Konzertkritik

Auf dieses ABC-Konzert mussten die Fans 33 Jahre warten

Die britische Soul-Pop-Band begeisterte am Mittwochabend im Neuköllner „Huxleys“.

ABC-Sänger Martin Fry

ABC-Sänger Martin Fry

Foto: Uwe Anspach / dpa

ABC in Neukölln ist wie Montserrat Caballé beim Hafenfest Treptow: Eine von der Natur eigentlich nicht vorgesehene Begegnung von entgegengesetzten Polen der Glamour-Skala. Im „Huxleys“ ging die bizarre Versuchsanordnung am Mittwochabend allerdings voll auf. Es kam, um im Bild zu bleiben, zu jener Popexplosion, auf die man seit dem ersten Berliner Auftritt der Band 1983 im Metropol gewartet hatte.

Damals klagte man über den schiefen Streichersound und ein irgendwie holperiges Konzert. 33 Jahre vorgespult, haben ABC jetzt jene Anlage im Gepäck, um live aufzuführen, was ihre frühen Alben immer versprochen hatten.

Zum Auftakt steht das Duo Lewis & Leigh auf der Bühne. Ihr ausgeklügelter Harmoniegesang in Tradition von Emmylou Harris und Gram Parsons, einzig begleitet von der Akustikgitarre, passt wahrscheinlich besser in den Privatclub, wo das charmante und hier dennoch sehr gut aufgenommene walisisch-amerikanische Paar am 22. Januar spielt.

„Von der Sendung ‘Top of the Pops’ ging es direkt auf die Krebsstation"

Mit dem typischen Motown-Trommelintro starten dann ABC in den Abend. „When Smokey sings“ fasst schon in den ersten paar Zeilen zusammen, wofür diese Band immer stand: Die pfiffigsten Verse und feinsten Anzüge. Ohne große Vorrede folgt „How to be a Millionaire“. War die Single von 1984 eine Pop-Adaption des durch und durch synthetisch hergestellten Art-of-Noise-Sounds ihres ehemaligen Produzenten Trevor Horn, spielen ABC den Song in Neukölln als deftige Funkband. Sänger Martin Fry, in silber-schwarzem Smoking dessen Jackett innen im Farbton Las-Vegas-Sonnengelb gefüttert ist, vertieft sich trotz seiner 58 Jahre so lustvoll in den Groove, dass bis zum Konzertende sein Oberhemd nie länger als vier, fünf Takte in seinem Hosenbund verbleibt.

Der kompromisslose Elan und Optimismus, den selbst Frys wehleidigsten Texte noch verbreiten, steht im Kontrast zur nicht immer heiteren Bandgeschichte ABCs. Nach ihrem 1982er-Debüt „Lexicon of Love“, im Plattenregal des Pop-Olymps steht es zwischen „Revolver“ der Beatles und „Pet Sounds“ von den Beach Boys, beging man mit dem dumpfen Gitarrenrock-Album „Beauty Stab“ mal eben kommerziellen Suizid. 1987 erkrankte Fry zudem schwer. „Von der Sendung ‘Top of the Pops’ ging es direkt auf die Krebsstation“, sagte er später.

Nach 1992 nur noch solo, veröffentlichte Fry weiterhin ABC-Musik, oft respektabel aber Lichtjahre von der alten Klasse entfernt. 2003 sah man den Mann aus Großbritanniens verblühter Stahlstadt Sheffield bei „Superstars der 80er“ in der Wuhlheide. Ein Solitär zwischen glanzlosen Kollegen wie Kim Wilde und Jimmy Somerville. Ganz Showman, übernahm er dennoch die Bühne als stünde er im Madison Square Garden, vor sich ein Publikum aus Mode-Designern, Starlets und Mafiagrößen.

