Kultur

Gurlitts Bilder kommen nach Bern

München erklärt das Testament des Kunsthändlers für gültig. Doch nun greift auch das Kulturgutschutzgesetz

Vermutlich wird es wohl nicht mehr allzu lange dauern, bis dieser spektakuläre Kunstkrimi verfilmt wird. Der Fall jedenfalls ist abgeschlossen. „Weg frei für das Kunstmuseum Bern“, vermeldete am Donnerstag in einer geradezu emotionalen Erklärung das Oberlandesgericht München: Damit ist das Testament des Kunstsammlers Cornelius Gurlitt gültig. Somit kann die millionenschwere Kollektion aus Ölgemälden, Skulpturen und Zeichnungen an das Kunstmuseum Bern gehen.

Endlich können die Werke für sich selbst sprechen – geplant ist eine Ausstellung mit zeitgeschichtlichem Fokus – in Kooperation mit der Bonner Kunsthalle. Ursprünglich sollte sie bereits Ende des Jahres eröffnet werden – doch der Rechtsstreit blockierte den Termin. Auch in Berlin ist Erleichterung zu hören: „Diese Entscheidung hilft uns, die Aufklärung des Kunstfundes zügig und transparent fortzusetzen“, sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) am Donnerstag.

Als Alleinerben hatte der gebrechliche Gurlitt das Kunstmuseum Bern eingesetzt. Deutschland kam für ihn nicht infrage, weil er mit dem deutschen Staat abgeschlossen hatte. Gurlitts Cousine Uta Werner klagte sich in den letzten zwei Jahren durch alle Instanzen. Sie beansprucht Gurlitts Erbe und wollte verhindern, dass die Kunst nach Bern geht. Ihr Argument: Der alte Herr sei nicht mehr im Vollbesitz seiner Kräfte gewesen, als er seinen letzten Willen verfasste. Gar eine „verrückte Angst vor den Nazis“ attestierte sie ihm, die dazu geführt habe, dass ihr Cousin seine Kunst außer Landes geben wollte.

Der spektakuläre „Schwabinger Kunstfund“ schlug 2013 international hohe Wellen. Der ein Jahr später verstorbene Gurlitt, Sohn eines prominenten Kunsthändlers Hitlers, hatte in seiner Münchener Wohnung und seinem maroden Salzburger Haus rund 1500 Kunstwerke gehortet, darunter prominente Künstler wie Max Liebermann und Claude Monet. Daraufhin entbrannte eine hitzige Debatte über den Umgang mit von den Nazis geraubten Kunstwerken. Nicht nur das: Auch der schwer nachvollziehbare Aktionismus der Münchener Staatsanwaltschaft erregte die Öffentlichkeit. Eigentlich war der alte Mann den Steuerfahndern ins Netz gegangen. Doch die Existenz des bei einer Hausdurchsuchung „gehobenen“ Kunstschatzes wurde über anderthalb Jahre verschwiegen.

Schwierig gestaltete sich der Fall Gurlitt vor allem, weil niemand wusste, bei welchen Werken es sich um Raubkunst handelte. In Berlin wurde zu diesem Zweck eine Taskforce gegründet, ein Expertenteam, das jedes Exponat der beschlagnahmten Sammlung daraufhin prüfen sollte, ob es „NS-verfolgungsbedingt entzogen“ wurde. Nur wenige Werke wurden bislang restituiert.

Nun werden sukzessive die Kunstwerke im Museum in Bern eingehen. Doch wie sieht es jetzt mit dem Raubkunstverdacht aus? Werke mit heikler Provenienz bleiben in Deutschland bis zur Klärung. Ein großer Teil der Werke sei inzwischen durch die Provenienzrecherche, also frei von Raubkunstverdacht, so bestätigte es gestern Marcel Brülhart, Vizepräsident der Dachstiftung des Kunstmuseums. Doch bis sämtliche Werke „durchforscht“ sind, werden wohl noch zwei Jahre vergehen, vermutet er. Noch nicht abschließend geklärt ist beispielsweise die Herkunft eines hochkarätigen Gemäldes von Cézanne.

Einen Haken gibt es allerdings beim Transfer des Bilderschatzes: Bevor Gurlitts Erbe tatsächlich in die Schweiz gehen kann, muss Bayern eine Ausfuhrgenehmigung erteilen. Hier greift jetzt nämlich das von Kulturstaatsministerin Monika Grütters eingefädelte und umstrittene Kulturgutschutzgesetz. „Grundsätzlich unterliegt auch diese Sammlung dem Kulturgutschutzgesetz“, bestätigte ein Sprecher aus dem Büro Grütters’. Ein Münchener Team wird nun die Sammlung überprüfen, ob und welche Bilder es als „national wertvoll“ befindet und ob eine Ausfuhrgenehmigung erteilt wird. Der Freistaat ist zuständig, weil Gurlitt in München lebte und sich dort auch das zuständige Nachlassgericht befindet. Sollten sich die Bayern entscheiden, wertvolle Werke wie Matisse und Co. nicht ausreisen zu lassen, wird Bern nicht glücklich sein. Alles oder nichts – das Haus trägt schließlich Verantwortung für dieses belastete Erbe.