die alten Filme zu gucken, endlich doch noch ein gemeinsames Fernseherlebnis zu finden. Wir wollen diese Fackel weiterreichen, damit sie nicht verlöscht. Das ist unser Hauptanliegen.

Wie war das bei Ihnen, Herr Xhelilaj? Hatten Sie Zweifel, dass die Mokassins, in die Sie da schlüpfen, zu groß für Sie sein könnten?

Xhelilaj: Für mich ist das nicht so das Problem. Wie gesagt, ich kannte die Filme gar nicht. Aber ich denke, das ist ein bisschen wie Shakespeare. Seine Stücke sind dafür gemacht und leben davon, dass sie immer wieder gespielt und neu interpretiert werden, überall auf der Welt. Und auch wenn Karl May sehr deutsch ist, sollte man nicht überrascht sein, wenn das vielleicht mal eine große Produktion in Amerika wird. Man muss das als ein Geschenk sehen, wenn man etwas Besonderes hat, das man immer und immer machen kann.

Wie war das denn, als Sie beide das erste Mal aufeinandertrafen?

Möhring: Philipp hatte wirklich, na ich will nicht sagen: die Eier, aber doch: die Vision, uns zusammen zu sehen, dass er uns nicht zuvor vorgestellt hat. Es gab kein Casting, kein Treffen. Wir haben uns wirklich erst am Dreh kennengelernt, in Kroatien.

Das hätte aber auch richtig in die Hose gehen können.

Möhring: Natürlich. Aber das spricht halt für Philipp, dass er wusste, das würde klappen.

Xhelilaj: (lacht) Du kamst rein mit diesem Gang und warst einfach Old Shatterhand. Es war ein sehr spezieller Gang ...

Möhring: … aber das ist halt meiner.

Xhelilaj: Ich dachte, da kommt ein großer Star an den Set und hat sich einen Gang für seinen Charakter ausgedacht. Es hat Respekt eingeflößt. Da wusste ich ja noch nicht, dass du wirklich so läufst. Aber er kam – und es hat Klick gemacht. Da war gleich Chemie, mir war klar, das wird eine lustige Reise zusammen. Tough, aber lustig.

Möhring: Und die Reise ist so viel lustiger, wenn man sie als Freunde macht. Das ist ja, das ist kein Geheimnis, nicht immer so. Zusammen lachen macht es dir leichter, auch lange Drehtage und schwierige Situationen durchzustehen.

Und nach all dieser Zeit, sind Sie auch privat so was wie Blutsbrüder geworden?

Xhelilaj: Ja, wir haben Blutsbruderwein getrunken, bei Wotan zu Hause, in Köln.

Blutsbruderwein?

Möhring: Es gibt tatsächlich eine Karl-May-Wein-Edition, die „Blutsbruder“ heißt. Die hat mir jemand geschenkt während der Dreharbeiten. Die habe ich bis zum letzten Drehtag aufgehoben.

Was die Winnetou-Bücher und -Filme so populär gemacht hat, ist die Tatsache, dass es um Freundschaft geht. Was bedeutet Ihnen Freundschaft?

Xhelilaj: Freundschaft ist enorm wichtig. Für mich ist es die Freude, ehrlich sein zu dürfen. Jemandem nichts vormachen müssen. Oder sich zu verstellen. Da darfst du ganz du selbst sein. Wenn du ehrlich bist, ergibt sich alles andere von selbst.

Möhring: Ich würde noch ergänzen: Du musst nicht Angst haben, wenn du ehrlich bist. Du musst nicht deine Worte auf die Goldwaage legen. In einer Beziehung kann das manchmal schwierig sein und zu Missverständnissen führen. Aber bei einer echten Freundschaft musst du nicht darüber nachdenken, du bist ja loyal.

Also sind Freundschaften einfacher als Beziehungen?

Möhring: Freundschaft muss ein großer Teil einer Beziehung sein. Aber da spielt halt auch noch anderes mit hinein. Ich sage: Wenn eine Beziehung in die Brüche geht – die Freunde bleiben. Mehr möchte ich dazu eigentlich gar nicht sagen.

Und würden Sie sich als Freunde bezeichnen? Das ist ja nicht unbedingt üblich im Filmbusiness. Da ist man beste Freunde, es fällt die letzte Klappe und dann sieht man sich nicht mehr.

Möhring: Diesmal nicht. Das war schon eine sehr spezielle Erfahrung. Die lange Drehzeit, die wir zusammen im Ausland waren, die für uns beide fremde Sprache, und dann diese extremen Dinge, in die Tiefe zu springen, Galopp zu reiten: Dabei ist diese Freundschaft, die wir spielen mussten, auch eine echte geworden.

Xhelilaj: Es war eine sehr lange Reise, die man nicht vergisst. Es ist jetzt auch schon weit über ein Jahr her, dass wir abgedreht haben, fast anderthalb. Und wir treffen uns immer noch sehr oft und gehen zusammen essen.