Eine Truppe, geeignet für Welttourneen und Sitcoms

Spricht Fry über solche Touren, sagt er Worte wie „Überlebensinstinkt“ und „Selbstkarikatur“. 2009 besann er sich dann doch noch auf seine Wurzeln und brachte „Lexicon of Love“ in die Royal Albert Hall. Hinter sich das komplette BBC Orchestra und seine Arrangeurin Anne Dudley als Dirigentin, der man seitdem für ihre Musik in Komödie „The Full Monty“ einen Oscar verliehen hatte. Naheliegend, dass Fry sich bald daran machte, das Lexicon fortzuschreiben. Teil zwei erschien unter Begleitung begeisterter Kritiken im Mai 2016.

„Viva Love“ von diesem „Lexicon of Love II“ ist Titel drei des Abends. Mutig früh für solch einen Neuling im Repertoire. Doch es fügt sich, ganz wie die besten Teile des Albums, wohlig ein ins vertraute ABC-Oevre. Martin Fry, dessen Band wie keine andere den intelligenten „New Pop“ der frühen 80er repräsentierte, liebt noch immer die Vermengung von Tiefgang und Oberfläche. Seine sieben Musiker müssen nicht nur am Instrument brillieren, sie sind auch als Darsteller besetzt.

Vom langhaarigen Gitarristen mit Indie-Flair, dem verbissenen Schlagzeuger, der vor jedem Londoner Glücksspielclub die Tür machen könnte, der schrille Saxofonist, auf dessen Kopf sich entweder eine Frisur oder ein schlafender Buntspecht befindet, bis hin zum begnadet jazzenden, im Sitzen spielenden Keyboarder mit dem Look zwischen Elvis Costello und einem Klassenkameraden von Harry Potter. Eine Truppe, zugleich geeignet für Welttourneen und Sitcoms.

„Wir sind aus den 80ern“, ruft Fry vor dem nächsten Stück. „Aber Ihr bestimmt nicht. Ihr seid 90er-Leute, aus der Zeit von Oasis, Blur und Pulp.“ Ein etwas kompliziert formuliertes Kompliment an das Publikum aus dem Umfeld des Jahrgangs 1967. Aber geistig fit sind diese Zuschauer in der gut gefüllten Halle ganz bestimmt. Seit Minute eins wird hier teils komplett mitgesungen, jedes Drumfill begeistert gelufttrommelt. Fry zeigt beeindruckt auf Zuschauer: „Unglaublich: Ein original ABC-T-Shirt von damals. Unglaublich: Ein original ZTT-T-Shirt von damals.“ Es ist, wie Konzerte der 80er-Bands heute nun mal sind – und das macht ihren Marktwert aus: wer zu ABC, OMD und der jüngst in Berlin ausverkauften Human League geht, wird hundertprozentig versichert: „Du bist von früher. Aber Du bist okay.“

So gut bei Stimme wie kein Sänger aus dem fernen Jahrzehnt

Souverän und ohne sich zu schonen, führt Fry durch die Hits. Dann sagt er einen Special Guest an, man hofft schon auf jemanden Großes, dann ist es aber nur Steve Norman, der Saxofonist von Spandau Ballet, einer zu Recht schlecht beleumundeten Angebertruppe, deren dreiste Kostümierung nicht einmal die Exzesse der buntgeschminkten New Romantic-Ära entschuldigten. Norman singt Spandau-Hit „Gold“. Das Publikum jubelt so sehr, dass man als Martin Fry jetzt beleidigt nach Hause gehen würde.

Doch sogar er ist ganz begeistert. So gut bei Stimme wie kein Sänger aus dem fernen Jahrzehnt, vollendet Fry den Abend viele Klassiker später mit der Single „The Look of Love“. Wo ein Bruce Springsteen nach 90 Minuten auf der Bühne zum ersten Mal ein bisschen die G-Saite nachstimmt, und Paul McCartney überlegt, später mal vom Bass ans Klavier zu wechseln, stehen die Jugendlichen der 80er-Jahre danach brav und zufrieden in der langen Schlange vor der Garderobe. ABC fahren indes im metallic grauen Tourbus, an dem wie am Nobelhotel „Four Seasons“ steht, zum nächsten Auftrittsort. Live erstmals mit überzeugender Band unterwegs, ein Album in der Hinterhand, das Vergleiche aushält, ist nicht ausgeschlossen, dass dieser Martin Fry eine erfolgreiche Zukunft vor sich hat.