Kultur

„Danke für Deine Nachricht“

In seinen Briefen zeigt sich Samuel Beckett liebevoll, zugewandt, großzügig, enthusiastisch und selbstironisch

Am 5. Februar 1965 macht sich Samuel Beckett auf den Weg nach Berlin. Er nimmt an den Proben von „Warten auf Godot“ teil, das im Schillertheater aufgeführt werden soll. Auf der Bühne steht die Theaterlegende Bernhard Minetti und spielt den Pozzo. Er gilt als der große Samuel-Beckett-Versteher, und das Unglück nimmt seinen Lauf.

„Habe noch nie so einen gottverdammten Schlamassel erlebt“, schreibt Samuel Beckett in einem Brief, drei Tage nach der Ankunft in der Stadt. „Wieder ein Beckett-Spezialist“, ärgert er sich über Minetti, er sei ein „regieresistenter Neurotiker“ und „absolut unmöglich“. Die Proben werden ein spektakuläres Desaster. Henning Venske, damals Regieassistent, erinnert sich in seiner Autobiografie, wie Samuel Beckett ihn leise fragte: „Was ist los mit Minetti? Warum will er mir immer mein Stück erklären?“

„Theaterregisseure mit dem Rücken an die Wand stellen“

Nichts verabscheut Samuel Beckett mehr, als so ausgiebig interpretiert und gedeutet zu werden, bis am Ende der Autor hinter dem Regisseur nicht zu erkennen ist, hierzulande seit jeher ein beliebtes Vorgehen. „Manchmal träume ich davon, alle deutschen Theaterregisseure mit vielleicht einer Ausnahme zu einem zusammenzufassen, mit dem Rücken an die Wand zu stellen“, schreibt er 1960, „und ihm alle fünf Minuten eine Kugel in die Eier zu schießen, bis ihm die Lust am Autorenverbessern vergeht.“ Zu erwähnen sind noch zwei Dinge: Das Stück wurde in Berlin bei der Premiere gefeiert, Minetti aber ausgebuht. 1975 inszenierte Beckett selbst „Warten auf Godot“ in Berlin, die Aufführung mit Horst Bollmann, Klaus Herm und Stefan Wigger wurde legendär.

Knapp 20.000 Briefe haben die Herausgeber zusammengetragen, Samuel Beckett hat wohl noch deutlich mehr geschrieben, die Briefe an seine Frau Suzanne Dechevaux-Dumesnil existieren nicht mehr. „Wünsch Dir nicht, daß ich mich ändere“ ist der dritte Briefband betitelt, den Suhrkamp veröffentlicht, er umfasst die Jahre 1957 bis 1965. Die Ausgaben sind für ihre editorische Arbeit nicht genug zu bewundern. In zahllosen Fußnoten ordnen die Herausgeber die Briefe ein. Anstrengend genug muss es gewesen sein, seine Handschrift zu lesen. In einer Antwort an ihn heißt es: „Ich fand es schon schwierig, Ihnen zu schreiben, aber viel schwieriger war es für mich, Ihren Brief zu lesen. Ich habe alles probiert, ihn zu entziffern, habe Spiegel benutzt, ihn auf den Kopf gestellt. Hier und da ragte ein Satz heraus. Der Rest war nicht zu lesen.“

Private Korrespondenz hat für Außenstehende den Vorteil, dass man einen Autor noch einmal neu kennenlernt, in diesem Fall neu lieben lernt. So karg und apokalyptisch Becketts Stücke gerade für die Zeitgenossen gewesen sein mögen – ihre Komik wurde später „erkannt“ –, so liebevoll, zugewandt, großzügig und selbstironisch zeigt sich der Ire in seinen Briefen.

Um seinen stetig wachsenden Freundes- und Bekanntenkreis kümmert er sich aufopferungsvoll. Stets beginnt die Korrespondenz mit „Danke für Deinen Brief“ oder „Danke für Deine Nachricht“. Immer wieder bietet er an, Reisen oder Tonbänder zu finanzieren, er schickt unverlangt Schecks an Freunde, wenn er Not vermutet. Absagen zu schreiben, nach „Warten auf Godot“ im Jahr 1952 ist er weltberühmt, gehört zu seinem Tagewerk, und er macht es formvollendet. Stets fühlt er sich geehrt von dem Anliegen, stets ist das Bedauern groß, das mit der Absage einhergeht. Interviewwünsche lehnt er kategorisch ab, „andernfalls nimmt das kein Ende“.

Er pendelt zwischen Paris und Ussy-sur-Marne, das Städtchen ist sein Sehnsuchtsort, „so oft wie möglich, nicht oft genug“ fährt er hin. Er ist geselliger, als er sich eingesteht, und Trinkfreudigkeit gehört dazu. In einer Nacht fährt er nach einem Abend mit Freunden betrunken nach Hause, und zwar so betrunken, dass er am nächsten Tag nicht weiß, ob er überhaupt das Auto benutzt hatte. Er findet es und ist verblüfft: „Habe nie besser eingeparkt.“

Ständiger Begleiter seiner Arbeit sind die Verzweiflung über das vermeintliche Unvermögen und das Gefühl der Überforderung. „Bin dieser Tage noch stumpfsinniger als sonst“, schreibt er in einem Brief, in einem anderen hält er fest: „Fühle mich völlig aus dem Gleis geraten, nicht dass ich jemals drauf war, meines Wissens.“ 1961 schreibt er: „Ich habe noch nie so sehr an meiner Arbeit gezweifelt.“ Diese Unsicherheit ist sein Lebensbegleiter, allerdings weiß er seine Larmoyanz auch zu bespötteln: „Morgen werde ich 52, das Ende naht.“

Im März 1961 heiratet er Suzanne Dechevaux-Dumesnil, mit der er seit 20 Jahren liiert war. Ein interessanter Schritt, hatte er doch 1958 die BBC-Hörfunkredakteurin Barbara Bray kennengelernt, die bis zu seinem Tod seine Gefährtin und Geliebte ist. Das Ganze gestaltet sich so schwierig, wie zu vermuten ist: „Du weißt, wie es ist, und dass ich vielleicht nicht so viel mit Dir sein kann, wie ich gern möchte“, schreibt er in einem Brief, die Herausgeber konstatieren: „Sein Ruhm wächst, und sein Privatleben wird immer komplizierter.“