Herr Xhelilaj, Sie sind jetzt nach Berlin gezogen. Eine Folge von „Winnetou“ – oder hatten Sie das eh vor?

Xhelilaj: Ich habe die letzten Jahre in Istanbul gelebt und habe viele Freunde da. Aber nach den „Winnetou“-Filmen war für mich klar, ich muss jetzt hierherziehen. Ich muss jetzt nur noch richtig Deutsch lernen. Und diesmal ohne Indianer-Akzent.

Und Sie, Herr Möhring, helfen ein bisschen dabei.

Möhring: Ja, klar, das will ich jetzt aber nicht an die große Glocke hängen. Da ist ein großes Talent, das muss nur noch entdeckt werden. Da hilft man gern ein bisschen, aber es ist ja sein Verdienst. Ich bin mir auch ganz sicher, dass das nach der Ausstrahlung mit ihm hier Fahrt aufnehmen wird.

Wenn die drei Filme jetzt gute Quoten machen sollten, werden dann weitere Filme folgen? Werden Sie wieder in den Sattel steigen und in die Prärie reiten?

Xhelilaj: Ich wäre sofort bereit. Ich würde morgen am Set stehen.

Möhring: Ich auch. Keine Frage. Vieles wäre jetzt einfacher. Die Figuren stehen fest, die Kostüme sind geschneidert, die Pferde eingeritten. Und man wüsste dann auch, dass die Grundbotschaft angekommen ist und angenommen wurde.

Keine Angst vor Schubladendenken? Pierre Brice musste ja bis ins hohe Alter den Indianer geben.

Möhring: Nö, das hatte ich schon beim „Tatort“ nicht, das habe ich auch jetzt nicht. Da hat sich doch einiges geändert, das liegt auch an deiner Bereit­schaft, variabel zu sein. Den Mut zu haben, mit etwas zu brechen, anderes auszuprobieren.

Xhelilaj: Heute ist es doch eher so, dass du ganz schnell durch einen Jüngeren ersetzt wirst. Sei es Bond oder Spider-Man.

Die Filme werden jetzt ab erstem Weihnachtsfeiertag gezeigt. Warum, was glauben Sie, ist Fernsehgucken an Weihnachten nur so wichtig? Familien könnten ja auch etwas anderes gemeinsam tun?

Möhring: Ich glaube, das hat das Projekt überhaupt erst ermöglicht: dass man dachte, dabei kommt die Familie zusammen. Alle, die du kennst, sind ja über die Feiertage weg. Nämlich zu Hause, bei ihren Familien. Die Bescherung, der Gottesdienst, der Spaziergang. Das hat so was Verbindendes. Deshalb gibt es ja auch ständig die Wiederholungen der immer gleichen Filme. Die, von denen der Papa immer gesprochen und bei denen die Mama immer geheult hat. Das sind große Andockungsmöglichkeiten. Das ist, um in einem Indianerbild zu sprechen, ein großes, fast archaisches Lagerfeuer.

Xhelilaj: Es ist die Zeit, wo die Menschen am meisten an das Gute glauben und dafür auch offen sind. Und es geht in unseren drei Filmen ja gerade um Freundschaft und Frieden. Weihnachten ist für diese Botschaft deshalb der ideale Zeitpunkt.

Und was bedeutet Ihnen Weihnachten?

Xhelilaj: Da ich ja noch im kommunistischen System aufgewachsen bin, hatten wir zwar einen Baum und haben ihn auch geschmückt. Aber wir nannten das nicht Weihnachtsbaum, sondern Neujahrsbaum. Religion war ja eigentlich verboten und wurde nur von wenigen praktiziert. Aber diese Sehnsucht nach etwas Speziellem, die hatten alle. Ich habe aber erst in den letzten zehn Jahren richtig gelernt, was Weihnachten bedeuten kann.

Möhring: Ich habe drei kleine Kinder. Da spielt Weihnachten natürlich eine Riesenrolle. Dazu gehört auch die ganze Adventszeit, die Vorbereitung darauf und die Verinnerlichung, um das mal ganz klischeehaft zu sagen. Was uns halt die Natur draußen vormacht: Der Saft geht in die Wurzeln. Das passiert mit uns ja auch. Wir brauchen öfter Licht und müssen Kerzen anzünden, um dagegen anzukämpfen. Aber nichtsdestotrotz bleibt es in der Sammlung. Mit Kindern ist das ein tolles Fest. Wenn dann auch noch viel von der Botschaft rüberkommt – dass es darum geht, zu teilen und an andere zu denken, auch an solche, die Weihnachten nicht feiern können –, dann hat das schon eine große Bedeutung im Jahreszyklus. Das liegt natürlich an einem selbst, was man daraus macht.